Lokales

Ein Herz für brütende Vögel

Kleine Piepmätze werden vor Häckselmaschine verschont – Schnittgut bleibt länger liegen

Das ging gerade noch mal gut: Das Landratsamt Esslingen hat spontan entschieden, die großen Reisighäufen entlang der Kirchheimer Umgehungsstraße noch einige Wochen liegen zu lassen, bis der Nachwuchs der Heckenbrüter ausgeflogen ist.

An der B¿465 auf Höhe des Kirchheimer Freibads bleiben aus Vogelschutzgründen die Reisighäufen noch einige Wochen liegen. Der Sc
An der B¿465 auf Höhe des Kirchheimer Freibads bleiben aus Vogelschutzgründen die Reisighäufen noch einige Wochen liegen. Der Schredder bleibt den Jungvögeln erspart. Fotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Dieses Szenario gab es vergangenes Jahr tatsächlich: Ohne Rücksicht auf die brütenden Vögel wurden Jungvögel und Eier – möglicherweise auch der eine oder andere Altvogel – mitsamt dem Schnittgut durch den Häcksler gejagt. Als Holzhackschnitzel landete dann alles in entsprechenden Anlagen. Dies verwunderte und ärgerte einen Leserbriefschreiber, zumal im Landkreis Esslingen dank der Artenvielfalt in den Streuobstwiesen eine recht strenge EU-Vogelschutzverordnung umgesetzt werden musste – Stichwort Halsbandschnäpper.

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Heuer zieren wieder lange Gestrüppreihen die Kirchheimer Umgehungsstraße. Sollte sich etwa die Gedankenlosigkeit fortsetzen? Sollte auf der einen Seite dem Gesetz Rechnung getragen worden sein, rechtzeitig die Gehölze zu stutzen, auf der anderen Seite aber keine Rücksicht auf die Heckenbrüter genommen werden, und die Reisighäufen samt lebender Bewohner wieder geschreddert werden?

Fristgerecht hat die Kirchheimer Straßenmeisterei entlang der Verkehrswege in der Region wBäume und Hecken gestutzt und damit für entsprechende Sicherheit gesorgt. Spätestens Anfang März muss diese Arbeit getan sein, damit die Vögel ungestört ihrem Brutgeschäft nachgehen können. Doch noch immer wachsen die beiden großen Reisighäufen entlang der B 465 auf Höhe des Freibads beziehungsweise an der Lidl-Einmündung. Zwar reichte die Kapazität der Straßenmeisterei aus, bis zum gesetzlich vorgeschriebenen Termin die Gehölze zu stutzen, doch das Aufräumen des Reisigs nimmt ebenfalls viel Zeit in Anspruch und wird peu à peu nachgeholt. Der Standort am Freibad ist quasi ein Lagerplatz.

„Auch das Landratsamt muss nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten arbeiten“, sagt Pressesprecher Peter Keck. Deshalb sollte in den nächsten Tagen tatsächlich der Auftrag vergeben werden, das bis dahin fertig aufgestapelte Schnittgut zu häckseln. Der Standort am Freibad ist bewusst gewählt, um „wohnort- und erntenah“ Holzhackschnitzelanlagen beliefern zu können, so die Begründung der Behörde für das Vorgehen. Unumwunden gibt sie ihr Versäumnis zu. „Die Sensibilität muss noch wachsen, was die Brutzeiten der Vögel angeht – es ist jetzt aber in den Hinterköpfen drin“, ist Peter Keck überzeugt.

Das Landratsamt reagierte. Ein Anruf bei der Unteren Naturschutzbehörde brachte die Erkenntnis, dass das Brutgeschäft der Heckenbrüter in etwa sechs bis acht Wochen abgeschlossen ist. „So lange bleibt das Schnittgut liegen“, verspricht Peter Keck.

„Die öffentliche Hand, egal ob Städte oder Behörden, schert sich eigentlich wenig um die bestehende Verordnung zum Schutz der Brutzeit“, ist die Beobachtung von Dr. Wulf Gatter, Vorsitzender der NABU-Ortsgruppe Kirchheim. Erst dieser Tage habe er einen Arbeiter in „amtlichem Overall“ gesehen, der am Rossmarkt in Kirchheim Hecken gestutzt hat. „Das ist eindeutig ein Verstoß gegen das Naturschutzgesetz, das ja bewusst zum Schutz der brütenden Vögel erlassen wurde“, findet Wulf Gatter klare Worte. Zu eben jenem Schutz der Vögel, aber auch anderer Tier- und Pflanzenarten, bestimmt das Naturschutzgesetz Baden-Württemberg, dass vom 1. März bis 30. September Hecken, Bäume und Gebüsch grundsätzlich weder gerodet, abgeschnitten, auf Stock gesetzt noch auf andere Weise zerstört werden dürfen.

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