Lokales

Ein Kleinod geht in die Offensive

"Kirchheim ist attraktiv und kann noch attraktiver werden." Klaus Lindemann, Geschäftsführer der Regio Stuttgart Marketing und Tourismus, sprach den Kirchheimern aus der Seele. Genau das ist es, was man in Kirchheim will: Attraktiver werden unter touristischem Blickwinkel. Helfen soll dabei niemand anders als die Regio Stuttgart.

IRENE STRIFLER

Anzeige

KIRCHHEIM "Wir wollen uns neu positionieren", erklärte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Angestrebt wird eine verstärkte Ausrichtung auf Tages- oder auch Wochenend-Tourismus unter weiterem Ausbau der Stadtführungen, die mit dem Kapital "Kultur" wuchern. Die Radtourangebote sollen ebenfalls erweitert werden, und auch um die wachsende Zahl von Wohnmobil-Nutzern will man in Kirchheim buhlen. Um entsprechend Gehör zu finden, scheint die Regio Stuttgart Marketing und Tourismus die geeignete Plattform zu bieten. Die Mitgliedschaft ist allerdings mit einem Austritt aus dem Tourismus-Verband Schwäbische Alb verknüpft, denn Doppelstrukturen gilt es zu vermeiden.

"Kirchheim ist ein echtes Kleinod", lobte Klaus Lindemann die Stadt vor dem Gemeinderat. Es handle sich nicht etwa um eine "touristische Mogelpackung", vielmehr habe die Stadt wirklich etwas zu bieten. Er und auch der Regio-Vorsitzende, Bürgermeister Martin Joos aus Bad Überkingen, machten deutlich, dass der vor zehn Jahren gegründete Verein nicht an jedem potenziellen Mitglied interessiert sei: "Wenn alle Städte und Gemeinden aus dem Verband Region Stuttgart Mitglied sind, ist das Ganze sinnlos." Es gilt vielmehr, sich von den anderen 178 Städten und Gemeinden abzuheben. "Die Regio tut Kirchheim gut, aber auch umgekehrt", betonte Matt-Heidecker selbstbewusst. Klaus Lindemann verriet im Ratssrund bei dieser Gelegenheit, vor zehn Jahren schon mal vorgesprochen zu haben in Kirchheim, jedoch "die kalte Schulter" gezeigt bekommen zu haben.

Namen nach außen tragenHeute wird die Regio mit offenen Armen unter der Teck aufgenommen. Kirchheim ist nämlich allzu "hälinge schee", es tut sich mit seiner Vermarktung schwer, vor allem im überregionalen Bereich. "Wir müssen unseren Namen mehr nach außen tragen", forderte Stadtmarketing-Fachfrau Gabriele Huttenlocher. Natürlich kämpfte Kirchheim auch in der Vergangenheit nicht allein. Gute Noten stellte Huttenlocher der langjährigen Mitgliedschaft im Verkehrsverein Teck-Neuffen aus, für die jährlich 2400 Euro berappt werden. Auf Kulturtourismus zielt die noch junge Mitgliedschaft bei der Deutschen Fachwerkstraße, die 2200 Euro pro Jahr kostet. Knapp 2000 Euro plus Sonderzahlungen bei Aktionen kostet bislang die Mitgliedschaft im Tourismusverband Schwäbische Alb, dessen Schwerpunkt der Urlaubs- und Ferientourismus ist. Ein Terrain, auf dem es Kirchheim nicht leicht hat mit der Profilierung.

Bei der Regio hofft nun die Stadt, sich inmitten eher großstädtischer Orientierung als Kleinstadt am Alb-rand besser präsentieren zu können. Natürlich gilt das besondere Augenmerk dem schon bald erwarteten Messe-Tourismus. Doch nicht nur das. Im Wesentlichen geht es generell darum, das Image der Stadt zu verbessern, die Angebote besser zu vermarkten und dadurch die Einnahmen für die Stadt zu steigern beziehungsweise das Mittelzentrum Kirchheim zu stärken.

"Wir sind Dienstleister und wollen für Sie etwas tun", zeigte Klaus Lindemann Bereitschaft, Kirchheims Wünsche in die Tat umzusetzen. Bei einem im bisherigen Vergleich ausgesprochen stattlichen Mitgliedsbeitrag von knapp 22 000 Euro wird Kirchheim vielfältig vertreten und kann sich unter anderem im i-Punkt in der Stuttgarter Königsstraße, dem "Schaufenster der Region" präsentieren. "Wir wollen, dass diese Region eine der attraktivsten bleibt von ganz Europa", erläuterte Lindemann die Vision des Vereins. Tatsächlich liest sich die Statistik positiv: So konnte die Zahl von drei Millionen Übernachtungen in der Region vor zehn Jahren auf 5,5 Millionen heute gesteigert werden. Auch Kirchheim, dessen Übernachtungsstatistik durch ein Auf und Ab gekennzeichnet ist, könne jährlich durchaus 50 000 Übernachtungen erzielen, prophezeite Lindemann. Aber: "Wenn Sie nicht buchbar sind, kommt zu ihnen keiner!"

"Sie haben bei uns offene Türen eingerannt", bescheinigte Christoph Tangl, Vorsitzender der Grünen Alternativen, dem Referenten, und signalisierte wie auch Vertreter anderer Fraktionen Zustimmung zu dessen Konzeption: "Werbung ist teuer, aber keine Werbung ist noch teurer." "Platt von diesem Liebeswerben", zeigte sich gar Ralf Gerber von den Freien Wählern und sprach in Bezug auf den Gemeinderat von einem "Abend der seltenen Einmütigkeit". CDU-Stadträtin Melanie Kübler dämpfte die allgemeine Euphorie mit einem Schuss demonstrativem Realismus: "Wir werden Kirchheim zwar nicht zu einer touristischen Hochburg ausbauen können, aber auch im Tagestourismus liegt eine große Chance."

Fußball-WM 2006Diese Chance will Kirchheim auch bei der Fußball-WM 2006 nutzen. Klaus Lindemann präsentierte schon mal vorab die sechs Spieltermine in Stuttgart zwischen dem 13. Juni und dem 8. Juli 2006. "Den Gästen, die zu diesen Spielen anreisen, wollen wir die Region zeigen", argumentierte er. In den Städten rundum hoffe man auf Feste, Freiluftveranstaltungen mit Großleinwänden und ähnliche Aktivitäten. Auch Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass dabei "Flair und Faszination" nach Kirchheim gebracht werden könne. Skepsis legte hier allerdings SPD-Vertreter Andreas Kenner an den Tag. Er outete sich als begeisterter Fußballfan und erzählte in blumigen Worten von den Folgen mancher Fan-Ausschreitungen in England wie auch anderswo auf dem Erdball. Anknüpfend an den WM-Slogan "Die Welt zu Gast daheim bei Freunden" lautete sein persönliches Fazit: "Da kommen nicht nur Freunde zu uns."