Lokales

"Ein Juwel, das der Kreis nicht aus der Hand geben sollte"

WEILHEIM Regen und Kälte haben das Schullandheim oberhalb Hepsisaus an diesem Vormittag fest im Griff. Das Gros der gut 70 Kinder und Jugendlichen hat sich ins Haus zurückgezogen, bis auf ein paar

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ANKE KIRSAMMER

Jungs, die dem unwirtlichen Wetter trotzen und neben dem Grillplatz gegen einen Ball treten. Düstere Wolken ziehen auch von politischer Seite über Lichteneck auf. Weil der Betrieb des kreiseigenen Schullandheims einen erheblichen Zuschussbedarf hat, nahmen während der Haushalts-planberatungen im vergangenen Winter gleich mehrere Fraktionen des Esslinger Kreistags die Einrichtung ins Visier. Die Vorschläge reichten vom Verpachten bis zum Verkauf des Heims.

Der Haushaltsplan für das laufende Jahr weist einen Zuschussbedarf von 423 600 Euro für den Betrieb des Schullandheims aus. Abzüglich interner Leistungsverrechnungen sowie Abschreibung und Verzinsung bleiben tatsächliche Kosten in Höhe von 132 000 Euro am Kreis hängen. An der Auslastung kann es nicht liegen. Knapp 10 000 Übernachtungen pro Jahr sind kaum zu toppen. "Dieses Jahr ist noch eine Woche frei für ein bis zwei Klassen", meint Heimleiter Markus Hänel mit Blick auf den Kalender über dem Schreibtisch in seinem kleinen Büro. Bereits jetzt gibt es Vormerkungen fürs Schuljahr 2007/2008. Viele Grundschulen im Landkreis haben gewissermaßen ein "Abo", buchen für ihre Viertklässler alljährlich die gleiche Woche, um den Schullandheimaufenthalt vor der eigenen Haustür zu sichern.

Der Standort ist ein idealer Ausgangspunkt für Ausflüge nach Holzmaden ins Museum Hauff, zum Reußenstein, zum Naturschutzzentrum bei Schopfloch, in die Gutenberger Höhlen oder ins Schopflocher Moor. Für größere Exkursionen werden für die Schüler in Lichteneck Lunchpakete hergerichtet, ansonsten kommt kindgerechtes Essen auf den Tisch. In den Ferien beziehen häufig Musikschulen oder Jugendliche des Kreisverbands der Blasmusik die 19 Vier-Bett-Zimmer.

Derzeit lotet die Kreisverwaltung aus, ob sich ein Pächter für die Einrichtung findet. "Wir wollen es in jedem Fall als Schullandheim weiterführen", sagt Kurt Fauser, Dezernent für allgemeine Verwaltung, Finanzen und Schulen. Denkbar wäre demnach von Seiten des Kreises, einen Träger mit einem Zuschuss zu unterstützen. Die andere Variante: Sponsoren an Land ziehen, mit deren Hilfe das Haus weitergeführt werden könnte wie bisher. Eine Lösung, die insbesondere Heimleiter Markus Hänel begrüßen würde. Der 35-Jährige ist in Lichteneck aufgewachsen. 2003 übernahm er die Leitung des Hauses von seiner Mutter. "Nächstes Jahr wird das Schullandheim 50 Jahre alt. Es wäre halt schade , wenn es dann in anderen Händen wäre. . .", sagt der zurückhaltend wirkende Mann. Die Einrichtung zu pachten kommt für Hänel aus finanziellen Gründen nicht in Betracht. Um an Sponsorengelder für den Kreis zu kommen, wählt sich der Heimleiter deshalb selbst die Finger wund. Denn viel Spielraum, um die Ausgaben für das idyllisch gelegene Haus an der Hepsisauer Steige zu minimieren, scheint es nicht zu geben. "Beim Essen ließen sich vielleicht ein paar Euro sparen", überlegt Hänel "aber sonst?" Umso mehr fürchtet er um seinen Job, sollte ein Pächter das Haus übernehmen. Der Heimleiter ist der einzige Vollzeitbeschäftigte; Teilzeitkräfte und Zivildienstleistende erledigen die übrigen Arbeiten in der Küche sowie im und ums Haus.

Fielen größere Instandsetzungen im Bereich der Außenanlagen an, konnte sich der Landkreis in den vergangenen 20 Jahren auf die kreiseigene Nürtinger Philipp-Matthäus-Hahn-Schule verlassen. Insbesondere die beiden Lehrer Albert Bosler und Andreas Allmendinger von der Bauabteilung nehmen die Patenschaft mit Lichteneck sehr ernst. Einmal im Jahr rücken sie für drei Tage mit einer Klasse an, um das Schullandheim auf Vordermann zu bringen oder dessen Attraktivität weiter zu steigern. "Die Jungs schaffen hier wie die Brunnenputzer bis spät in den Abend rein und entwickeln einen wahnsinnigen Ehrgeiz", erzählt Albert Bosler. So auch die Schüler des Berufsvorbereitungsjahres, mit denen er jüngst unter der Überschrift "Erlebnispädagogik" Tische und Bänke aus Massivholz für den Eingangsbereich gebaut hat. Das Okay für die einzelnen Vorhaben bekommt der gelernte Hochbautechniker von seinem Schulleiter meist auf dem "kurzen Dienstweg". Vor drei Jahren beispielsweise hat der technische Oberlehrer mit angehenden Zimmerleuten die Garage am Eingang des Schullandheims aufgebaut. "Von der Zeichnung über das Gesuch bis zum Bau haben wir alles mit Schülern des ersten Lehrjahrs gemacht", sagt Bosler.

Kaum ein Winkel, der nicht durch Händearbeit der Schüler aufgewertet wurde. In diesem Jahr richteten die Jugendlichen eine Treppe samt Geländer im Wald zum Bolzplatz her, arbeiteten 24 Kubikmeter Schotter, Split und Kies ein. Bei anderen Einsätzen wurden Wände in den Aufenthaltsräumen mit Holz vertäfelt, das obere Unterkunftsgebäude statteten die Schüler mit neuen Fensterläden aus, legten an einem Gebäude feuchte Wände trocken und montierten Vordächer aus Glas. Auch die sieben mit Schindeln gedeckten Häuschen des Naturlehrpfads rund um das Schullandheim, stammen aus einer Werkstatt der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule. Örtliche Bauunternehmen greifen den Schülern unter die Arme, indem sie kostenlos Maschinen zur Verfügung stellen.

Am meisten werden die Besucher des Schullandheims die Grillstelle samt achteckigem Pavillon genießen, der in Anlehnung an den weithin sichtbaren Glasanbau gestaltet wurde. Nach dem Vorbild dieser Konstruktion bauten Jugendliche der Nürtinger Berufsschule mit israelischen Kollegen vor zwei Jahren den Pavillon am ORT-Technikum in Givatayim auf. Im Herbst soll ein weiteres Gegenstück im arabischen Rama errichtet werden.

"Vor fünf Jahren hätte das hier keiner pachten wollen", meint Albert Bosler. Jetzt, wo alles in Schuss ist, gestalte sich die Suche wohl einfacher. Für ihn ist das Schullandheim mit seiner derzeitigen Mannschaft ein Juwel, das der Landkreis nicht aus der Hand geben sollte. Die familiäre Atmosphäre des Hauses überträgt sich auch auf den Umgang der Jugendlichen untereinander, hat der engagierte Lehrer in all den Jahren festgestellt. Selbst Klassen, in denen die Fahrt nach Lichteneck auf der Kippe stand, weil das Klima unter den Schülern nicht stimmte, seien als Team von den dreitägigen Arbeitseinsätzen an die Philipp-Matthäus-Hahn-Schule zurückgekehrt.

Ganz zu schweigen von der Anerkennung, die die Jungs in Lichteneck für ihre Arbeit bekommen. Würde das Schullandheim weiter wie bisher unter der Ägide des Landkreises geführt, könnte sich Albert Bosler sogar vorstellen, künftig zweimal im Jahr mit seinen Jungs im Schullandheim mit anzupacken und für anstehende Malerarbeiten die Farbabteilung der Otto-Umfrid-Schule ins Boot zu holen.