Lokales

Ein Herz für böhmisch-mährische Blasmusik

Im 50. Jahr seines Bestehens hat der Musikverein Neidlingen keine Nachwuchssorgen

Seit 50 Jahren prägt der Musikverein Neidlingen das kulturelle Leben seiner Gemeinde. Seine Veranstaltungen sind längst fester Teil des Neidlinger Jahreslaufs. Heute sind Männer und Frauen ausgewogen vertreten, in der Hauptkapelle mit knapp 40 Aktiven ebenso wie beim Nachwuchs. Doch begonnen hatte der Verein im Januar 1960 mit 22 Männern.

PETER DIETRICH

Neidlingen. Die Gedanken und Gespräche zur Gründung des Musikvereins Neidlingen reichen ins Jahr 1959 zurück. Am 15. Januar 1960 war es dann so weit. 22 Männer, darun­ter der damalige Bürgermeister Ernst Vogel, erschienen zur Gründungsversammlung. Sie wählten Karl Gseller zu ihrem Vorsitzenden, Hans Spengler zu dessen Stellvertreter und Schriftführer sowie Karl Ruoß zum Kassierer. Hauptaufgabe des Vereins, so steht es in der Satzung, ist die Förderung und Pflege der Volksmusik. Als erster Dirigent wurde der Weilheimer Georg Natto gewonnen, er blieb es elfeinhalb Jahre lang bis 1971. Wer kein eigenes Ins­trument hatte, musste dem Verein zwei Jahre lang ein zinsloses Darlehen von 150 Mark gewähren. Viele Musiker hatten ein Instrument, da sie parallel im kirchlichen Posaunenchor spielten. Sie mussten jedoch umdenken, weil sie im Violinschlüssel eine andere Stimmung gewohnt waren. Ein Instrument wurde von Emil Ruoß gestiftet.

Die Gründer gingen mit Elan zur Sache. Schon einen Tag nach der Versammlung kauften sie die fehlenden Instrumente, am 20. Januar trafen sie sich im Werkraum des Kindergartens zur ersten Probe. Wegen seiner niedrigen Decke erwies sich der Werkraum als akustisch ungeeignet, deshalb zog der junge Musikverein bald um ins Gasthaus Lamm. Schon im März trat er das erste Mal öffentlich auf, warb mit einigen Volksliedern für sich. Das Gründungsfest und die Trachtenweihe fanden im Juli 1962 statt.

Einige Veranstaltungen wurden schnell zur festen Tradition: Die Winterunterhaltung, das Platzkonzert am 1. Mai vor der Alten Schule, das Spielen auf dem Reußenstein an Himmelfahrt, eine Sommerhocketse, die Beteiligung am Zwetschgenmarktfest und das Spielen am Totensonntag auf dem Friedhof. Bis auf das Spielen an Himmelfahrt, das oft unter Wind und Regen litt, bestehen die Veranstaltungen bis heute. Die Winterunterhaltung ist, wie der ganze Verein, inzwischen vom Lammsaal in die 1994 gebaute Reußensteinhalle umgezogen.

Die im August 1968 begonnene Partnerschaft mit dem Musikverein Harmonie aus Andelsbuch im Bregenzer Wald dauerte nur kurz, sie schlief nach zwei Treffen wieder ein. Als Ablösung von Georg Natto sprang 1971 für einige Monate Erich Ruoß ein, bis der Ohmdener Rudi Walter den Taktstock übernahm. Er leitete auch die Jugendkapelle, die 1973 ihren ersten Auftritt hatte. Im selben Jahr war der Musikverein in der SDR-Rundfunksendung „Mit Volksmusik ins Land hinaus“ zu hören.

Ab Februar 1976 wurde die Hauptkapelle vom Weilheimer Willi Schwarz dirigiert. Beim Wertungsspiel im Weilheim erreichte der Musikverein im Juni 1977 in der Unterstufe einen 1. Rang. Walter Ruoß, der 1978 die Ausbildung und Leitung der Jugendkapelle übernahm, schuf dafür eigens in seinem Haus einen Übungsraum. Er gab der Nachwuchsarbeit einen gewaltigen Schub. Bis 1985 wuchs die Jugendkapelle auf 24 Musiker.

Im Juni 1979 erhielten die Musiker neue Trachten, die sie bis heute tragen und nachbestellen. Die Tracht wurde seither lediglich um eine Weste ergänzt. Beim großen Fest im Juni 1985 zeigte sich erneut die für Neidlingen typische gute Zusammenarbeit der Vereine. Drei Tage lang gestaltete der Musikverein das Programm im Festzelt am heutigen Standort der Reußensteinhalle. Dann übergab er das Zelt an den Turnverein Neidlingen, der sein 75-jähriges Bestehen feierte. Im November 1985 wurde Erich Ruoß, der seit 1981 dirigierte, auch zum Vorsitzenden gewählt. Seinen Vorsitz gab er 1987 an den Verwaltungsfachmann Karl Weißinger ab. Dirigent blieb er fast 16 Jahre lang, bis März 1997.

Im Jahr 1987 bewarb sich die Hauptkapelle bei der Böblinger Zeitung um die Teilnahme am „Wettstreit nach Noten“. Der Verein fuhr mit drei Reisebussen zur Böblinger Sporthalle, viele Schlachtenbummler brachte er mit. Erich Ruoß schnitt den Einzugsmarsch exakt auf die Länge des Weges vom Eingang bis zur Bühne zu. Mit „Holdrioh liebes Echo“ traf der Musikverein den Geschmack der 6 000 Zuhörer. Bei der Wertung, gemessen an der Lautstärke des Applauses, belegten die Neidlinger unter zehn Mitstreitern den zweiten Platz, hinter der Stadtkapelle Steinheim/Murr.

Mit dem Bau der Reußensteinhalle bot sich dem Verein die Chance eines eigenen Proberaums. Den Innenausbau erledigte der Verein selbst. In rund 1 000 Arbeitsstunden baute er eine Akustikdecke ein, verputzte Wände, verlegte den Boden, baute einen Lagerschrank und die Küchenzeile ein. Hinzu kamen Lautsprecher, Beleuchtung und Belüftung. Nun konnten auch die Musikinstrumente, Noten und Uniformen, die zuvor auf viele Dachböden, Scheunen und Garagen verteilt lagerten, an zentraler Stelle gesammelt werden.

Oft münden langwierige Musikproben in nur einem einzigen Auftritt. Um dies zu ändern und der konzertanten Blasmusik eine neue Plattform zu schaffen, organisierte Erich Ruoß im März 1996 das erste Gemeinschaftskonzert der Musikvereine rund um die Limburg. Jeder der Vereine aus Jesingen, Ohmden, Weilheim und Neidlingen trug zum Programm eine knappe halbe Stunde bei. Die Konzertreihe blieb über Jahre hinweg bestehen, die Veranstaltungsorte wechselten sich ab.

Mit Alexander Weis aus Unterlenningen übernahm im März 1997 ein junger Dirigent die Leitung. Er wollte dem Verein konzertante Blasmusik nahebringen, nahm Titel wie „Ross Roy“ und „La Storia“ ins Repertoire auf.

Seit Februar 2001 wird die Hauptkapelle von Frank Zuber, einem Deizisauer, dirigiert. Er ließ sich auch nicht durch die Vorwarnung „dia send et oifach“ von der neuen Aufgabe abhalten. Zuber, er ist Klarinettist und Musiker bei der „Föhrenberger Blasmusik“, legte den Schwerpunkt auf die böhmisch-mährische Musik. Damit traf er bei den Neidlingern auf volle Zustimmung. Im Oktober 2008 reiste der Verein zum Wertungsspiel für böhmisch-mährische Blasmusik nach Starzach-Bielingen im Nordschwarzwald. In der Mittelstufe erreichte er die Wertung „mit sehr gutem Erfolg teilgenommen“.

Konzertante Stücke werden vom Musikverein vor allem im Winter einstudiert und bei der Winterunterhaltung im Januar präsentiert. Zu dieser gehört nach dem musikalischen Teil immer ein Theaterstück, gespielt von Aktiven des Vereins. Eine Tradition, für die der Musikverein jüngst sogar Funkmikrofone beschaffte.

Das Frühlingsfest, das in den 1980er-Jahren beim Autohaus Velten begann, wurde nach dessen Wegzug im Jahr 2000 auf den Parkplatz beim Sportgelände verlegt. Den Vorsitz des Musikvereins hat im Februar 2005 Claudia Bayer übernommen, auch die Finanzen liegen seit 2003 mit Marianne Kuch in den Händen einer Dame. Im Mai 2006 hat der Musikverein einen Förderverein gegründet, der ihn vor allem bei der Jugendausbildung unterstützt. Seit April 2009 ist der Musikverein Neidlingen im Internet vertreten.

Über mangelnden Nachwuchs kann der Verein nicht klagen. Im Januar 2010 zählte die Jugendabteilung 42 Jugendliche, darunter 17 Kinder von sechs bis neun Jahren, für die der Verein seit zwei Jahren einen Blockflötenkurs anbietet. Zwischen neun und 13 Jahren folgt das Erlernen eines Blas- oder Schlaginstruments. Ab 13 Jahren ist der Wechsel in die Stammkapelle möglich. Die ehemals Aktiven treffen sich einmal im Monat zum Seniorenstammtisch, zu dem nach der Probe auch die aktiven Musiker kommen.

Sein Jubiläumsjahr begann der Musikverein mit einem Konzert mit den Lieblingsstücken seiner bisherigen Dirigenten. Zuvor war allerdings noch harte Arbeit angesagt: Bei zweistelligen Minustemperaturen begannen am 19. Dezember 2009 die Arbeiten auf dem Festplatz beim Sportgelände. In ehrenamtlicher Arbeit im Wert von rund 16 000 Euro erstellten Musikverein und Turnverein gemeinsam eine Sickergrube, Fundamente, Strom- und Wasseranschlüsse und verlegten an einem einzigen Tag 8 000 Pflastersteine. Noch im alten Jahr stand der befestigte Festplatz für die beiden Vereinsjubiläen – 50 Jahre Musikverein und 100 Jahre Turnverein Neidlingen – bereit.

Im Festzelt am Sportgelände

Am Samstag, 8. Mai, gibt es ab 20.30 Uhr Stimmung und Show mit der Kapelle „Allgäu Power“. Karten im Vorverkauf bei der Raiffeisenbank Teck in Neidlingen, Weilheim und Owen, der Kreissparkasse in Neidlingen und Weilheim, Auto-Velten in Weilheim, Auto-Baumann in Gosbach sowie unter Telefon 0 70 23/62 52.

Am Sonntag, 9. Mai, gibt es ab 11 Uhr einen Frühschoppen mit der „Föhrenberger Blasmusik“. Der Jubiläumsumzug durch Neidlingen mit Kapellen aus den umliegenden Vereinen und Festwagen der örtlichen Vereine beginnt um 14.30 Uhr. Er hat die 1960er-Jahre zum Thema. Ab 18 Uhr Stimmung im Festzelt mit dem „Bodensee Quintett“, Eintritt frei.

Am Montag, 10. Mai, gibt es ab 13.30 Uhr einen Kinderfestumzug. Ab 15 Uhr gibt es Unterhaltung im Festzelt mit den „Bad Boller Stammtischmusikanten“. Zum Abschluss gibt es ab 18 Uhr Stimmung und Tanz mit den „Lindachtalern“, Eintritt frei.

Bei Bedarf ist das Zelt beheizt. Der Musikverein Neidlingen ist nur beim Festumzug zu hören, den er anführt. Seine Aktiven sind ansonsten mit der Organisation des Festes ausgelastet.

Zum Jubiläumswochenende wird eine Festschrift erscheinen.

Weitere Infos unter: www.musikverein-neidlingen.de

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