Lokales

Ein Heimspiel im gläsernen Paradies

LAUSCHA Große Geschäftigkeit herrscht in dem ansonsten so beschaulichen Lauscha. Die Umrisse der dunklen, schiefergetäfelten und -gedeckten Häuser, die sich dicht an

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IRIS HÄFNER

dicht im Talgrund und an den steilen Hängen drängen, verschwimmen in der Dämmerung langsam aber sicher mit dem Hintergrund. In hellem Licht erstrahlt dagegen das Museum für Glaskunst, in das die Menschen zu Dutzenden in meist festlichen Kleidern strömen. Eine wahre Farborgie bietet sich im Innern des Gebäudes dem Besucher, die gläsernen Exponate funkeln in den Vitrinen um die Wette.

Doch kaum jemand interessiert sich für sie an diesem Abend heute sind sie ausnahmsweise nicht die bewunderten Stars, sondern der würdige und passende Rahmen für eine besondere Premiere: Petra Durst-Benning stellt ihren neuen Roman "Das gläserne Paradies" vor, den letzten Band der Trilogie um die Glasbläserinnen, die Lauscha ihren Stempel aufgedrückt haben.

Viele wollen die Autorin aus dem Schwäbischen, die von allen Seiten im Glasbläser-Städtchen Lauscha so herzlich aufgenommen wurde, hautnah erleben. Auch wenn die Karten schon längst ausverkauft sind, versuchen am Abend noch einige ihr Glück, einen Platz für die Lesung zu ergattern oder wenigsten einen Blick auf die Bestsellerautorin zu erhaschen. Einigen Fans genügt es sogar, das gekaufte Buch für eine Widmung zurücklassen zu können.

Es ist also ein Heimspiel, das Petra Durst-Benning auf ihre ganz eigene Art und Weise im Jahr der Fußball-WM im Thüringer Wald hat. Die Spannung steigt von Minute zu Minute nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei der Autorin. Premiere ist Premiere, egal wie viele Lesungen sie schon im Laufe der Jahre gehalten hat. So wird das Make-up überprüft und der Weg vom Hotel zum Museum in den eleganten Absatzschuhen dient trotz oder gerade wegen der riesigen Straßenbaustelle dem Lampenfieber-Abbau. Schließlich ist Petra Durst-Benning dank ihrer Tätigkeit im elterlichen Betrieb in der Kirchheimer Max-Eyth-Straße in Sachen Baustellen-Bewältigung recht geübt.

Wegen der großen Nachfrage hat auch das Museum eine Premiere. Per Video wird die Lesung vom ersten in den zweiten Stock auf einer Leinwand übertragen. Dicht an dicht sitzen die Besucher zwischen all den gläsernen Kunstwerken und lauschen gespannt den Worten der beliebten Autorin: "Mit steifem Rücken und versteinerter Miene ging Wanda in Richtung Bahnhof . . . Aus. Vorbei. Sie brauchte keine Contenance mehr zu zeigen. Niemand würde es mehr kümmern, ob sie heulte oder tobte oder ob ihr der Rotz aus der Nase lief wie bei einem kleinen Kind. Aber sie heulte nicht. Und sie tobte nicht. Sie spürte nicht einmal mehr ihre Traurigkeit, nicht die Angst und nicht die Sorge. Denn sie hatte alles verloren. Sie hatte die Menschen, die ihr am nächsten standen, enttäuscht, war eine Versagerin auf der ganzen Linie."

Mit hartem Tobak werden die Besucher gleich zu Beginn der Lesung konfrontiert. Auch wenn die Passagen im Laufe des Abends versöhnlicher werden, so ist der Tenor des aktuellen Buches klar umrissen: Wie gehen die Menschen in heutiger Zeit mit dem Thema Scheitern um? "Es ist kein Zufall, dass ich diese Problematik in den Mittelpunkt gestellt habe. Scheitern wird einem nicht beigebracht, es ist Tabuthema", ärgert sich die Autorin. Gerade in Zeiten des Umbruchs müsse damit offen umgegangen werden. "Arbeitslosigkeit kann jeden treffen, Insolvenzen sind an der Tagesordnung, viele Ehen und Beziehungen scheitern und immer noch sind dies Tabuthemen, und die betroffenen Menschen werden stigmatisiert", prangert Petra Durst-Benning an. Ohne ein gewisses Quäntchen Glück ist das Leben ihrer Ansicht nach aber nicht zu meistern. Da alle ihr Leben so nehmen müssen, wie es kommt, sei eine neue Kultur des Scheiterns mehr als angebracht. Jeder sollte den Mut haben, darüber zu sprechen und ein zweiter Versuch sollte jedem zugestanden werden. Ein Anfang ist nach Ansicht von Petra Durst-Benning schon gemacht. "Bei der Fußball-WM hat sich ganz Deutschland über einen dritten Platz gefreut wer hätte das vor kurzer Zeit noch gedacht", meint sie augenzwinkernd.

Stille herrscht im Saal, als die Autorin ihre Gedanken zu diesem Thema erläutert, jeder ist in Gedanken versunken, ähnliche Schicksalsschläge scheinen keinem fremd. Trübsinnig verlässt dennoch keiner den Saal. "Typisch für Lauscha ist der Mut zum Aufbruch und die Beharrlichkeit." Diesen Eindruck hat die Autorin im Laufe ihrer langjährigen Recherche gewonnen. Neue Wege seien die Menschen des Ortes schon immer gegangen, nicht erst seit dem Ende des Sozialismus. "Allein schon deshalb ist der Ort etwas besonderes", erzählt sie den Menschen, die ihr gebannt zuhören.

Bei allem Tiefgang kommt die Faszination Glas auch in diesem Roman nicht zu kurz. Die "Lauschner" werden in gewohnter Manier zum Leben erweckt und erzählen ihre Geschichten. Der Werkstoff Glas fasziniert nämlich nicht nur Wanda, denn: Was wäre die Welt ohne dieses Produkt? (Schau-)Fenster, Lupen, Schmuck, Vitrinen, Trinkgläser, Flaschen, Vasen, Glühbirnen, Nippes, Glaskugeln, Weihnachtsschmuck, Brillen und künstliche Augen für Menschen, Puppen oder Plüschtiere werden aus diesem Material gefertigt. Glas macht also das Leben nicht nur einfacher, sondern auch noch schöner. Beim Putzen der guten Stube kommt die Romanheldin Wanda auf manchen Gedanken. "Ich mag diese Szene, weil sich das Nachdenken über alltägliche Dinge lohnt", verrät Petra Durst-Benning und sinniert: "Würde es Champagner oder Sekt überhaupt ohne Glasflasche geben?"

Letztere sucht der Besucher in Lauscha (fast) vergebens, Sektgläser in sämtlichen Formen und Farben findet er dagegen an fast jeder Häuserecke. Große und kleine Läden, Handwerker und Händler bieten ihre gläsernen Produkte wie Vasen, Weihnachtsmänner, Christbaumkugeln, Schalen, Schmuck oder Murmeln auf den ganzen Ort verteilt an.

Familie Haberland ist einer der kleinen, aber feinen Handwerksbetriebe, der sich auf Christbaumschmuck spezialisiert hat. Seit Jahren schon ist Petra Durst-Benning mit ihr befreundet. Sachfragen werden mit dem Chef des Hauses erörtert, entsprechende Passagen im Buch liest er selbstverständlich Korrektur. Keine Frage also, dass bei einem Lauscha-Besuch an die Tür der Haberlands geklopft wird und ein freudiges Hallo auf beiden Seiten angestimmt wird. Die ersten zaghaften Versuche von Petra Durst-Benning, Glas zu blasen, fanden hier statt, wurden aber nicht weiter perfektioniert.

Zwar wird schon seit über 400 Jahren und somit lange vor den Büchern von Petra Durst-Benning Glas in nahezu jedweder Form in Lauscha hergestellt, doch so richtig bekannt geworden ist die kleine Stadt mitten im Thüringer Wald erst dank ihrer Romane, wie zahlreiche Gästebucheintragungen im Museum beweisen. Pünktlich zur Neuerscheinung "Das gläserne Paradies" gibt es "Maries Christbaumkugeln". Dabei handelt es sich um Weihnachtsbaumschmuck nach den Entwürfen von Marie, einer der drei Steinmann-Schwestern aus dem ersten Buch der Gläserbläserinnen-Saga, der originalgetreu wie vor hundert Jahren hergestellt und bemalt wurde. Diese Sonderedition wurde wenige Stunden vor der Buchpräsentation der Öffentlichkeit vorgestellt.