Lokales

Ein Mann des Forschens und der Feder

NÜRTINGEN Der Kreis eines ungewöhnlichen Lebens hat sich für immer geschlossen. Im Alter von 81 Jahren ist der frühere Nürtinger Volkshochschul-Leiter und Kulturreferent Hans Binder in der vergangenen Woche im Krankenhaus gestorben. Seinem Wunsch entsprechend hat die Familie am Samstag in seiner Geburtsstadt Tübingen von ihm Abschied genommen. Die Urne wird zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Nürtinger Waldfriedhof beigesetzt. Viele Jahre ist er seiner Krankheit, dem Übel unserer Zeit, nicht mit Gleichmut, aber mit Entschiedenheit entgegengetreten. Zum Schluss konnte er der Entwicklung keine Kraft mehr entgegensetzen.

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Hans Binder ist in der Universitätsstadt Tübingen geboren, besuchte dort die Schule und entwickelte schon früh jene Interessen, die sein Leben bestimmen sollten. Er war, wie man damals sagte, im besten Soldatenalter, als ihn im November 1941 ein Marschbefehl in den russischen Winter schickte. 1946 kehrte er nach vielen Einsätzen, drei Verwundungen und Gefangenschaft wieder heim, ohne rechten Arm, den er bei der Invasion in der Normandie verloren hatte.

Nach dem Krieg 22 Jahre alt, überlegte er nicht lange, wie ein Leben mit einem Arm aussehen könnte, sondern ging sogleich wieder zur Schule und legte 1948 die Dolmetscherprüfung für Englisch ab. Zwei Jahre leitete er in der Folge die Volkshochschule Winnenden, absolvierte dann eine Lehrerausbildung, unterrichtete in Echterdingen, in Altheim auf der Ulmer Alb und ab 1961 an der Realschule in Nürtingen. Hier war er, als er 1986 in den Ruhestand trat, Leiter der Volkshochschule und Kulturreferent der Stadt.

Hans Binder hatte sich nach dem Krieg drei Dinge vorgenommen: Nie mehr im Leben eine Uniform zu tragen, nie mehr den Namen in der Mitgliederkartei einer Partei zu wissen und nie mehr einem Verein beizutreten. Letzteres ließ sich zum Glück nicht durchhalten. Die Höhlenforscher wissen es, beim VdK ist man dankbar, der Albverein wusste ihn zu schätzen und die Nürtinger Gruppe des Heimatbundes wäre ohne ihn nicht das geworden, was sie heute ist: eine Bereicherung des kulturellen Lebens der Stadt. Der Erlös der ungezählten Stadtführungen, die Hans Binder leitete, floss ausnahmslos in die Kasse für das damals noch in Vorbereitung befindliche Stadtmuseum.

Hans Binder führte ein überaus tätiges Leben. Nicht nur waren seine Interessen weit gespannt, er ließ andere an seinen Kenntnissen teilhaben. Er schrieb eine Biografie über den "Rulaman"-Autor David Friedrich Weinland, er verfasste "Nürtingen und Friedrich Hölderlin", ihm ist das faktenreiche Buch "Im Schwabenland eine neue Heimat gefunden" zu danken, er verfasste Höhlenführer, die zu Standardwerken wurden und mehrere Auflagen erlebten, er arbeitete an Schulbüchern mit und seine Artikel für Fachperiodika und die Zeitung sind Legion. Von seiner Hand stammen nicht weniger als 266 Titel. Professor Dr. Karl Friedrich Adam vom Stuttgarter Naturkundemuseum bezeichnete ihn einmal als "Nestor der heimischen Geologie".

Die heute weit verbreitete Scheu vor dem Ehrenamt war Hans Binder fremd. Er besaß die Gabe, Menschen zu begeistern. Die tiefen Anliegen, die ihn bewegten, waren ihm den Zeitaufwand wert. Sein Einsatz fand vielfache Anerkennung. Zum Beispiel zeichnete ihn der Albverein aus, der Heimatbund ernannte ihn zum Ehrenmitglied, der Landesverband der Höhlen- und Karstforscher richtete seinem langjährigen Geschäftsführer im Stuttgarter Naturkundemuseum einen Festakt aus, er erhielt das Bundesverdienstkreuz, die Ernst-Moritz-Arndt-Medaille und das Land würdigte ihn mit der Medaille für Verdienste um die Heimat Baden-Württemberg. Wohl den Gipfelpunkt seiner Laufbahn erreichte er mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Tübingen.

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