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Ein Kirchheimer "Botanicus" und Künstler an der Karlsschule

KIRCHHEIM Wenn im Schillerjahr 2005 eine Ausstellung im Alten Schloss in der Landeshauptstadt an die Stuttgarter Jahre des späteren

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ANDREAS VOLZ

Dichterfürsten erinnert, dann geht es vor allem auch um die Hohe Karlsschule, das Eliteseminar und pädagogische Steckenpferd des württembergischen Herzogs Karl Eugen. Und ein klein wenig hat das dann sogar mit Kirchheim zu tun. Zumindest fällt am Rande der Name eines gebürtigen Kirchheimers, der als "Eleve" von der Karlsschule geprägt wurde und der später als Lehrer seinerseits die kurzlebige Kaderschmiede Württembergs prägte: Johann Simon (von) Kerner. Heute vor 250 Jahren, am 25. Februar 1755, kam der Botaniker in Kirchheim zur Welt.

Der Sohn des "Gartenknechts" Johann Michael Kerner kam 1770 als einer der ersten "Zöglinge" an die herzogliche Militärakademie, die Karl Eugen damals an der Solitude eingerichtet hatte. Die strenge Zucht der Karlsschule entsprach wohl nicht so ganz den Vorstellungen des jungen Kirchheimers, der sich bereits ein Jahr später unerlaubt entfernte. Reumütig kehrte er nach kurzem Aufenthalt in seiner Geburtsstadt wieder zurück in die Erziehungsanstalt des Herzogs. Dort kam Kerner von der Gärtnerei recht schnell zur Botanik, seinem eigentlichen Fach. So genoss er etwa die Vergünstigung, im botanischen Garten eigenständige Studien betreiben zu dürfen.

Seine Talente beschränkten sich indessen nicht nur auf die Naturwissenschaft. Vielmehr war Johann Simon Kerner ein begnadeter Zeichner. Beide Veranlagungen verband er für seine zahlreichen Veröffentlichungen, darunter sein Pilzbuch von 1786 mit dem Titel "Giftige und eßbare Schwämme, welche so wohl im Herzogthum Wirtemberg, als auch im übrigen Teutschland wild wachsen. Mit 16 nach der Natur ausgemalten Kupfertafeln." Sein Hauptwerk ist der "Hortus sempervirens", ein Buch über "die merkwürdigsten Pflanzen Ost- und West-Indiens in 71 Theilen, von je 12 Tafeln", wie es in der Beschreibung des Oberamts Kirchheim von 1842 heißt.

Seiner besonderen Befähigung war es zu verdanken, dass Johann Simon Kerner ab 1780 an der Hohen Karlsschule, die inzwischen nach Stuttgart verlegt worden war, als Lehrer für Naturgeschichte und Botanik unter anderem auch das Fach "Tiere- und Pflanzenzeichnen" unterrichtete. Friedrich Schiller, knapp fünf Jahre jünger als Kerner und seit 1773 "Eleve" an der Karlsschule, verließ die Anstalt Ende 1780 und schrieb zu dieser Zeit gerade an seinen "Räubern".

Während Schiller sich 1782 ins benachbarte Ausland nach Mannheim absetzte, blieb Kerner der Karlsschule und der Stadt Stuttgart treu. Als "Botanicus" brachte er es zum Hofrat, wurde Mitglied der ökonomischen Fakultät an der Hohen Karlsschule und war schließlich Dekan dieser Fakultät, als Herzog Ludwig Eugen 1794 kurz nach dem Tod seines Bruders Karl Eugen die einmalige und einzigartige württembergische Bildungsanstalt schließen ließ.

Johann Simon Kerner wurde 1795 Aufseher des Pflanzenkabinetts und des herzoglichen botanischen Gartens. 1812 schließlich die Zeiten hatten sich unter Napoleons Einwirkung radikal gewandelt erhebt König Friedrich I. von Württemberg Hofrat Kerner als Ritter des "Civil-Verdienst-Ordens" in den Adelsstand und ernennt ihn zum "Oberaufseher der königlichen Gärten, Pflanzungen und Treibhäuser zu Stuttgart, Ludwigsburg, Monrepos, Freudental, Hohenheim sowie über die königlichen Baumschulen".

Unter König Wilhelm I. wird Johann Simon von Kerner 1817 Mitglied der "Centralstelle des landwirtschaftlichen Vereins". Auf einer Zeittafel im Erdgeschoss des Literarischen Museums im Kirchheimer Max-Eyth-Haus, wo zahlreiche Zeichnungen Kerners ausgestellt sind, steht über seine Tätigkeit in der "Centralstelle" zu lesen: "In dieser Funktion hat er wesentlichen Anteil an der Verbesserung des Obstbaus in den verschiedenen Anbaugebieten durch Unterweisung und Beratung vor Ort."

Zahlreiche Ehrungen aus dem In- und Ausland wurden Kerner im Laufe seines Lebens zuteil. Zudem war er Mitglied der verschiedensten Gesellschaften und Akademien. Als einer der ersten Ausländer wurde er in die 1804 in London gegründete "Royal Horticultural Society" aufgenommen. Auch die Freie Ökonomische Gesellschaft in Sankt Petersburg oder die Akademie der Naturwissenschaften in Madrid zählten den gebürtigen Kirchheimer zu ihren Mitgliedern.

Seine Heimatstadt hat Johann Simon Kerner Anfang der 1780er-Jahre mehrmals besucht. In ihrem Beitrag für Band 4 der Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs hat Ursula Kübler 1986 dargelegt, dass der Botaniker dabei eher unangenehme Erfahrungen machte. Sie schreibt von mehreren finanziellen Streitigkeiten um Zechen und Vorschüsse. 1782 heiratete Kerner Johanna Christiana Heinrika Walz aus Stuttgart. Das Ehepaar hatte sechs Kinder. Kerners Eltern lebten bis zu ihrem Tod in Kirchheim. Seine Mutter Salome starb 1796, sein Vater 1798. Auch diese Daten sind bei Ursula Kübler nachzulesen.

Nachdrucke von Zeichnungen Johann Simon Kerners werden heutzutage im Internet angeboten. Das Interesse an diesen außergewöhnlichen Werken ist also ungebrochen. In Lexika dagegen sucht man eher vergebens nach dem Kirchheimer, der am 13. Juni 1830 in Stuttgart gestorben ist. Dafür hat es aber einer seiner Schüler zu lexikalischen Ehren gebracht: Georges Cuvier (1769 1832) hatte zu Karlsschulzeiten Kerners Unterricht genossen. Cuvier gilt als Mitbegründer der Paläontologie.

Dass ein renommierter französischer Naturforscher in Stuttgart zur Schule ging, hat mit einer Besonderheit der württembergischen Geschichte zu tun und mit Cuviers Geburtsort: Montbeliard. Unter dem Namen Mömpelgard gehörten die Stadt und die umliegende Grafschaft von 1397 bis 1801 nahezu ununterbrochen zu Württemberg. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Johann Simon Kerner schon zu Beginn seiner Berufstätigkeit international wirken konnte.