Lokales

Ein Keller voll mit Stadtgeschichte

Kurz vor dem Abbruch begutachtet Museumsleiter Rainer Laskowski das Gebäude Marktstraße 19

Mitten in Kirchheim könnte demnächst ein Keller abgerissen werden, den Museumsleiter Rainer Laskows­ki für exemp­larisch hält, um anhand der verschiedenen Baustufen die Geschichte der Stadt Kirchheim ablesen zu können.

Fachwerkhaus Marktstrasse 19 - Zimmerer Handarbeiten
Fachwerkhaus Marktstrasse 19 - Zimmerer Handarbeiten

Kirchheim. Das Gebäude Marktstraße 19 in Kirchheim, in dem bis vor Kurzem das Nähzentrum Zimmerer sein Domizil hatte, hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich. Aber selbst in der Geschichte seines bevorstehenden Abbruchs steckt schon eine Menge Bewegung mit überraschenden Wendungen. Ursprünglich habe der neue Eigentümer an eine Sanierung gedacht, teilt Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker auf Anfrage mit. Bei den Arbeiten habe sich dann herausgestellt, dass das Haus nicht mehr sanierungsfähig sei. Deshalb sei im Rathaus ein Abbruchantrag eingegangen.

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Aus Sicht der Stadtverwaltung gibt es bislang keine andere Möglichkeit, als dem Antrag stattzugeben. „Wir gehen davon aus, dass kein Denkmalschutz gegeben ist“, sagt die Oberbürgermeisterin. Sie ist darüber informiert, dass der Keller interessante Einblicke in die Stadtgeschichte bietet und dass dort wohl auch noch manches an archäologischen Funden zu erwarten ist. Aber trotzdem sieht der Antrag vor, auch den Keller abzubrechen. Theoretisch könne der Abbruch des Gebäudes schon am Montag beginnen.

Die anstehenden Abbrucharbeiten mitten in der Stadt bezeichnet Angelika Matt-Heidecker als „Operation am offenen Herzen“. Gerade in der sommerlichen Biergartensaison sollen deshalb besondere Auflagen gelten. So wird es einen Nassabbruch geben, um zu verhindern, dass es zu sehr staubt. Die Obergeschosse sollen von Hand abgebrochen werden, und über Mittag zwischen 12 und 14 Uhr sollen keine Abbrucharbeiten erlaubt sein. Das Ordnungsamt müsse für die Einrichtung der Baustelle „Wege finden, wie wir alle Interessen der Anrainer einigermaßen ausgleichen können“.

Der Bauantrag für den Neubau sehe einen weniger breiten Hauptbaukörper vor, der auch die vorgeschriebene Mindestdachneigung einhalten könne. Südlich soll zum benachbarten Kaufhaus hin ein ­schmaler Zwischenbau mit Flachdach anschließen, in dem Aufzug und Treppenhaus unterzubringen seien. Die Baugenehmigung sei zwar noch nicht erteilt, aber Angelika Matt-Heidecker rechnet trotzdem mit einem möglichen Baubeginn im September. Bis Mai oder Juni 2012 könnte der Neubau dann bereits fertig erstellt sein.

Museumsleiter Rainer Laskowski, der das Haus in seiner Eigenschaft als ehrenamtlicher Beauftragter für archäologische Denkmalpflege gemeinsam mit Fachleuten und mit seiner Archäologie-AG genau unter die Lupe genommen hat, fände es sehr bedauerlich, wenn außer dem Fachwerkbau auch noch der Keller abgebrochen werden würde. Im Fachwerkbau hat er mit hilfe des Bauforschers Tilmann Marstaller und mehrerer Studenten Erkenntnisse gewonnen, die für die geplante große Fachwerkausstellung im kommenden Jahr äußerst wichtig sind.

So sei das Gebäude eigentlich eine Art Doppelhaus gewesen – wenn auch mit einer einheitlichen Fassade. Die Teilung sei L-förmig gewesen. Der eine Besitzer hatte also die breite Stube zur Straße hin und einen vergleichsweise schmalen Schlauch im Hinterhaus zur Verfügung. Beim anderen war es genau umgekehrt. In Kirchheim sei eine solche Zweiteilung der Häuser eher die Regel als die Ausnahme gewesen, hat Rainer Laskowski erst kürzlich von Stadtführer Günther Erb erfahren. Und Studenten haben in dem Gebäude mittlerweile auch einen wichtigen Hinweis auf das Alltagsleben der Bewohner gefunden: Sie haben den Standort des Aborts ausfindig gemacht. Das muss ein Erker im Zwischenraum zum nördlich gelegenen Nachbarhaus hin gewesen sein.

Die Zwischenräume waren als Brandschutz gedacht, um eine Wiederholung des verheerenden Stadtbrands von Anfang August 1690 möglichst vermeiden zu können. Aber seine Spuren hat der Stadtbrand damals nicht nur in der Neubauplanung hinterlassen, sondern auch im Keller der heutigen Marktstraße 19. An den Steinen sind deutliche Brandspuren erhalten geblieben, wie Rainer Laskowski festgestellt hat. Zur Ausbesserung nach dem Brand sei Mörtel verwendet worden, der viele Holzkohlestücke enthält. Auch das ist ein Hinweis auf den Stadtbrand.

Das Gewölbe stammt also aus der Zeit vor 1690. Der Arietenkalkstein lasse sogar darauf schließen, dass der Keller aus der Anfangszeit der Stadt Kirchheim stammt, also aus dem 13. oder 14. Jahrhundert. Derselbe Stein ist auch in den Fundamenten der Kirchheimer Stadtmauer gefunden worden. Den großen Kellerabgang (sie­he Foto oben) von der Marktstraße her datieren Laskowski und Marstaller auf die Mitte des 16. Jahrhunderts, als Kirchheim unter Herzog Ulrich zur Landesfestung ausgebaut wurde. Nach dem Stadtbrand sei der Keller um das Doppelte vergrößert worden. Im hinteren, neuen Teil sei wohl im 19. Jahrhundert eine neue Treppe eingebaut worden. Diese Steintreppe ist für Rainer Laskowski ebenso wie die Schieferbodenplatten ein Beweis dafür, dass die Bauherren damals „über Geld verfügt haben müssen“. Die jüngsten Geschichtszeugnisse im Keller stammen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg: Verbindungstüren zwischen den Kellern, die zur Flucht bei Bombenangriffen dienen sollten, wurden nach dem Krieg wieder zugemauert.

Ob es heute noch zumutbar ist, Geld in die Hand zu nehmen, um den historischen Gewölbekeller und den südlich davon gelegenen halben Keller – der irgendwann vom Scheitel abwärts zugemauert wurde – zu erhalten, das muss jetzt das Landesdenkmalamt entscheiden. Rainer Las­kow­s­ki hat der Behörde seine Befunde schriftlich mitgeteilt. Sollte der Keller abgebrochen werden, sei zuvor noch nach „alten und ältesten“ stadtgeschichtlichen Zeugnissen zu suchen.

Fachwerkhaus Marktstrasse 19 - Zimmerer Handarbeiten
Fachwerkhaus Marktstrasse 19 - Zimmerer Handarbeiten