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Ein Kampf um die persönliche Würde

KIRCHHEIM Ludwig Baumann ist ein bescheidener Mensch, der unter anderen Umständen sicher ein weniger politisches Leben geführt hätte. Doch nachdem ihm, dem Deserteur aus dem Zweiten Weltkrieg,

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GABRIELE ROLFS

der Stempel des "Feiglings und Vaterlandverräters" aufgedrückt worden war, begann er, um seine Würde zu kämpfen. Dieser Kampf galt nicht nur seiner Würde, sondern gleichzeitig der Rehabilitierung aller, die durch ihre Fahnenflucht dem verbrecherischen Gewaltregime Hitlers den Gehorsam verweigert hatten.

Klaus Pfisterer von der Deutschen Friedensgesellschaft begrüßte in Kirchheim mit Ludwig Baumann aus Bremen einen der letzten Zeitzeugen, der noch etwas über die Geschichte der Deserteure im Zweiten Weltkrieg erzählen kann. Auffallend an Ludwig Baumann ist seine Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Nie würde er sich als Held bezeichnen, obwohl es einfach wäre, seine Entscheidung zum Desertieren als politisch durchdachte Tat hinzustellen. Wenn man ihn auf diesen zentralen Moment in seinem Leben anspricht, antwortet er zurückhaltend, dass man aufpassen müsse, sich später die Dinge nicht so zurechtzulegen, wie man sie haben mag.

Auslöser für seine Fahnenflucht seien zum einen Bilder aus der Wochenschau gewesen, die vom Winterkrieg in Russland berichteten und bei denen ihm klar wurde, dass er an so etwas nicht beteiligt sein wollte. Doch er sagt dann auch ganz aufrichtig, dass er einfach am Leben bleiben wollte.

Ludwig Baumann kommt aus einfachen Verhältnissen. Mit 14 Jahren begann er eine Maurerlehre, mit 15 verlor er seine Mutter und mit 19, zu Beginn des Krieges, musste er zur Marine. Bei der Hitlerjugend war er nie, und das Militär war für ihn eine entwürdigende Institution, deren Befehlen er sich von Anfang an schon bei Kleinigkeiten widersetzte. Als er bei einer Hafenkompagnie in Bordeaux stationiert war, nutzte er die Gelegenheit zur Flucht. Doch bald wurden er und sein Freund von einer deutschen Zollstreife gefasst und wegen Desertion zum Tode verurteilt gemäß der Weisung Hitlers: "Der Soldat kann streben, der Deserteur muss sterben."

Zehn Monate verbrachte Ludwig Baumann in der Todeszelle, nicht wissend, dass bereits nach sieben Wochen durch die Intervention seines Vaters das Todesurteil in eine Zuchthausstrafe von zwölf Jahren umgewandelt worden war. Jeden Morgen erwartete er, heute sterben zu müssen. Nach mehreren KZ-Stationen landeten er und sein Freund dann im Wehrmachtgefängnis Torgau, was von den beiden nur Ludwig Baumann überlebte.

Nach Kriegsende war Ludwig Baumann äußerlich frei, doch durch die gesellschaftliche Ächtung seiner Fahnenflucht kam er mit seinem Leben nicht mehr zurecht. Nach Alkoholproblemen ergriff er erst die Initiative, als seine Frau starb und er plötzlich mit sechs Kindern allein auf sich gestellt war. Er begann, um die Wiederherstellung seiner Würde zu kämpfen. Zuerst fand er Kontakt zu der Friedensbewegung. Dann begann seine eigentliche Lebensaufgabe: Der Kampf um die Aufhebung der Fahnenfluchturteile des Naziregimes.

1990 gründete Ludwig Baumann dann die "Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz". 1991 entschied das Bundessozialgericht, dass die Todesurteile unrechtmäßig gewesen seien, und so wurde den Hinterbliebenen der Soldaten eine Entschädigung zugesprochen. Im Jahre 1997 verabschiedete der Bundestag dann ein Papier, auf dem zu lesen steht, dass "der Zweite Weltkrieg ein Angriffs- und Vernichtungskrieg war, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen", mit der Folge für Deserteure, dass die von der Wehrmacht verhängten Urteile "unter Anlegung rechtsstaatlicher Wertmaßstäbe Unrecht gewesen seien soweit die begangenen Taten nicht auch heute strafwürdig seien.

2002 hat Ludwig Baumann nun endlich eine späte Widergutmachung erfahren, als der Bundestag mit rot-grüner Mehrheit die pauschale Aufhebung aller NS-Urteile zur Desertion beschlossen hat. Nachdem seine Gruppe über Jahre hinweg immer wieder im Bundestag gescheitert war, war dies ein großer Triumph für Ludwig Baumann. Doch sein Kampf geht weiter.