Lokales

Ein Heim für die Jugend "stadtnah und doch im Grünen"

Ein bedeutendes Stück Kirchheimer Nachkriegsgeschichte hat der Verein Evangelisches Jugendwohnheim Im Doschler geschrieben. Seit 50 Jahren kümmert er sich um "geeignete Unterkunft, Versorgung und Betreuung der hier aufzunehmenden Jugendlichen", die als "Nachwuchskräfte in Industrie, Handwerk und Handel" nach Kirchheim kommen.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Im Rahmen einer festlichen Mitgliederversammlung hat Eberhard Russ, der Vorsitzende des Wohnheimvereins, an die "Gründungsväter" erinnert, deren Sorge der Jugend galt: "Dieser Jugend wollten Sie", wandte er sich an Martin Scheuer, der als Gründungsmitglied an der Jubiläumsfeier teilnahm, "nach all den Wirrungen und Enttäuschungen des Krieges und der Vertreibung eine neue Orientierung geben mit dem Glauben an Gott als Grundlage."

Eberhard Russ zitierte aus einem Brief, den Amtsrat Erwin Wiedenmann im Januar 1955 an einflussreiche Persönlichkeiten in und um Kirchheim geschickt hatte: "Der Öffentlichkeit kann und darf es nicht gleichgültig sein, wie und wo unsere Jugend untergebracht ist und was sie in ihrer Freizeit treibt. Obwohl der Betreuung der Jugend und ihrer günstigen Beeinflussung Grenzen gesetzt sind, sollte doch nichts unversucht bleiben, um ihr zu helfen und sie zu bewahren vor den mancherlei Gefahren des Lebens. Ein im christlichen Geiste geführtes Wohnheim kann für manchen jungen Menschen zur Hilfe für sein ganzes Leben gereichen."

Die Gründungsversammlung war für den 31. Januar im Nebenzimmer des Gasthauses zur Linde angesetzt, und danach "ging es Schlag auf Schlag", wie Eberhard Russ weiter ausführte: "Das Haus wurde gebaut und 19 Monate nach Beschlussfassung, am 1. September 1956, eröffnet." Einen Überblick über die Anfangsjahre gibt ein weiteres Zeitzeugnis des Gründungsvorsitzenden Erwin Wiedenmann: der Abschlussbericht zur Finanzierung des Jugendwohnheims. Das Schreiben vom 14. Juli 1959 ging an das Regierungspräsidium Nordwürttemberg. Demzufolge war ein Drittel der etwa 100 Plätze mit Lehrlingen belegt, die beiden anderen Drittel mit "Jungarbeitern" und mit Förderschülern.

Die Bewohner kamen aus strukturschwächeren Gegenden Deutschlands nach Kirchheim, weil sie in der Stadt und der Umgebung Ausbildungs- oder Arbeitsstellen antreten konnten. Deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte spielte sich ebenfalls im Kirchheimer Jugendwohnheim ab, weil der überwiegende Teil der jungen Menschen aus der damaligen DDR kam. Erwin Wiedenmann schreibt in seinem Bericht vom Juli 1959: "90 Prozent unserer Heiminsassen sind aus der sowjetisch besetzten Zone, unter denen sich zwar auch viele anständige Jugendliche befinden, aber auch auffallend viele, die sich in eine feste Ordnung, wie sie für das Verbleiben im Heim Voraussetzung ist, nur sehr schwer einleben können."

Zeitgeschichte spiegelt sich bei vielen anderen Bewohnergruppen, die Eberhard Russ im Rückblick aufführte, genauso wider: Ungarnflüchtlinge, Spätaussiedler oder Berliner Kinder. Hinzu kamen im Lauf der Zeit schwer erziehbare Jugendliche, Kinder des Ferientagheims, angehende Hauswirtschaftshelferinnen und Auszubildende des Landmaschinenmechanikerhandwerks, die bis heute aus einem großen Einzugsgebiet zum Blockunterricht in der Max-Eyth-Schule nach Kirchheim kommen.

Der Vorsitzende des Wohnheimvereins ließ zum Jubiläum auch ein düsteres Kapitel der Vereinsgeschichte nicht unerwähnt: "Im Mai 1978 wurden eklatante Mängel der damaligen Heimleitung festgestellt." Auf diese Probleme ging er nicht näher ein, dafür aber auf ihre Lösung: Die Wahrnehmung des Satzungszwecks "ein Heim zu unterhalten, in dem Jugendliche im evangelischen Geist betreut werden" wurde mit Wirkung zum 1. August 1978 dem Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) übertragen. Damit begann ein erfolgreiches und unkompliziertes Kooperationsmodell, das nach wie vor Bestand hat.

"Die Lage des Heimes ist sehr günstig. Es liegt am Nordostrand der Stadt, kaum sieben Minuten vom Hauptbahnhof und nicht ganz zehn Minuten vom Zentrum der Stadt entfernt." Was Erwin Wiedenmann vor bald 46 Jahren geschrieben hat, gilt auch heute noch. Lediglich die Lage des Hauptbahnhofs hat sich geändert. Aber den Standortvorteil im Doschler bewirbt das Wohnheim auch im Jahr 2005 mit dem Slogan: "stadtnah und doch im Grünen".

Dass Werbung notwendig ist, erklärte Heimleiter Reinhard Gaus den Mitgliedern des Wohnheimvereins: Die Belegungszahlen vom vergangenen Jahr sind steigerungsfähig. Der Auslastungsgrad lag gerade einmal bei 63 Prozent, was Gaus als "ungenügend" bezeichnete. Im laufenden Jahr kommt das Wohnheim bis jetzt auf "zufriedenstellende" 77 Prozent, und der Heimleiter zeigte sich "guter Dinge, das halten zu können". In einem schwieriger werdenden Markt gelte es aber, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Neue Kunden sind beispielsweise Firmen, die ihre Belegschaft schulen.

Reinhard Gaus denkt längerfristig an ein Geschäftsfeld als Gästehaus für Tagungen und Seminare. Das gilt unter anderem für für CJD-interne Fortbildungsveranstaltungen. Auch Sprachkurse möchte das CJD im Kirchheimer Wohnheim gerne anbieten. Zum einen war von Integrationskursen für Migranten die Rede, zum anderen von Deutschkursen für Schüler aus Griechenland oder Litauen. Beziehungen zu entsprechenden Einrichtungen in beiden Ländern sind bereits vorhanden, wichtige Kontakte geknüpft.

Im Wohnheim der 50er-Jahre wäre ein solches Tagungszentrum sicher nicht zu verwirklichen gewesen. Aber das Haus ist in den vergangenen Jahren mehrfach umgebaut und renoviert worden. Aus den früheren Vier-Bett-Zimmern sind mittlerweile Zwei-Bett-Zimmer mit integrierten Nasszellen geworden. Weitere Umbaumaßnahmen kündigte Vorstandsmitglied Walter Unold an: "Es gibt Nachholbedarf bei den technischen Anlagen." Der Energieverbrauch sei für die Gebäude zwar angemessen, liege aber dennoch 40 bis 50 Prozent über dem, was bei einem modernen Bau von vergleichbarer Größenordnung zu Buche schlagen würde.

Um die Finanzierung dieser Maßnahmen wird sich der Wohnheimverein kümmern wie bereits vor 50 Jahren. Hartmut Hühnerbein, Vorstandssprecher des Kooperationspartners CJD, ermunterte in seinem Grußwort zur Jubiläumsversammlung ausdrücklich dazu, beim sozialen und sozialpädagogischen Engagement tatkräftig zu wirken und Neues anzupacken: "Wenn man immer nur nach dem Finanzierbaren schaut, findet bald gar nichts mehr statt."

Eine besondere "Neuheit" verbarg sich bei der Mitgliederversammlung hinter einer Formalität: Angelika Matt-Heidecker wurde in das vierköpfige Vorstandsgremium gewählt, zu dem seit 50 Jahren immer auch ein hochrangiger Vertreter der Stadt gehört hat. Mit der Oberbürgermeisterin hat der Vereinsvorstand jetzt allerdings zum ersten Mal in der Geschichte ein weibliches Mitglied.