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Ein klares Nein zu zweiter Start- und Landebahn

Eine Resolution gegen eine zweite Start- und Landebahn am Stuttgarter Flughafen wurde gestern in der Kreismitgliederversammlung der Grünen in der Alten Seegrasspinnerei in Nürtingen verabschiedet. Steffen Siegel, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Filder, und der Nürtinger Landtagsabgeordnete Winfried Kretschmann gaben Statements zu dem Thema ab.

MATTHIAS EBERSPÄCHER

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NÜRTINGEN Für das Nein zum Flughafenausbau gibt es für die Grünen mehrere Gründe: Die jetzt schon ausgelasteten PKW-Anfahrtswege zu Flughafen und Messe, die Umweltbelastung durch Lärm und Abgase, unter der die ohnehin schon lärmgeplagten Filderbewohner leiden. Zudem würde ein Ausbau weitere Landwirtschaftsflächen mit kostbaren Lössböden beanspruchen. Die Chancen, großen Widerstand gegen den Ausbau zu organisieren, stünden nicht schlecht, da die Filderkommunen schon zuvor Resolutionen gegen den Ausbau verabschiedet haben, so Siegel.

Die Geschäftsführer der Flughafengesellschaft, Georg Fundel und Walter Schoefer, ließen bereits im März verlauten, dass die maximale Kapazität des Flughafens zu Stoßzeiten schon erreicht sei. Im vergangenen Jahr gab es 160 000 Flugbewegungen. 180 000 soll die Bahn etwa verkraften. Mit einer zweiten Bahn könne der Flugverkehr aber nur um höchsten 30 Prozent gesteigert werden: Beide Bahnen lägen zu nahe beieinander, um völlig unabhängig voneinander genutzt werden zu können.

Zur Prüfung, ob eine zweite Bahn die Kapazitätsprobleme des Flughafens lösen kann, wird den Flughafenchefs zufolge zurzeit ein Gutachten erstellt. Bei den Grünen befürchtet man aufgrund der Wahl eines Flughafenfreundlichen Gutachters eine Prognose, die den Fildern weitere Belastungen zumutet. Siegel: "Das Gutachten wird den Flughafen nicht in seine Schranken weisen." Franz Untersteller (MdL) sah deswegen den Bedarf eines von den Fildergemeinden in Auftrag gegebenen Gutachtens. Ministerpräsident Günther Oettinger wollte im März für einen Flughafenausbau "kein Denkverbot" erteilen. Er bezeichnete es in einer Veröffentlichung als Recht und Pflicht der Flughafenleitung, über eine zweite Start- und Landebahn nachzudenken.

Winfried Kretschmann warf der Landesregierung hingegen vor, unglaubwürdig zu agieren: Bei Anträgen des Züricher Flughafens auf mehr Genehmigungen von Anflügen über Baden-Württemberg, stelle sich die Landesregierung quer, zu einer zweiten Start- und Landebahn in Stuttgart gebe es dagegen kein klares Dementi. Wegen der wirtschaftlichen Interessen werde mit zweierlei Maß gemessen. Mit Oettingers vagen Formulierungen könne dann in fünf Jahren zugeschlagen werden, so Kretschmann. Die Grünen bestehen aber auf den Zusagen der ehemaligen Ministerpräsidenten Späth und Teufel, wonach keine zweite Startbahn gebaut wird. Hier stünde auch die Glaubwürdigkeit der Politik auf dem Spiel, schreiben die Grünen in ihrer Resolution.

Eines der größten Probleme sieht Kretschmann im Straßenverkehr: "Für das zusätzliche Verkehrsaufkommen durch Messe und noch höhere Passagierzahlen gibt es kein Konzept. Auch von Herrn Fundel nicht." Die Kreismitglieder waren sich einig: schon jetzt ist der Verkehrskollaps auf den Fildern perfekt. Stuttgart 21 und die geplante ICE-Trasse könnten den Pkw-Verkehr nicht mindern, da die meisten Messebesucher mit dem Auto anreisten.

Anhand eines Ausbauplans für eine zweite Startbahn, der bis vor einigen Tagen noch auf der Flughafen-Homepage erhältlich war, zeigte Siegel auf: Bei dem Bau einer zweiten Startbahn südlich der bestehenden, sei sogar ein Überschneiden mit der A 8 möglich. So müsste die Startbahn entweder untertunnelt oder die Autobahn sehr nahe an Scharnhausen vorbeigeleitet werden. Ein anderer Knackpunkt sind für Siegel die Billigflüge. "Das Bedürfnis für touristische Billigflüge wird durch den ständigen Vorantrieb erst geschaffen." Für wirtschaftlich relevante Geschäftsflüge reichten die Kapazitäten des Flughafens noch sehr lange völlig aus. Billigflieger schadeten der heimischen Wirtschaft, indem sie Kaufkraft ins Ausland oder in andere Regionen exportierten. Alleine der Flughafen würde profitieren und das auf Kosten der Anwohner. Man sei nicht für dafür, Billigflieger vom Stuttgarter Flughafen abzuschieben, sondern deren Wachstum zu begrenzen. Man müsse die Steuerentlastungen für Flugverkehr aufheben, denn er trage in dramatischem Ausmaß zur Klimaveränderung bei, heißt es in der Resolution. Laut Siegel fände zwischen oberen Luftschichten und unteren Luftschichten nur wenig Austausch statt. So werde vor allem bei hohen Langstreckenflügen "eine Art Drecksglocke" erzeugt. Klimawandel betreffe heute jeden: "Beim Spritverbrauch der Flugzeuge ist nicht mehr viel zu machen. Deswegen bedeuten mehr Flugbewegungen auch direkt stärkere Umweltbelastung", so Kretschmann.

Siegel sagte für das Verhalten der Flughafenführung zwei Möglichkeiten voraus: Entweder man strebe eine kleinere Variante einer zweiten Start- und Landbahn an oder man wolle, wenn die Kapazitäten nicht mehr ausreichten, das Nachtflugverbot wieder einschränken. Nun hofft der Kreisverband, dass der Landesverband dieser Resolution bei seiner Landesdelegiertenkonferenz am 11. und 12. November in Bad Krozingen zustimmt.