Lokales

Ein flammender Appell für "Stuttgart 21"

"Alles wiederholt sich tausendmal": So lautet der Titel eines Chansons von Christiane Weber. Da mutet es nachgerade wenig an, wenn Professor Heimerl bei der Nürtinger CDU schon zum zweiten Mal für das nicht zuletzt auf seine Ideen zurückgehende Konzept von "Stuttgart 21" sprach. "Das ist Deutschland", merkte Stadtverbandsvorsitzender Thaddäus Kunzmann beim Neujahrsempfang im K3N mit einem Hauch von Sarkasmus an.

NÜRTINGEN Kunzmann kann offenkundig nicht verstehen, warum dieses Projekt immer noch nicht in trockenen Tüchern ist, obwohl die Argumente dafür nun schon mehr als tausendmal vorgetragen und abgewogen wurde. Und auch nicht nachzuvollziehen vermag er, warum nicht alle seine Euphorie in Sachen "Stuttgart 21" teilen. Er erinnerte im voll besetzten Panoramasaal daran, dass "die Geschichte der Wirtschaft immer eine Geschichte der Verkehrswege war "Württembergs wirtschaftlicher Erfolg begann erst mit der Eisenbahn". Beim Neujahrsempfang der Christdemokraten hatten er und später auch Heimerl leichtes Spiel: Hörbar wurde kein grundsätzlicher Widerspruch deutlich, die übergroße Mehrheit teilte die Meinung der beiden, dass die Vorzüge die Nachteile weit überwögen.

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Der Professor beantwortete die urschwäbische Frage "Worom braucht mr dees?" mit einem Hinweis darauf, dass "Deutschland das Transitland Nummer eins in Europa ist". Für die Wettbewerbsfähigkeit einer Region spielten optimale Verkehrsstränge eine immer größere Rolle: "Unser Eisenbahnnetz wurde im 19. Jahrhundert gebaut. Es wird in Kapazität und Struktur den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht." "Stuttgart 21" sei dabei ein Pioniervorhaben, weil erstmals nicht nur eine Trasse neu gebaut, sondern ein kompletter Knoten umgestaltet werden musste.

Von diesem Pioniergeist wurden indes nicht alle so heftig angesteckt wie der Erfinder des Projekts selbst 1988 habe er die erste Denkschrift zu einem Durchgangsbahnhof vorgelegt: "Weil wir nur so alle Hochgeschwindigkeitszüge dort anbinden können." Dass mittlerweile immer noch keine Entscheidung gefallen ist, gemahnt nicht nur Heimerl daran, dass eben nicht nur Gottes Mühlen langsam mahlen, sondern auch die diverser politischer Entscheidungsträger jenseits aller Koalitionsvarianten.

Und dann brannte der Professor zum Jahreswechsel ein wahres Feuerwerk an Pro-Argumenten ab: Durch die Bündelung mit der Autobahn könne die Trasse siedlungsfern verlaufen und trotzdem den Trumpf der Anbindung von Flughafen und Messe ausspielen. Wenn die Gleise in den Untergrund verlegt würden, eröffne dies auch große städtebauliche Chancen in Stuttgart. Zudem gebe es auch wesentliche Verbesserungen für den Regionalverkehr: "Mindestens so viele wie für den Fernverkehr." Das alles untermauerte er mit Statistiken und Grafiken, die manchen das eine oder andere Mal auch an die berühmten Schnittmusterbögen aus Frauenzeitschriften denken ließ. Aber am deutlichsten sprach der nackte Vergleich der Fahrtzeiten: Von Nürtingen zum Flughafen brauche man künftig statt 67 Minuten nur noch acht (wobei allerdings die Variante mit dem Bus von außen vor blieb). Zum Hauptbahnhof seien es nur 16 statt 34 Minuten. Das ließ Kunzmann wenig später regelrecht jubeln: "Nürtingen wird zum Flughafen- und Messe-Anlieger, ohne die Nachteile davon zu bekommen."

Den Gegnern des Projekts warf Heimerl vor, "mit schiefen Darstellungen die Bürger zu verunsichern". Ein Durchgangsbahnhof habe zum Beispiel eine wesentlich höhere Leistungsfähigkeit als der bisherige Kopfbahnhof. Wenn man Qualität auf der Schiene wolle, dann müsse ein Bahnhof in Stuttgart 36 Züge pro Stunde bewältigen: Ein Durchgangsbahnhof schafft spielend 51 und habe noch Luft nach oben. Um eine saubere Argumentation zu gewährleisten, räumte der Professor ein, dass auch ein Kopfbahnhof etwas mehr als die 36 Züge pro Stunde schaffen könne. Freilich: Dazu müsse auch er umfassend ausgebaut und ertüchtigt werden. Ausbau und Erneuerung des aus dem Jahr 1914 stammenden Bahnhofsbauwerks und seiner Anlagen seien aber "sehr aufwändig in Technik wie in Kosten". Die Logistik sei nur sehr schwer in den Griff zu bekommen. Und für die zuweilen genannten 1,155 Milliarden bekomme man eben nur das direkte Bahnhofsumfeld ertüchtigt. Für die Weiterführung Richtung Mettingen brauche man nochmals 1,4: "In der Summe macht das keinen Unterschied mehr zu ,Stuttgart 21'."

Für ihn gibt es mithin keinerlei Zweifel: ",Stuttgart 21' mit dem Neubau der Strecke über Flughafen und Wendlingen nach Ulm ist die einzig schlüssige Antwort auf die Frage nach einem zukunftsorientierten Schienenverkehr." Und noch eins merkte er an: "Es ist ein Trauerspiel, dass die Franzosen mit ihrer TGV-Trasse schon von Paris in Straßburg angekommen und wir noch nicht mal wissen, wie wir diese europäische Hauptstrecke über den Rhein hinweg nach Stuttgart und Ulm bringen."

Da gab es zustimmendes Grummeln im Saal, das sich in der Debatte in ein in Fragen verkleidetes Ja zu "Stuttgart 21" verwandelte. Und am Ende auch in Beifall für Thaddäus Kunzmanns Prophezeiung: "Man muss sich mal vorstellen, welche Möglichkeiten dieses Projekt unserer Stadt für die nächsten 50 Jahre eröffnet. Nürtingen wird der Gewinner von ,Stuttgart 21' sein!" Den entscheidenden Satz hatte er schon gleich zu Beginn gesagt: "So es denn kommt."

nz