Lokales

Ein Flickenteppich mit vielen Namen

Wie die CDU in Nordwürttemberg begann – Bündnis von Katholiken und Pietisten

Manche Ideen brauchen den richtigen Zeitpunkt. Schon 1924 gab es die Idee, eine christliche, überkonfessionelle Partei zu gründen. Erst 1945 war sie erfolgreich, die CDU entstand. Sie hieß nicht von Anfang an so und ihr Weg zur Volkspartei war nicht vorgezeichnet. Dies machte der Historiker und Bildungsreferent Günther Alius in seinem Referat im Gasthof „Krone“ in Brucken deutlich.

PETER DIETRICH

Lenningen. Seit neun Jahren arbeitet Alius an seiner von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützten Doktorarbeit zum Thema, nun ist das 500-Seiten-Werk fast fertig. Es ist die zweite Arbeit des Historikers zu den Parteien. In seiner Magisterarbeit ging es um die Anfänge der Liberalen um 1860. Auf Einladung der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft und des CDU-Gemeindeverbands Lenninger Tal stellte Alius vor 20 Zuhörern Teile seiner Forschungsergebnisse vor.

Viele Einflüsse markierten den Weg der CDU zur Volkspartei. Die Weimarer Republik hatte erwiesen, wie zerstörerisch eine Zersplitterung in Kleinparteien ist. Die Alliierten hatten ein Vierparteiensystem vorgegeben, also war neben KPD und SPD nur noch Platz für zwei weitere Parteien. Dass dies Christdemokraten und Liberale waren, stand keineswegs fest. In Städten wie Heilbronn, Leonberg, Heidenheim und Heidelberg kam es anfangs zu gemeinsamen christlich-liberalen Parteigründungen. Doch diese lokalen Bündnisse hatte keine große Chance. Bald kamen Anweisungen von oben, sie aufzulösen. Fast alle Gründungen gingen in der CDU auf, nur die „Heilbronner Volkspartei“ kam zur FDP/DVP.

Die CDU, so Alius, entstand als Bündnis von zwei Minderheiten, der Katholiken und Pietisten. Einer ihrer Vorläufer vor 1933 war die rein katholisch geprägte Zentrumspartei, die auf einen Stimmenanteil von rund 20 Prozent kam. Der Beschluss, sie nicht wieder zu gründen, fiel in Nordwürttemberg fast einstimmig – aber gegen den Willen des Rottenburger Bischofs Johannes Baptista Sproll. Der zweite Vorläufer war die evangelische Kleinpartei „Christlich-Sozialer Volksdienst“ (CSVD). Sie kam auf fünf bis sieben Prozent, in pietistischen Hochburgen auf bis zu 15 Prozent. Vom Württembergischen Bauern- und Weingärtnerbund stießen Einzelpersonen zur CDU.

Anders als die SPD, die auf Vorkriegsstrukturen zurückgreifen konnte, begann die CDU als Flickenteppich und unter ganz verschiedenen Namen. Im September wurde im katholischen Gesellenhaus in Stuttgart die „Christlich-Soziale Volkspartei“ (CSVP) gegründet, danach entstanden in ganz Nordwürttemberg Kreisverbände der neuen Partei. Die Gründungsversammlung der CSVP in Kirchheim war im Februar 1946, bei der ersten Gemeinderatswahl kam sie auf knapp 42 Prozent und stellte elf Gemeinderäte. In Esslingen begann die Partei als CDP, in Göppingen aus dem CVJM heraus, passenderweise im Hotel „Apostel“.

Durch die Zwei-Reiche Lehre Luthers erwiesen sich die Evangelischen bis 1934 nicht „als Speerspitzen der Demokratie“, erklärte Alius. Erst aus dem Widerstand gegen die Nazis heraus änderte sich dies. Er brachte Politiker, wie den in Kirchheim geborenen Theologen Eugen Karl Albrecht Gerstenmaier, hervor, der ab 1949 CDU-Bundestagsabgeordneter und ab 1954 gut 14 Jahre lang Bundestagspräsident war.

Beim Versuch, schwäbische Unternehmer, Handwerker und Selbstständige von der bei ihnen dominierenden DVP zur CDU zu bringen, war der 1913 in Oberlenningen geborene Papierfabrikant Klaus H. Scheufelen entscheidend. Nach seiner Rückkehr aus den USA trat er 1952 der CDU bei, wurde Zweitredner bei Erhards Bundestagswahlkampf und Gründer des Wirtschaftsrats der CDU.

Parteipolitische Untergliederungen wie diese – andere sind die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft, die Frauenunion, die Junge Union und der Evangelische Arbeitskreis – beschrieb Alius als „große Stärke der CDU“. Sie ermöglichten unter anderem eine größere Veranstaltungsdichte. Durch die Untergliederung „Union der Vertriebenen und Flüchtlinge“ nahm die CDU den Vertriebenenparteien kräftig Stimmen ab.

Vergleicht man den Katholikenanteil der Wahlkreise mit dem Stimmenanteil der CDU bei den ersten Wahlen, passen diese sehr gut zusammen. Bei der für die CDU erfreulichen Bundestagswahl 1953 gaben 21 Prozent der Befragten „religiöse Motive“ an erster Stelle als wahlentscheidend an. Dies wurde nur von der Person Adenauers (30 Prozent) übertroffen. Diese religiöse Motivation nahm, zumindest an erster Stelle, bei den folgenden Wahlen stark ab. Durch die gute wirtschaftliche Entwicklung, die der CDU zugeschrieben wurde, gewann die Partei 1953 viele Arbeiter für sich. Auch im städtisch-evangelischen Milieu legte sie zu, nur bei der evangelischen Landbevölkerung blieb sie schwach. Sie war als Volkspartei angekommen, was bei ihrer Gründung keineswegs ausgemacht war. Ob die CDU dies auch in Zukunft bleibe, ist für Alius offen – auch wenn die Entwicklung noch nicht ganz so kritisch sei wie bei der SPD.

Vom CDU-Landtagsabgeordneten Karl Zimmermann auf Lehren für die heutige Situation angesprochen, machte Alius bei den Kriterien einer Volkspartei „keinen Nachholbedarf“ aus. Mit der immer individuelleren Bevölkerung befinde sich Deutschland aber auf dem Weg zum Fünf- bis Sechsparteiensystem.

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