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Ein "frustrierter Heide" wird erster "Protestant"

Der Name Abraham steht normalerweise für den Vater, den Patriarchen und damit für alles Ursprüngliche, Konservative, Bodenständige. Der Frankfurter Religionswissenschaftler Yuval Lapide stellte den Vater des Judentums, des Christentums und des Islam bei seinem Vortrag im Rahmen der "Kirchheimer Reihe" dagegen auch als Revolutionär, Kämpfer und "Protestanten" vor.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "Im heutigen Irak fing alles an. Ur liegt in der Nähe von Basra." So berichtet Yuval Lapide, der auf Einladung des Evangelischen Bildungswerks und der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde nach Kirchheim gekommen war, über den Beginn des "Abenteuers Abraham", das er auch als "Abenteuer Glaube" bezeichnet. In Ur in Chaldäa erscheint Gott Abraham und sagt ihm, er solle fortgehen in das Land, "das ich dich sehn lassen werde". Yuval Lapide meint dazu: "Es war ein unglaubliches Wagnis, aus dem Zweistromland wegzugehen in das Heilige Land in ein Land, von dem er nie gehört hatte." Für damalige Verhältnisse habe es sich um eine kleine Weltreise gehandelt.

Weil Abraham die Reise auf sich nimmt, spricht der jüdische Religionswissenschaftler von einem "großen Akt des Gehorsams". Als wirklich revolutionär aber bezeichnet er das Gott-Mensch-Verhältnis im Falle Abrahams: "Damals hatten die Menschen Angst vor den Göttern. Um sie zu beschwichtigen, haben sie Opferorgien gefeiert." Kinderopfer und Tempelprostitution seien im Vorderen Orient gängige Praxis gewesen. Auch Abraham hat als Heide unter Götzendienern gelebt. Yuval Lapide: "Abraham war ein Heide, aber ein frustrierter. Er war nie zufrieden. Er hat immer Gott gesucht."

Bei seiner Berufung habe Abraham Gott erlebt. Wie ein großer Lichtstrahl sei Gott in sein Leben gekommen. Lapide verweist dazu auf andere Berufungsgeschichten, etwa auf die des Franz von Assisi. Dann spricht er von einer Bewegung: "Wer bewegt ist, bewegt sich und löst eine Bewegung aus." Bei Abrahams Zug nach Kanaan begleiten ihn außer seiner Frau Sara und seinem Neffen Lot bereits "die Seelen, die sie sich zu eigen gemacht hatten". Lapide lobt nicht nur an dieser Stelle Martin Bubers Übersetzung, weil hinter dem unüblichen Deutsch ein "hervorragendes Hebräisch" stecke.

Die Seelen, die Abraham sich zu eigen gemacht hatte, stehen Yuval Lapide zufolge für dessen Anhänger: "Rabbiner sagen, das waren die ersten Juden." An anderer Stelle bezeichnet Lapide Vater Abraham als den ersten "Protestanten": ",Protestare' heißt ,bekunden, ein Bekenntnis ablegen'. Abraham hat für Gott protestiert, sich zu Gott bekannt. Nur seinem Mut haben wir die Entstehung des Judentums und des Christentums zu verdanken."

Wichtig ist für Yuval Lapide auch, dass Gott Abraham um seiner selbst willen nach Kanaan ziehen lässt und nicht Gott zuliebe. Abraham muss nichts tun, um die Götter zu beschwichtigen, sondern soll zu seinem eigenen Wohle eine Reise zum inneren Selbst unternehmen: "Das ist die Antithese zum bisherigen Götterbild." Auch das Vertrauensverhältnis zwischen Gott und Abraham ist Lapide zufolge "radikal neu".

Die neuen religiösen Vorstellungen muss der "Protestant" Abraham auch in der neuen Umgebung bekannt machen: In Kanaan baut er seinem Gott "Schlachtstätten", Altäre, um den anderen zu zeigen, dass er Gott dient, nicht den Götzen. Den Götzendienern ist Abraham auch in Kanaan jeden Tag ausgesetzt gewesen. Lapide: "Das war die harte Realität. Aber gerade das macht Abraham so groß, und seine Frau natürlich auch. Beide waren Kämpfer." Sie hätten das Land Kanaan (was so viel bedeute wie "das zu unterwerfende") schließlich auch besiegt, "aber nicht durch Militär, sondern durch eine Idee: den Monotheismus."

Und so wie Abraham "aus seinem kleinen Kaff rauskommen und in die weite Welt ziehen musste", verhält es sich auch mit der monotheistischen Idee. "Mit dir werden sich segnen alle Sippen des Bodens", sagt Gott in Bubers Übersetzung zu Abraham alias Abram, Ibrim, Abrim, Ibram oder auch Ibrahim und wendet sich damit an Juden, Christen und Moslems gleichermaßen, denn so Yuval Lapide "Gott ist nicht kleinkariert."