Lokales

Ein Fest für Augen und Nase oder: Duftorgie am Nachmittag

WENDLINGEN Was kaum einer vermuten würde Wolfgang Jurisch hat sich sein kleines Paradies geschaffen, völlig unbeeindruckt von den einengenden Begleiterscheinungen der modernen Gesellschaft. Zwischen Neubaugebiet und Autobahn

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IRIS HÄFNER

erstreckt sich auf einem nicht unbedingt breiten, dafür umso längeren Wiesengrundstück ein Blütenmeer von Rosen: dicht gefüllt und damit kugelrund, zart und fein mit nur einem leuchtenden Blütenkranz geschmückt, rosa oder lachsfarben, knallrot oder weiß, dunkelstviolett oder zweifarben. Wer zur richtigen Tageszeit auf dem Feldweg entlangspaziert, kann noch weiteren Sinnesfreuden fröhnen, denn die unterschiedlichsten, angenehmen Düfte umspielen die Nase. "Der Duft ist während der wärmsten Zeit des Tages am intensivsten, also grob gesagt, zwischen 13 und 16 Uhr", sagt Wolfgang Jurisch.

Doch die Sonne wird von den Rosen nur bedingt geschätzt. Zwar sollten Rosen mindestens fünf Stunden Sonne täglich genießen können, fallen aber heiße Strahlen direkt auf die zarten Blüten, welken sie binnen kurzer Zeit und lassen ihre Köpfchen hängen. Doch auch das andere Extrem schätzt die Königin der Blumen nicht: Anhaltender Regen lässt die Kelche verfaulen.

Die Sortenvielfalt in Jurischs Garten lässt den Besucher einfach nur staunen. Kleine Pflänzchen recken selbstbewusst ihre ersten Knospen gen Himmel, daneben steht majestätisch ein riesiger Strauch, über und über mit rosa Blüten übersät. Geradezu reflexartig greift man nach einer der Blüten, taucht die Nase hinein und saugt genießerisch den Duft ein. So unterschiedlich wie die Rosen aussehen, so unterschiedlich riechen sie auch. Rosa foetida bicolor, eine über 300 Jahre alte Sorte, besticht neben ihrer Zweifarbigkeit auch durch ihren gewürzartigen Duft.

Im Garten von Wolfgang Jurisch finden sich etwa 700 Edelrosen und 300 Strauchrosen. "Edelrosen erkennt man daran, dass ihre Blüten größer sind. Sie werden auch jedes Jahr zurückgeschnitten", beschreibt der Unterboihinger den Unterschied. Sie werden zwischen 70 und 120 Zentimeter hoch und es sitzt nur eine Blüte auf einem Stängel. Weltweit gibt es etwa 40 000 verschiedene Rosensorten. Sie teilen sich in folgende Arten und Sorten auf: Alte Rosen, Teehybriden und Edelrosen, Beetrosen, Kletter- und Ramblerrosen, Strauch- sowie Kleinstrauchrosen, auch Bodendeckerrosen genannt. Auch einige Wildrosenarten wie die Apfelrose werden in vielen Gärten kultiviert.

Die Ramblerrosen sind bekannt für ihre weichen und langen Triebe. Deshalb werden sie gerne als Begrünung von lichten Bäumen verwendet. Bei Wolfgang Jurisch bahnt sich zurzeit eine rosa Sorte ihren Weg in die Wipfel eines Kirschenbaumes. "Das sieht richtig schön aus, wenn die vielen Blüten im Baum aufgegangen sind, allerdings blüht diese Sorte nur einmal im Jahr", beschreibt Wolfgang Jurisch.

Eine Lieblingssorte hat er nicht. "Mir gefallen Rosen", sagt er schlicht. Dann lässt er sich doch einige Kritierien entlocken, nach denen er eine neue Sorte auswählt. Die Blüte muss ansprechend sein. Pink ist eine favorisierte Farbe von ihm, doch gleichwohl finden sich zahlreiche gelbe, weiße wie etwa die wunderschöne Schneeeule oder rote Rosen in seinem Garten. Auch für englische Rosen hat er ein Faible, erst recht, wenn die Sorte gefüllt ist. "Vor allem aber müssen die Rosen duften", sagt der Gärtner.

500 Blüten an einem Strauch sind in seinem Garten keine Seltenheit. Kein Wunder also, dass sich der eine oder andere ungebetene Gast einschleicht, gräbt oder fliegt ganz zu schweigen von Zeitgenossen, die ihrem Zerstörungdrang freien Lauf lassen. Die Rehe hält dagegen ein Schafzaun fern, denn die jungen Triebe sind eine wahre Delikatesse für das Wild. Auch mit dem smaragdgrünen Rosenkäfer, der sich an den Blüten labt, hat der Gärtner keine Schwierigkeiten. "Ach, wenn der ein bisschen was frisst, brauch' ich das schon nicht mehr abschneiden", nimmt er die Sache gelassen. Ganz anders sieht es dagegen mit den Wühlmäusen aus. Während des langen Winters haben sie geradzu in seiner Anlage gewütet, selbst große Stöcke haben diesen Fress-Angriff nicht überlebt oder erholen sich zurzeit mühsam. "Ich pflanze jetzt nur noch mit Schutzgitter", hat Wolfgang Jurisch die Konsequenz daraus gezogen.

Der grüne Daumen wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Seine Oma hat ihn immer in ihren Garten mitgenommen, wo auch Gemüse angebaut wurde. "Noch mit 87 Jahren hat sie im Garten gearbeitet", erzählt der Enkel. Nach der Schule begann Wolfgang Jurisch eine Gärtnerlehre bei einer Weilheimer Baumschule. "Dort haben wir in einem Jahr etwa 480 000 Rosen veredelt und da wurde wohl auch meine Leidenschaft für Rosen geweckt", erzählt er versonnen lächelnd. Heute arbeitet Wolfgang Jurisch immer noch in seinem Beruf. Er ist einer von drei Gärtnern im Rober-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, die vier Hektar Gelände betreuen. Einmal in der Woche ist der Rosenfreund auf dem Großmarkt, denn er ist auch für die Floristik zuständig. So macht er beispielweise Gestecke oder Sträuße. "Auch der Winterdienst gehört zu unseren Aufgaben", so der Allrounder.

Wo Wolfgang Jurisch die meiste Zeit verbringt, ist somit klar. 40 Stunden beträgt seine reguläre Arbeitszeit, weitere 20 Stunden in der Woche, vor allem samstags, widmet er sich seinem Grundstück in Unterboihingen. Hauptarbeitszeit sind die Monate April, Mai und Juni. Unkraut jäten, Wühlmäuse bekämpfen, Rasen mähen und die Rosen pflegen all das kostet Zeit. Hier leistet der Schwiegervater, Gipser im Ruhestand, ganze Arbeit. "Der hat hier seine zweite Heimat gefunden", freut sich Wolfgang Jurisch über das gemeinsame Hobby. Neben den Rosen zieht der Gärtner nebenher noch Buchsbäumchen und Himbeeren, die im Spätsommer ihre Früchte tragen. "Der Boden hier ist so gut, da wächst alles, ohne dass ich gießen muss nicht mal im heißen Sommer 2003", erzählt Wolfgang Jurisch. Hin und wieder ist auch der Gang mit der Spritze unumgänglich. Vor allem den Sternrußtau fürchtet der Unterboihinger, aber auch gegen den Rosenrost geht er vor. Die wohl häufigste Krankheit bei Rosen dürfte jedoch der Mehltau sein. Die tritt nach der Erfahrung von Wolfgang Jurisch aber hauptsächlich dann auf, wenn die Rosen nah an Wänden stehen und die Luftzirkulation fehlt.

Wer schon in der Lehrzeit massenweise Rosen veredelt hat, dem fällt diese Arbeit nicht schwer. Okkulieren nennt der Fachmann diese Kunst. So hat der Unterboihinger dutzendweise spezielle Wildlinge gepflanzt, die später mit Edelrosen geadelt werden. "Die Wildlinge haben ein großes und kräftiges Wurzelsystem, das die Nährstoffe gut transportiert. Reine Edelrosen wachsen schwächlich und blühen auch nicht so üppig", erklärt Wolfgang Jurisch diese Rosen-Wissenschaft. Dann fällt ihm mitten in der schönsten Rosenblüte ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt für eine attraktive Sorte ein: "Hagebutten gehören genauso zu einer Rose, wie die Blüten. Wer Wert auf schöne Früchte im Herbst legt, kann auch hier spezielle Sorten wählen." Rosa pendulina Bourbon kann sich beispielsweise mit bis fünf Zentimeter langen Hagebutten schmücken.

INFOWolfgang Jurisch bietet auch Führungen in seinem Rosengarten an. Die nächste findet statt am kommenden Samstag um 14 Uhr. Treffpunkt ist der Kreisel am Ende der Kapellenstraße in Wendlingen.