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Ein Kämpfer für "Freiheit, Frieden, Einheit"

KIRCHHEIM In jedem Lexikonartikel über Eugen Gerstenmaier wird auf seine Zugehörigkeit zur Widerstandsgruppe des 20. Juli verwiesen,

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ANDREAS VOLZ

auf den Aufbau des Evangelischen Hilfswerks im Nachkriegsdeutschland und auf sein Wirken als Bundestagspräsident. Jeder dieser drei Punkte wäre Grund genug, an den gebürtigen Kirchheimer zu erinnern, der heute hundert Jahre alt geworden wäre.

Nach der Habilitation Ende der 30er-Jahre sollte dem gelernten Textilkaufmann und promovierten Theologen Eugen Gerstenmaier eine glänzende Universitätslaufbahn bevorstehen. Doch es kam anders. Mit vielen seiner Ansichten der Bekennenden Kirche nahestehend, war Eugen Gerstenmaier in den Augen der braunen Machthaber als Lehrstuhlinhaber ungeeignet. Das hinderte das Regime freilich nicht daran, ihn im Kirchlichen Außenamt sowie im Auswärtigen Amt einzusetzen. Dadurch machte er eine permanente Gratwanderung durch zwischen Opposition einerseits und (Zweck-)Opportunismus andererseits.

Die Gefahren des Nationalsozialismus waren laut Gerstenmaier am Tag der "Machtergreifung", am 30. Januar 1933, keinesfalls zu erkennen. 50 Jahre später äußerte er sich dazu in einem Teckboten-Interview: "Dinge wie das KZ von Auschwitz, die Gasöfen, das entzog sich unseren Vorstellungsmöglichkeiten. Und wenn heute so Allerweltsgscheitle kommen und sagen, das wusste man schon von Anfang an, das konnte man aus dem Wesen des Nationalsozialismus, aus den Hitlerreden schon vor 33 erkennen, kann ich nur sagen: ,Wir nicht'. Vielleicht andere, übersinnlich begabte."

Trotzdem hat Eugen Gerstenmaier während der Nazi-Herrschaft etwas erkannt, was nicht viele gesehen haben: dass man handeln muss. Er hatte sich dem "Kreisauer Kreis" angeschlossen und wurde als Mitverschwörer des 20. Juli verhaftet. Das Attentat selbst bezeichnete er in jenem Interview vom Januar 1983 als unumgänglich: "Statt langer moralischer Rekapitulation kann ich als Mann, der nachher am 20. Juli mit dabei war nur sagen, warum haben wir den Kerl nicht schon in den ersten Wochen einfach über den Haufen geschossen. Das ist nicht christlich, das ist auch nicht gerade besonders vornehm, schon gleich gar nicht wohlklingend. Aber als ich später im Hausgefängnis von Himmler saß, als ich erlebt habe, wie meine Freunde einer um den anderen zum Galgen nach Plötzensee gefahren wurden, da habe ich mir gesagt, warum taten wir's nicht, eigentlich schon 33 . . ., warum eigentlich nicht . . ."

Der Nationalsozialismus und seine Folgen prägten auch Gerstenmaiers Leben nach der Befreiung aus dem Bayreuther Gefängnis. Kurz darauf organisierte er von Stuttgart aus den Aufbau des Evangelischen Hilfswerks. Dessen Zweck bestand zunächst darin, das Elend der Flüchtlinge zu lindern. Sechs Jahre nachdem Eugen Gerstenmaier die Leitung des Hilfswerks abgegeben hatte, vereinigte sich das Werk 1957 mit der Inneren Mission zum Diakonischen Werk, das sich bis heute um die sozialen Nöte in der Bundesrepublik sorgt.

Die Entwicklung der Bundesrepublik wiederum hat Gerstenmaier entscheidend mitgeprägt. 1949 als CDU-Abgeordneter für den Wahlkreis Backnang Schwäbisch Hall in den Bundestag gewählt, gehörte er als stellvertretender Vorsitzender, später als Vorsitzender dem Auswärtigen Ausschuss an. Der Verzicht auf die Außenpolitik fiel ihm entsprechend schwer, als er am 16. November 1954 die Nachfolge des verstorbenen Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers antrat.

Kein Geringerer als der 90-jährige Konrad Adenauer schrieb zum 60. Geburtstag des Parlamentspräsidenten Gerstenmaier vor 40 Jahren einen Artikel in der Zeitung "Christ und Welt". Darin heißt es unter anderem: "Wenn unsere parlamentarische Demokratie davor bewahrt geblieben ist, das Schicksal des unter der Weimarer Verfassung wirkenden Parlaments zu erleben, dann ist dies . . . nicht denkbar ohne die Führungs- und Überzeugungskraft des amtierenden Präsidenten unseres Parlaments." Weiter bezeichnet er Gerstenmaier als einen Politiker, "der unerschütterlich an der Rangordnung der Werte für die deutsche Politik ,Freiheit, Frieden, Einheit' festhält".

Zweieinhalb Jahre später waren bereits die politischen Wogen über Eugen Gerstenmaier hereingebrochen. Der gebürtige Kirchheimer, der trotz seiner langen Amtszeit als Bundestagspräsident nicht unumstritten war, musste sich mehreren Affären um den Vorwurf persönlicher Vorteilsnahme stellen. Einmal ging es um ein Jagdhaus im Hunsrück, das der leidenschaftliche Jäger über das Hilfswerk günstig mieten konnte, ein andermal um ein Grundstück in Stuttgart, das er zu Sonderkonditionen bekommen hatte und das er später mit hohem Gewinn zurückverkaufen wollte.

Gescheitert ist Bundestagspräsident Gerstenmaier aber erst Anfang 1969. Als Wiedergutmachung für die verweigerte Lehrerlaubnis im "Dritten Reich" hatte er sich von der Bundesrepublik eine Entschädigung zahlen lassen, deren Höhe und Zusammenstellung auf großes Unverständnis stieß: Rund 281 000 Mark erhielt er als Ersatz für Professorengehälter, die ihm zwischen 1943 und 1968 entgangen sein sollen. Diffamierungen, Distanzierungen und Verteidigungen rauschten damals durch den Blätterwald. Unabhängig davon, ob die Zahlungen rechtmäßig waren oder nicht die öffentliche Meinung sah sie als moralisch verwerflich an. Als Konsequenz blieb Gerstenmaier nur der Rücktritt am 23. Januar.