Lokales

Ein Gesamtkunstwerk wird gründlich saniert

NÜRTINGEN Gute Kunst ist zeitlos, das mag durchaus gelten. Doch die Hallen, die sie beherbergen, sind wie ganz profane Gemäuer auch dem nagenden Zahn der Zeit ausgesetzt.

Anzeige

ANDREAS WARAUSCHDa macht auch die Sammlung Domnick droben auf der Oberensinger Höhe keine Ausnahme. Bald 40 Jahre hat das Haus, das die Kunstsammlung der Stiftung Ottomar Domnicks beherbergt, auf dem Buckel. Vor allem die Elektrik und der Beton der Außenwände zollen dem Alter zunehmend Tribut, auch der Skulpturengarten muss gründlich überarbeitet werden. Rund 1,5 Millionen Euro lässt sich das Land Baden-Württemberg die dringend notwendige Renovierung kosten. Anfang April schließt die Gemäldesammlung, der Garten bereits im nächsten Monat. Ende Oktober soll die Wiedereröffnung gefeiert werden.

Nervenarzt, Filmautor, Kunstsammler Ottomar Domnicks Lebenswerk ist umfassend. 61 Jahre war er alt, als sich 1967 für ihn ein Lebenstraum erfüllte. Abseits der Großstadt, seine Praxis stand in Stuttgart, und doch in verkehrstechnischer Reichweite der großen, weiten Welt, schuf er sich ein Museum zum Wohnen. Hoch über der Stadt Nürtingen, mit Blick auf die betörende Kulisse der Schwäbischen Alb. Architektur, Inneneinrichtung und Bildende Kunst verschmelzen, das Haus wird zum Ensemble. Noch heute ist es eine eigentümliche Behaglichkeit, die den Besucher auf der Oberensinger Höhe empfängt und zugleich umfängt.

In Paul Stohrer hatte Domnick, der 1989 starb, einen kongenialen Partner gefunden. Dem führenden Stuttgarter Architekt der Wirtschaftswunderzeit, so urteilten Kritiker, gelang mit der Sammlung Domnick sein bestes Werk. Der quadratische Baukörper, außen Beton und innen Backstein, hat 1000 Quadratmeter Grundfläche und ist in Quadrate aufgerastert. Bauhaus und "international style" lassen grüßen. Umschlossen wird das Haus vom 6500 Quadratmeter großen Garten. Domnick erwarb ihn 1976, dort sammelte er Plastiken.

Domnick sah das Haus als Forum für verschiedenste Künste. Auch heute noch finden Konzerte in der Sammlung statt. Das Haus wurde zum belebten, bewohnten Gesamtkunstwerk. So wundert es auch nicht weiter, dass die Sammlung denkmalschützerisch dem "verschärften Ensembleschutz" unterliegt, wie Stiftungskurator Werner Esser berichtet. Das macht die Renovierung, die nun, da das Haus in die Jahre gekommen ist, nötig, nicht unbedingt leichter. Viel gibt es zu tun. Doch ein Kahlschlag ist nicht möglich. "Man muss chirurgisch vorgehen", beschreibt Esser.

Vor allem die Elektrik machte in der letzten Zeit Sorgen. Die Zuleitungen sind allesamt veraltet, entsprechen daher nicht mehr den geltenden Bestimmungen. Da brennen schon mal Birnen durch. Verheerende Erfahrungen mit Kabelschmorbränden wie in der Weimarer Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek sollen dem schwäbischen Kunstkleinod erspart bleiben, wenn es nach Werner Esser geht. Mit Probebohrungen durch die Sichtbetondecken musste erst einmal der Leitungsverlauf offen gelegt werden.

Zudem muss die komplette Beleuchtungsanlage ersetzt werden. Die alten Kopfspiegellampen gefährden durch die große Hitze, die sie entwickeln, und ihre UV-Abstrahlung die Gemälde. Teilweise wurden die Lampen schon unter der Ägide von Essers Vorgänger ersetzt. Aber diese neuen Museumslampen mit ihrem sanften Licht entsprechen nicht der Intention Domnicks. Der Lichtbildner, der Helldunkeleffekte bewusst einsetzte, wollte die Bilder an der Wand durch die Punktstrahler erscheinungshaft in Szene treten lassen.

Auch die Alarmanlage wird ersetzt. Und selbst die Fenster vermitteln den Eindruck der Baufälligkeit. Sie sind blind geworden, da hilft kein Putzen mehr. Dennoch wäre dies ein finanziell kleineres Problem. Anders der Beton der Außenwände. Er muss gründlich saniert werden.

"Der Beton verliert mit der Zeit seine alkalischen Eigenschaften", schildert Esser. Die tragenden Eisenmatten werden geschädigt, sie rosten, dehnen sich aus und lassen den Beton aufplatzen. Das Urteil der Materialprüfer der Universität Stuttgart war eindeutig. Der Wein, der die Rückseite des Hauses bedeckte, schadete dem Beton ebenso. Er wurde entfernt. Künftiges Wuchern wird ihm nicht gestattet sein. Doch der grobe Sandstrahler kann hier nicht eingesetzt werden. Subtileres Vorgehen, so Esser, ist nötig, um im Sinne des Denkmalschutzes die Außenstruktur der Wände zu erhalten.

Auch im Garten liegt vieles im Argen. Er muss ausgelichtet werden, viele Skulpturen müssen regelrecht frei geschnitten werden. Das Gelände muss ausgeglichen werden. Die Wege aus Sicherheitsgründen vom Moos befreit werden. Und auch die große Hecke wird verschwinden und einer kleineren weichen. Das Gelände wird umzäunt, denn im letzten Jahr wurde der Garten dreimal von Wildschweinen heimgesucht. Auch die Boccia-Bahn wird wieder auf Vordermann gebracht.

"So kam eines zum anderen", resümiert Esser. Eine Großmaßnahme zeichnete sich ab. Eine Maßnahme indes, die die Stiftung überfordert. Sie deckt mit ihrem Sondervermögen die laufenden Kosten. Doch 1,5 Millionen Euro sind ein stolzer Betrag. Esser: "Das Land rettete uns." Schließlich ist es Besitzer der Stiftung. Und diesen Schatz gilt es zu bewahren, auch in finanziell schwierigen Zeiten.

Der Skulpturenpark schließt bereits Anfang Februar. Anfang April soll die Gemäldesammlung folgen. Wenn dann alle Gemälde ausgelagert sind, gibt es am 24. April ein Kehrauskonzert mit den Karlsruher Improvisationsjazzern Rudolf Theilmann und Helmut Bieler-Wendt.

ez