Lokales

Ein Krankenhaus zieht um

Mitarbeiter und Patienten der Klinik Plochingen sind mit Sack und Pack nach Kirchheim umgesiedelt

Es war ein aufregender Tag für Ärzte, Pfleger und Patienten: Die Innere Abteilung des Plochinger Krankenhauses ist gestern mit Sack und Pack nach Kirchheim umgezogen. Die Klinik Kirchheim freut sich über die Verstärkung. Für die Plochinger ist es ein Neuanfang zwischen Wehmut und Aufbruchstimmung.

Angekommen: Patientin Frida Krohn ist vom Plochinger Krankenhaus nach Kirchheim mit umgezogen. Begleitet wird sie von den DRK-Mi
Angekommen: Patientin Frida Krohn ist vom Plochinger Krankenhaus nach Kirchheim mit umgezogen. Begleitet wird sie von den DRK-Mitarbeitern Rolf Wieder und Marc Sachsenmaier. In Plochingen verladen Mitarbeiter einer Umzugsfirma Kartons und Möbel (kleines Foto). Fotos: Jean-Luc Jacques/Roberto Bulgrin

Plochingen/Kirchheim. Frida Krohn will nicht gefahren werden. „Ich kann laufen“, sagt die alte Dame, schnappt sich ihre Handtasche und tippelt an der Liege vorbei zur Tür. Ende der Diskussion. DRK-Mitarbeiter Marc Sachsenmaier zuckt mit den Achseln und lacht. Dann packt er ihre Taschen auf die Liege. Gemeinsam mit seinem Kollegen Rolf Wieder begleitet er die 78-jährige Rheumapatientin zu den Aufzügen. Überall in den Fluren stehen Möbel und Umzugskartons herum, die heute noch den Weg ins Kirchheimer Krankenhaus antreten. So wie Frida Krohn auch. Die Hochdorferin gehört zu den letzten Patienten, die das Plochinger Krankenhaus verlassen.

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Schade finde sie es, dass es das Krankenhaus nun nicht mehr gibt, sagt Frida Krohn, als sie im DRK-Rettungwagen sitzt, der sie nach Kirchheim bringt. „Ich war dort immer rundum zufrieden“.

Bei den Mitarbeitern des Plochinger Krankenhauses lässt sich die Stimmungslage an diesem Tag nicht mit einem Wort beschreiben. „Wenn jemand 25 oder 30 Jahre hier gearbeitet hat, dann ist das, als ob man das eigene Haus verlässt“, sagt Chefarzt Bernhard Hellmich, der gerade von seiner Visite zurückkommt – der letzten im Plochinger Krankenhaus. Natürlich sei Trauer da, andererseits aber auch Aufbruchstimmung. „Die neue Einbindung in ein größeres Haus ist für viele interessant.“ Und glücklicherweise würden die Teams ja nicht auseinandergerissen, sondern die Station bleibe intakt.

Seit dem Kreistagsbeschluss, der im vergangenen Dezember die Verschmelzung der Inneren Abteilungen in Kirchheim beschlossen und damit das Ende der Somatik in Plochingen besiegelt hat, haben die Mitarbeiter sich auf diesen Tag vorbereitet. Federführend waren verschiedene Projektgruppen, die unter anderem mit Mitarbeitern und dem Betriebsrat besetzt waren. „Das war uns ganz wichtig, um Akzeptanz zu schaffen“, sagt Pressesprecherin Iris Weichsel auch im Hinblick darauf, dass die Stimmung in der Belegschaft seit dem Bekanntwerden der Schließungspläne denkbar schlecht war. Thorsten Lukaschwewski, Ärztlicher Direktor der Klinik Kirchheim, freut sich vielleicht auch gerade deshalb darüber, dass dennoch kein Mitarbeiter gekündigt hat. „Einige sind in die Kliniken nach Nürtingen und Ruit gewechselt, aber die große Mehrheit zieht mit nach Kirchheim“, sagt Lukaschewski. Insgesamt sind es 80 Menschen, die sich am heutigen Tag von „ihrem Krankenhaus“ verabschieden müssen.

Als kleines, feines Krankenhaus ist Plochingen oft beschrieben worden, aber trotz der überschaubaren Größe fällt eine beachtliche Menge an Dingen an, die nach Kirchheim gebracht werden müssen, vom Schrank bis zum Nachttopf. Die Umzugsfirma ist mit sieben Lkw und 25 Mitarbeitern im Einsatz, die zwischen Plochingen und Kirchheim hin und her pendeln. 30 Fuhren sind geplant. Die Apotheke transportiert ihre Medikamente selbst, ebenso wie die Medizintechnik ihre sensiblen Geräte. Die Betten, die schon frei waren, wurden bereits vor ein paar Tagen mit eigenen Lkw nach Kirchheim geschafft und stehen nun für die Patienten bereit.

Auch für die Patienten, die nicht rechtzeitig vor dem Umzug entlassen werden konnten, musste ein Plan her. „Wir haben jedem Patienten angeboten, dass er vorher nachhause gehen kann, aber bei manchen war es einfach nicht möglich, weil sie nicht gehen können oder schwere Infektionserkrankungen haben“, sagt Thorsten Lukaschewski. Acht Patienten werden es an diesem Tag sein, die vom DRK sitzend in Bussen oder liegend in Rettungswägen nach Kirchheim gebracht werden. Theoretisch hätte man Kapazität für 30 Patienten gehabt. „Wir haben zwar vor einer Woche die Rettungsdienste gebeten, Notfälle ab sofort nicht mehr nach Plochingen bringen. Aber wenn wir nochmal eine große Welle an Durchfallerkrankungen bekommen hätten wie vor zwei, drei Wochen, hätten wir die Plätze gebraucht“, sagt Thorsten Lukaschewski.

Frida Krohn hat ihren Umzug gut überstanden. Immer noch zu Fuß und sichtlich vergnügt lässt sie sich von den beiden DRK-Mitarbeitern ins Kirchheimer Krankenhaus begleiten. Dort ist für sie alles bereit. „Willkommen in Kirchheim“. Pflegedirektor Norbert Nadler schüttelt der alten Dame die Hand. Sie ist die erste Patientin auf der neuen Station, die ursprünglich für die Psychiatrie vorgesehen war und nun Rheumatologie wird. Mitarbeiter der Umzugsfirma wuseln durch den Flur. Nach und nach trudeln Mitarbeiter aus Plochingen ein, die Kisten vor sich hertragen. Eine hat ein kleines Kofferradio in der Hand. Eine andere trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kreiskrankenhaus Plochingen“. Auch der Chefarzt wird bald eintreffen. „Wir haben für morgen schon die ersten Patienten stationär einbestellt. Die Ambulanz fährt nächste Woche hoch“, sagt Bernhard Hellmich.

Für die Verantwortlichen im Kirchheimer Krankenhaus geht mit der Verschmelzung der Inneren Abteilungen eine Zeit zu Ende, die durch viele interne Umzüge und eine teils drastische Bettenknappheit gekennzeichnet war. „Durch verschiedene Bauphasen hatten wir zeitweise nur 210 Betten in Betrieb. Teilweise mussten Patienten in Behandlungszimmern übernachten“, sagt Thorsten Lukaschewski. Ab morgen seien es 254 Betten, ergänzt Norbert Nadler, ab dem Herbst sogar 278 Betten. Ob es dabei bleibt, ist jedoch noch nicht gesagt, die Gespräche zwischen dem Landkreis Esslingen und der Stadt über die Fusion der Kliniken laufen. Eines steht fest: In Plochingen gibt es nur noch die Psychiatrie. Die Innere Abteilung ist ab sofort geschlossen, die Räume werden geputzt und versiegelt. „Und dann warten wir ab, bis die großen Entscheidungen getroffen werden“, sagt Norbert Nadler.

Angekommen: Patientin Frida Krohn ist vom Plochinger Krankenhaus nach Kirchheim mit umgezogen. Begleitet wird sie von den DRK-Mi