Lokales

Ein "Jahrhundertwerk " ist vollbracht

Mit einem offiziellen Festakt hat die Stadt Kirchheim am Freitagabend ihren umfassenden neuen Geschichtsband der Bevölkerung vorgestellt. Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker bezeichnete die 947 Seiten starke Stadtgeschichte als ein "Jahrhundertwerk".

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Zig Jahrhunderte Stadt- und Landschaftsgeschichte, von der Vor- und Frühgeschichte bis in die jüngste Zeit hinein, beschreibt das neue Kirchheimer Geschichtswerk. Passend dazu präsentierten die "Banchetto musicale"-Ensembles der Kirchheimer Musikschule unter der Leitung von Gertrud Junker beim Festakt in der Stadthalle Musik aus vier unterschiedlichen Epochen der Neuzeit mit Gesang, Blockflöten und Gemshörnern. Von der Renaissance über Soldatenmusik aus der Zeit des 30-Jährigen Kriegs und revolutionäre Gesänge aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bis hin zum Ragtime reichte die musikalische Führung durch die Jahrhunderte, die Stadtarchivar Rainer Kilian im Lauf des Abends durch einige Schlaglichter aus der schriftlich festgehaltenen Geschichte Kirchheims ergänzte.

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Zunächst einmal jedoch lobte Landrat Heinz Eininger die "vielleicht schönste und vielleicht auch lebenswerteste Stadt im Landkreis": Kirchheim sei die einzige der sechs Großen Kreisstädte im Landkreis Esslingen, die nun über eine aktuelle und umfassende Beschreibung ihrer Geschichte verfüge. Selbst dem Landkreis sei Kirchheim damit voraus. Besonders hob Eininger auch hervor, dass es sich bei der Stadtgeschichte um ein "echtes Kirchheimer Produkt" handle, da Autoren und Verlag aus der Stadt kämen oder ihr sehr eng verbunden seien.

Unter anderem deshalb steht für den Landrat fest: "Kirchheim zählt zu den Kraftfeldern des Landkreises, auch wenn es kein Oberamt mehr hat. Es ist der Stadt gelungen, eine neue Rolle zu finden, und einen wesentlichen Anteil daran haben ihr historisches Bewusstsein, ihre gewachsenen Strukturen und ihr Selbstbewusstsein, das wir nun in Form des Heimatbuches sozusagen mit Händen greifen können."

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker erinnerte in ihrer Ansprache an den sieben Jahre alten Gemeinderatsbeschluss, die Stadtgeschichte in Auftrag zu geben, und stellte angesichts der aktuellen Haushaltslage fest, dass es mittlerweile wohl kaum mehr eine Mehrheit geben würde für ein solches Projekt. Dennoch konnte sie der Gegenwart mit einem historischen Vergleich auch positive Seiten abgewinnen: "Die Situation der Stadt ist noch nicht so katastrophal wie Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Bürger die Stadt verlassen wollten, um den Drangsalierungen der Obrigkeit ein für alle Mal zu entkommen."

Außer Vergangenheit und Gegenwart gehörte es auch zum Thema der Oberbürgermeisterin, "Visionen für die Zukunft" zu beschreiben. Weit oben auf der "Agenda 2020" sieht sie die Aufgabe, die Wasserläufe, "die einst der Motor der Industrie in unserer Stadt waren", wieder erlebbar zu machen, insbesondere zwischen der Alleenschule und dem Riethmüller-Areal. Der Alleenring wiederum soll sich zu einem Boulevard mausern. Und nicht zuletzt gehe es auch darum, mit einer sozialen Stadtentwicklung für ein friedliches Zusammenleben zu sorgen und sowohl die älteren Menschen als auch die Jugendlichen stärker teilhaben zu lassen: "Wir müssen Kinder und Jugendliche dafür gewinnen, Verantwortung zu übernehmen. Das stiftet Identifikation."

Die Identifikation mit der Stadt und ihrer Geschichte sei in der Unternehmenspolitik der heutigen Druckerei GO Druck Media Verlag von Anfang an ein fester Bestandteil gewesen, betonte Verleger Ulrich Gottlieb in seinem Beitrag zum Festakt. Schon 1833 sei eine Stadtgeschichte aus der Feder des Pfandkommissärs Riecker erschienen mit der entscheidenden Parallele zum Jahr 2006, "dass schon damals eine gute Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung und unserem Haus die Grundlage für das Entstehen eines Heimatbuchs war".

Im 20. Jahrhundert war es dann Dr. Max Gottlieb, der Großvater des heutigen Verlegers, der sich um die Heimatgeschichte besonders verdient gemacht hat. So führte er 1965 die Reihe "Beiträge zur Heimatkunde" fort, in der Teckboten-Artikel zu historischen Themen gesammelt werden, baute bereits vor dem Zweiten Weltkrieg das umfangreiche Zeitungsarchiv des Teckboten auf und war sogar indirekt an der Grundsteinlegung des aktuellen Stadtgeschichtsbands beteiligt, wie Ulrich Gottlieb zu berichten wusste: "Nach dem Kriegsende durfte der Teckbote aufgrund des Verbots der Militärregierung während vier Jahren nicht erscheinen. Diese Zeit nutzte mein Großvater, zusammen mit anderen heimatkundlich interessierten Bürgern unserer Stadt, um das Städtische Archiv aufzubauen."

Der heutige Leiter des Stadtarchivs, Rainer Kilian, führte die rund 600 Zuhörer in der Kirchheimer Stadthalle anhand mehrerer Leseproben in das druckfrische Werk der Geschichtswissenschaft ein. Dadurch trat er gleich den Beweis an, dass das Buch "zwar anspruchsvoll, aber dennoch leicht und gut lesbar geschrieben ist". Es bestehe folglich kein Grund, sich von dem Wort "Wissenschaft" abschrecken zu lassen: "Ich bin mir sicher, dass diese exemplarische Stadtgeschichte alle befriedigen wird: die Kirchheimer Bürgerinnen und Bürger und das Fachpublikum weit über die Stadtgrenzen hinaus." Vor allem aber bedankte sich Rainer Kilian bei seinen vier Mitautoren, die allesamt "Kirchheimer Eigengewächse" seien.

Museumsleiter Rainer Laskowski habe mit seinem Kapitel "Vor- und Frühgeschichte" eine zusammenfassende Darstellung seiner über 20-jährigen Arbeit in Kirchheim vorgelegt. Als ehrenamtlich Beauftragter des Landesdenkmalamts für den Stadtbezirk Kirchheim habe er in dieser Zeit gemeinsam mit der Archäologischen Arbeitsgemeinschaft am Städtischen Museum "wesentliche Grundlagenarbeit" geleistet, die sich nun in der Stadtgeschichte widerspiegle. Als Beispiel dafür nannte Rainer Kilian das alamannische Gräberfeld im "Paradiesle". Die ersten Ausgrabungen seien dort bereits 1864 vorgenommen worden, die bislang letzten 1994: "Nach über 140 Jahren wird dieses Areal in der neuen Stadtgeschichte zusammenfassend dargestellt und erläutert, auch durch einen Übersichtsplan mit allen bisher dort bekannt gewordenen Fundstellen."

Das zweite Kapitel "Von der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 960 bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts" hat Rolf Götz geschrieben. Rainer Kilian zufolge konnte der Autor nun "die Ernte jahrzehntelanger Bemühungen einfahren und auch zum Teil die Ergebnisse der Stadtarchäologie verwerten und somit in einer für eine Stadtgeschichte fast einmaligen Weise archäologische und schriftliche Quellen zu einer Gesamtschau zusammenführen". Als Leseprobe hatte sich der Stadtarchivar die eindrückliche Schilderung des Jahres 1488 ausgesucht, als Graf Eberhard der Jüngere versuchte, durch eine Hungerblockade die Reform des Kirchheimer Klosters rückgängig zu machen, und sein Vetter Eberhard im Bart gezwungen war, das Kloster mit militärischen Mitteln zu befreien.

An dem Kapitel "Eine württembergische Amtsstadt von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des Herzogtums 1803" lobte Rainer Kilian unter anderem, dass die Autorin Rosemarie Reichelt immer wieder "Schmankerln" einfließen lasse. Als Beispiel nannte er die Skandalgeschichte um den hoch angesehenen multifunktionalen Beamten Silvester Eckher, dem 1564 nach 35 Dienstjahren nachgewiesen wurde, dass er "diebisch, bübisch, fälschlich, betrüglich und vielfältig wider seine Pflicht, Ehr und Eid" gehandelt habe. Obwohl Eckher zum Tode verurteilt wurde, hatte ein Gnadengesuch seiner Freunde Erfolg, weil Herzog Christoph wohl Skrupel gehabt habe, einen jahrelang als verdienten Beamten geltenden Mann derart zu bestrafen.

Auf Rainer Kilians Leseprobe aus dem Kapitel von Dr. Sabine Widmer-Butz "Aufbruch und Umbruch der Stadt im 19. Jahrhundert" reagierte das Stadthallenpublikum immer wieder mit großer Heiterkeit, obwohl oder gerade weil die Beobachtungen des Dekans Karl Ludwig Weitzel von 1851 jede Illusion von der scheinbar guten alten Zeit zerstören: "Eltern, Lehr- und Dienstherren klagen über Troz, Rohheit, Ungehorsam und selbst Untreue und Unterschlagungen bei der confirmirten Jugend. Eine wichtige Quelle dieser Erscheinungen ist der allzu frühe mißbräuchliche Wirtshausbesuch der jungen Leute."

Aus seinem eigenen Kapitel "Vom Ersten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende" las Rainer Kilian ebenfalls einen zeitgenössischen Bericht, den Kirchheims Bürgermeister Franz Kröning im September 1946 verfasst hatte. Dort heißt es, "dass es meist die einfachen Arbeiter- und Handwerkerfamilien sind, die während des Krieges alle Härten auszukosten hatten, auch heute sich der Not nicht verschließen, während die Personen oder Kreise, denen es während des Krieges nur zu gut ging, sich auch heute keinerlei Einschränkungen auferlegen wollen, der Verwaltung und den Flüchtlingen Schwierigkeiten bereiten, auf alle mögliche Art und Weise Wohnraum verschleiern".

Kirchheims Stadtarchivar beendete die Buchvorstellung mit einem Zitat Ciceros: "jucundi acti labores angenehm sind die vollbrachten Taten". Wer sich nun selbst von den vollbrachten Taten des fünfköpfigen Autorenteams überzeugen möchte, kann die Kirchheimer Stadtgeschichte ab sofort zum Preis von 39,90 Euro im Buchhandel oder am Schalter des Teckboten erwerben.