Lokales

Ein "Macher, Gestalter und Schultes" geht

Heute Abend steht eine Welt-Filmpremiere an: Unter dem Titel "Das Unternehmen Wernau 1984 bis 2007" verabschieden 820 geladene Gäste ihren Bürgermeister Roger Kehle. 23 Jahre lang leitete der 54-Jährige die Geschicke der Stadt. Ab 15. Dezember hat Kehle Urlaub, am 1. Januar wird er geschäftsführender Präsident des Gemeindetags Baden-Württemberg.

REGINA SCHULTZE

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WERNAU Aufsehen um seine Person mag der scheidende Rathauschef gar nicht. Schon zu seinem 20-jährigen Amtsjubiläum wollte Kehle keine Ehrung doch der Gemeinderat blieb stur. Es gab eine Feier, schließlich fiel sie auch noch mit seinem 50. Geburtstag zusammen. Zum jetzigen Abschied war Roger Kehle klar, dass er nicht ohne offiziellen Akt gen Stuttgart ziehen kann. Einen Abend lang Lobeshymnen auf ihn, das ist aber nicht sein Ding. Also kamen Gemeinderat und Verwaltung auf die Idee, einen Film produzieren zu lassen. Das Ergebnis mit Szenen und Stationen des "Machers, Gestalters und Schultes" ist heute in der Stadthalle zu sehen. An Verwaltung, Gemeinderat, Vereine, Organisationen und Einrichtungen der 12 500 Einwohner großen Stadt wurden Karten vergeben. Die sind allerdings kontingentiert, da es nur 820 Sitzplätze gibt.

Mit seinen 23 Dienstjahren in Wernau verlässt Kehle seinen Bürgermeisterposten zum Jahresende auf Rang 7 der aktuellen Liste mit den längsten Amtszeiten im Kreis Esslingen. Uangefochtener Spitzenreiter ist Plochingens Schultes Eugen Beck, der bereits seit 1967 im Rathaus residiert und Anfang 2008 in den Ruhestand geht.

Bevor Roger Kehle selbst Rathauschef wurde, war er Hauptamtsleiter in Neuhausen. Ein Posten, der offenbar zu Höherem befähigt: Sein Nachfolger war Wolfgang Benignus, heute Verwaltungschef in Altbach. Ein Mal hat Kehle versucht, den Wernauer Rathaussessel zu verlassen: 1997 bewarb er sich in Esslingen um das Amt des Oberbürgermeisters. Als parteiloser Kandidat unterlag er jedoch dem noch heute amtierenden OB Jürgen Zieger (SPD). Eine Niederlage, an die Kehle nicht gerne erinnert wird. In Wernau steigerte Kehle seine Wahlergebnisse von 58,5 Prozent Zustimmung, mit denen er sich 1984 im zweiten Wahlgang gegen drei Mitbewerber durchgesetzt hatte, auf 91,5 Prozent (1992) und 89,1 Prozent (2000).

Als Roger Kehle 1984 nach Wernau kam, hatte die Stadt wenig städtisches an sich und war ein Produkt der Verwaltungsreform aus den Bauerndörfern Pfauhausen und Steinbach. In Kehles Amtszeit entstand in der geografischen Mitte ein Zentrum mit dem Stadtplatz und dem Gebäudekomplex des Quadriums mit Wellnesszentrum und Hallenbad, in das die alte Stadthalle integriert wurde. Das moderne Tagungs- und Verwaltungszentrum mit der umstrittenen rostigen Außenfassade hat inzwischen Architekturpreise erhalten. Ebenfalls preiswürdig waren der Stadtplatz, die Neckartalsporthalle und die sanierte Kirchheimer Straße.

Gute Noten geben auch die Wernauer selbst ihrer Stadt. Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeitmöglichkeiten, Kinder- und Seniorenbetreuung alles, was man braucht, ist vorhanden. Die Zufriedenheit belegt eine Studie der Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (Ludwigsburg). Acht Kindergärten gibt es, mit Ganztagsplätzen und der Betreuung von unter Dreijährigen. Es gibt die verlässliche Grundschule und die Schlossgartenschule wird nach und nach auf Ganztagsbetrieb umgestellt. Auch die Wernauer Senioren sind zufrieden mit ihrer Stadt und deren Infrastruktur mit Einkaufs- und Parkmöglichkeiten, Post, Banken, Ärzten auch geballt im "Haus der Gesundheit" in der Stadtmitte mit Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie Treffpunkten zum "Sichwohlfühlen". Wer sich nicht mehr selbst versorgen kann oder will, kann sich für eine der 56 betreuten Altenwohnungen der Baugenossenschaft bewerben. Diese 1998 und 2002 fertiggestellten Mietwohnungen liegen günstig im Stadtzentrum und beim Altenzentrum Sankt Lukas, das 100 stationäre Plätze für Pflegebedürftige anbietet.

Gut versorgt fühlen sich die Bürgerinnen und Bürger vermutlich auch, weil die Türen des Rathauses wesentlich länger für sie offen stehen als früher: Konnten die Wernauer 1984 die Verwaltung in 11,75 Stunden um ihre Dienste bitten, haben sie heute 30 Stunden zur Auswahl. Neubaugebiete wurden nur sparsam ausgewiesen, vorrangig wurden Baulücken geschlossen. So sind seit 1990 in der Innenstadt 317 neue Wohneinheiten entstanden. Ein großes Baugebiet ist die Adlerstraße Ost. Nach dem ersten Teil in den 90er-Jahren entstehen derzeit 230 Wohneinheiten in der Adlerstraße Ost II für etwa 800 Menschen.

3500 Arbeitsplätze weist die Stadt Wernau auf. Zwar hat die Firma Junkers in den vergangenen Jahren Personal abgebaut. Die Weltfirma ist aber immer noch der größte Arbeitgeber am Ort mit etwa 1 100 Arbeitsplätzen. Die Junkersstraße mit dem Firmensitz zeigt sich seit November frisch verschönert.

Roger Kehles Karriere beim Gemeindetag Baden-Württemberg begann bereits 1989. Damals wurde er Mitglied des Landesvorstands. 1994 wurde er Mitglied des Präsidiums, 1996 Vizepräsident und 2005 zum ehrenamtlichen Präsidenten gewählt.

Ab Januar ist er hauptamtlicher geschäftsführender Präsident des kommunalen Landesverbands, der 1062 Kommunen mit 6,9 Millionen Einwohnern vertritt. Dann wird er nicht nur in der Stuttgarter Regierungszentrale zu Besuch sein, sondern auch in Büros in Brüssel und in Straßburg.

Für den sportbegeisterten Wernauer wird es künftig sicher schwieriger sein, den Donnerstagabend für das Fußballtraining der Bürgermeister-Elf frei zu halten. Spielberechtigt bleibt der Mittelfeldregisseur auf jeden Fall das gilt für alle Bürgermeister a. D. Käme Kehle nicht mehr, würden ihn die Kollegen vermissen. Schließlich habe er "technisch unheimlich viel drauf", lobt ein Kollege, der ungenannt bleiben will. Er habe den Überblick und mache viele Tore. Und auf dem Spielfeld soll der stets Gefasste sogar emotional werden, bestätigt der kickende Bürgermeister . . .