Lokales

Ein modernes Museum für alle Generationen

WENDLINGEN Zierte die Kapelle zu Unserer lieben Frau im Hirnholz im 17. Jahrhundert ein Türkenmond als Friedenszeichen quasi, falls die Osmanen bei Wien doch den Durchbruch in Richtung Neckar schaffen sollten? Manch einer mag kaum glauben, dass ein Symbol des Islam dereinst ein katholisches Gotteshaus zierte. Dr. Michaela Häffner, Historikerin aus Tübingen, ist indes felsenfest überzeugt davon. Schon dieses Detail allein zeigt, dass das Wendlinger Stadtmuseum, das am Wochenende, 18. und 19. September, eingeweiht wird und eine knappe Million Euro kostete (rund ein Viertel davon die Innenausstattung), alles andere als eine eintönige Darstellung der Historie per Aneinanderreihung von Zahlen sein wird, sondern auch Anlass zum Nach-Denken, Weiter-Forschen und Diskutieren geben möchte.

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Und so freute sich Bürgermeister Frank Ziegler bei einer Pressekonferenz denn auch sehr über die von Michaela Häffner ausgeklügelte moderne Konzeption, die Geschichte eben "nicht nur bewahren, sondern auch lebendig erhalten möchte". Man hoffe dadurch alle Altersgruppen anzusprechen angefangen von den Kindern, für die ein eigener Rundgang mit vielen Attraktionen gestaltet worden sei.



Im ehemaligen Unterboihinger Pfarrhaus in der Kirchstraße kann man ab dem Wochenende in die Geschichte aller drei Stadtteile eintauchen sie ist die Klammer, die alles umschließt, vom Mittelalter bis zur Adenauer-Ära. "Da sieht man schon Unterschiede. Aber zugleich ergibt das ein spannendes Mosaik", stellt Michaela Häffner die Vorteile dieses Konzepts heraus.



Und da es sich um ein modernes Museum handelt, werden natürlich auch Medien der Gegenwart eingesetzt, spielen Filme, Visualisierungen und Fotos neben den Exponaten eine ganz tragende Rolle. Auf ein Podest soll die hehre Wissenschaft ausdrücklich nicht gestellt werden, man soll Historie immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes auch begreifen können. Und daher können Kinder auf Schemel steigen, um der Vergangenheit buchstäblich näher zu kommen, kann man Schubladen aufziehen und auf einem interaktiven Stadtplan Gemeinsamkeiten entdecken.



So hatte sowohl in Wendlingen als auch in Unterboihingen und Bodelshofen zum Beispiel dereinst der Adel das Sagen. Per Knopfdruck tauchen bei diesem Stichwort auf dem aktuellen Stadtplan alle früheren Burgen und Schlösser auf zum Beispiel das Bodelshofener Wasserschloss, von dem heute nichts mehr zu sehen ist.



Man kann dort auch die Entwicklung der Verkehrswege nachvollziehen: Wo verlief einst der Neckar, auf dem die Flößer das Holz aus dem Schwarzwald gen Rotterdam schipperten? Was bedeutete der Bau der Eisenbahn für die Siedlungsentwicklung der Stadt? Welche Rolle spielt die 1938 vor den Toren begonnene Autobahn?



Diese Fragen zeigen nachgerade musterhaft auf, dass "wir keine verstaubte Schau des Vergangenen wollen, sondern das Museum alle ansprechen will und das wird es auch" (so Ziegler, der von der "modernen Ausstellung im historischen Gemäuer" schwärmt). Zeitgemäß soll es nicht nur von den Medien, sondern auch von der Didaktik her zugehen. Und man will den Besucher auch nicht mit einer Unzahl von Gegenständen regelrecht erdrücken. Ganz im Gegenteil: "Wir zeigen nicht Quantität, sondern Qualität", verspricht der Bürgermeister.



Nur Originale präsentieren sich hier dem an der Wendlinger Historie Interessierten, keine einzige Kopie hat Eingang ins Konzept gefunden. Und dennoch verspricht man sich von dieser Beschränkung geistige Weite. Der Bürgermeister: "Dieser repräsentative Querschnitt soll dazu animieren, sich mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen." Im gewissen Sinne also nachzudenken. Vermöge man doch an einem einzigen Exponat enorm lange zu verharren, wenn man sich mit all seinen Verästelungen, die es in den Spuren der Geschichte hinterlassen hat, intensiv beschäftige.



Nun vermag man wahrlich nicht zu behaupten, dass die Geschichte der Stadt Wendlingen unter das Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" gestellt werden könne. Die Rivalitäten, Animositäten, ja zuweilen regelrechten Feindschaften blendet man denn auch keineswegs aus, sondern holt die gewissermaßen in die gemeinsame Historie hinein. Michaela Häffner sieht darin sogar einen höchst positiven Aspekt: "Wenn es Trennendes gab und gibt, dann gelingt das Bekenntnis zur Identität der Stadt, die ja auch ein Ziel dieses Museums ist, besser, wenn man die Ursachen historisch begreift und versteht." Man könnte dies so deuten: Die Wurzel manches Trennenden liegt mithin oft auch in Unkenntnis und mangelnder Information.



Peter Hoefer, der Vorsitzende des Museumsvereins, glaubt ohnehin, dass die Stadt nicht zuletzt durch die vielen Vertriebenen, die hier angesiedelt wurden, zusammengewachsen sei. Michaela Häffner stimmt ihm da zu: "In Krieg und Nachkriegszeit haben alle alles gemeinsam erlebt." Auch das soll durch Exponate deutlich werden: "Wir erzählen Geschichte nicht, wie sie im Buch steht, sondern gehen von den sichtbaren Dingen aus."



Am Samstag ab 13 und am Sonntag ab 11 Uhr kann man erstmals Stadtmuseumsluft schnuppern.