Lokales

Ein Lebenswerk fügt sich zusammen

ESSLINGEN Otto Borst gilt als "Altmeister schwäbischer Geschichtsbetrachtung." Sein letztes großes Werk, die "Geschichte Baden-Württembergs Ein Lesebuch", an dem er über ein Jahrzehnt lang gearbeitet hatte, ist jetzt im Konrad-Theiss-Verlag erschienen.

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Otto Borst verstarb im Jahr 2001, noch bevor er das Buch fertig gestellt hatte. Die fehlenden Kapitel ergänzten die Herausgeber Susanne und Franz Quarthal durch bereits von Borst an anderer Stelle erarbeitetes Material.

Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger betonte bei der Präsentation des Geschichtswerkes in der Schickhardthalle des Alten Rathauses: "Die vorliegende Geschichte Baden-Württembergs steht im Zeichen eines Vermächtnisses. Ein Lebenswerk fügt sich zusammen." Die Stadt Esslingen unterstützte die Realisierung des Werkes auf Anregung des Kulturreferates mit 10 000 Euro.

35 Leitzordner, angefüllt mit Vorlesungen, Publikationen und Notizen haben die Herausgeber gesichtet und noch ausstehende Kapitel mit diesem Originalmaterial ergänzt, denn, so Franz Quarthal, seit 1990 der Nachfolger Borsts auf dem Stuttgarter Lehrstuhl für Landesgeschichte: "Der Stil von Otto Borst ist unnachahmlich. Er konnte glänzend schreiben, er war Historiker und Literat!"

Borsts beruflicher Werdegang ist eng mit Esslingen verknüpft, er war Stadtarchivar, Studienrat im traditionsreichen Georgii-Gymnasium, zunächst Professor an der Pädagogischen Hochschule in Esslingen, dann an der Universität Stuttgart. Sein wissenschaftliches Arbeiten widmete er der Erforschung der Geschichte und Kultur Schwabens, der Reichsstadt Esslingen und anderer Städte im deutschen Südwesten. Quarthal: "Drei Dinge waren ihm in seinen letzten Lebensjahrzehnten besonders wichtig: Das Haus der Geschichte in Stuttgart, die vorliegende Geschichte Baden-Württembergs und der Lehrstuhl für Landesgeschichte an der Universität Stuttgart."

Borst war mit ganzem Herzen Württemberger. Doch zusammen gehörten die drei Nachkriegsländer Baden, WürttembergBaden und Württemberg-Hohenzollern aus seiner Sicht schon lange vor 1952. Er sieht die Einheit des südwestdeutschen Raumes bereits in der frühmittelalterlichen Geschichte verankert. Jener Zeit, in der die Alemannen, seit dem 10. Jahrhundert Schwaben genannt, den ganzen südwestdeutschen Raum belebten.

Gerne hätte er es gesehen, wenn das neue Bundesland Baden-Württemberg 1952 also den Namen "Schwaben" erhalten hätte. Damit wäre die Einheit statt der territorialen Eigenheiten der Markgrafen- und Fürstentümer stärker hervorgehoben worden.

Borst schreibt im Vorwort, in diesem Lesebuch solle "das Charakteristische, Originäre, Besondere das Eigene" herausgestellt werden. Er wollte eine lesbare Geschichte verfassen, Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht enzyklopädisch historische Fakten aufzählen. Er wollte Schwerpunkte setzen, Strukturen deutlich machen und Verständnis für das Wesentliche wecken.

Rainer Jooß, ein Weggefährte Borsts, würdigte ihn als einen Historiker, der wissenschaftlich fundiert, "verständlich und umfassend Geschichte erklärt." Ausgehend von der Vorgeschichte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts erzählt das persönlich verfasste, gleichwohl informative und lesenswerte Buch auf besondere Weise die "Geschichte Baden-Württembergs."Konrad Theiss Verlag, 440 Seiten, 24,90 Euro. Mit einem Vorwort von Franz Quarthal und einer Würdiguns Borsts von Rainer Jooß.