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Ein Musterbeispiel für die Schulbauweise zu "Kaisers Zeiten"

Hundert Jahre alt wird das Kerngebäude der Kirchheimer Alleenschule in fünf Jahren sein. Mit "einfachen Ausstattungsmitteln" und einem "liebevollen Verständnis für seine Aufgabe" so eine Fachzeitung im November 1909 hatte der Stuttgarter Architekt Adolf Retter ein Musterbeispiel für jene historisierende Schulbauweise errichtet, wie sie zu "Kaisers Zeiten" vielen Städten ihren unverwechselbaren Stempel aufdrückten.

HEINZ BÖHLER

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KIRCHHEIM Eine "klare Silhouette" und eine "vornehme Ausdrucksweise" zeichne das Gebäude in der Jahnstraße aus, ist in dem Bauzeitungsartikel von 1909 zu lesen, und "kein Schornstein, kein Giebel" zerstöre die schöne Dachfläche. Lediglich die Fünferrreihe geschweifter Dachgauben gäben dem Zwischengesims im Dach eine bewegte Linie. 21 Klassenzimmer, für je 50 Schüler, zwei Lehrerzimmer, ein Rektorat und einige Funktionsräume darunter, wie damals üblich, ein Karzer schafften vorübergehend Platz und Luft zum Atmen für eine neue Schülergeneration.

Neben einem "Wandgemälde im Vestibül" des Stuttgarter "Kunstmalers Gref" erwähnt der Autor auch "Bilder an der Vorderfront", die ebenfalls vom "Kunstmaler" Franz Heinrich Gref gefertigt worden seien. Das Wandbild, 1995 von Malermeister Ernst Hummel gereinigt und restauriert, ist heute wieder blendend in Schuss, von den Bildern an der Außenwand ist dagegen (fast) nichts zu sehen. Dass da einmal etwas war, ist unzweifelhaft, sind die im Sgraffito-Stil gefertigten Gemälde doch auf alten Postkarten und Pressebildern deutlich zu erkennen, doch muss sie irgendwann jemand so hässlich oder nicht linientreu genug gefunden haben, dass man sie einfach übermauert hat, Putz darüber, und schon sah es so aus, als sei da niemals etwas gewesen.

1978 verließen Schüler und Lehrer des Kirchheimer Schlossgymnasiums den Altbau in der Jahnstraße und bezogen ein modernes Gebäude in der Jesinger Halde. Somit war Platz in der Stadt für die Kinder und Jugendlichen der zum Abriss vorgesehenen Alleenschule am Krautmarkt. Mit ihnen kam Rektor Horst Müller, der sich als Physiker selbstverständlich auch für die körperliche Erscheinung seines neuen Wirkungskreises interessierte. Daraus hat sich im Laufe der Jahre ein fast leidenschaftlicher Kampf um die Wiederherstellung der vier Gref'schen Jugendstil-Allegorien in der Vorderfront der Alleenschule entwickelt.

Die vier Arbeiten sind in der seit der Renaissance in Europa gebräuchlichen Sgraffito-Technik gefertigt. Dabei wird auf eine noch feuchte und eingefärbte Putzschicht eine weitere, weiß belassene aufgetragen und anschließend das gewünschte Bild herausgekratzt. Mancher hat vielleicht noch im Gedächtnis, im Kindergarten eine ähnliche Technik mit Wachmalstiften gelernt zu haben.

Im Alter von 37 Jahren hatte der aus der Gegend von Waldshut stammende Franz Heinrich Gref den Auftrag bekommen, die künstlerische Gestaltung der Außenfassade zu übernehmen. Gref hatte nach einer Ausbildung als Grafiker die Kunst- akademien in Stuttgart und Karlsruhe besucht. Seit 1907 war er mehrfach für Architekten im Stuttgarter Raum tätig, zeichnete unter anderem für die Fresken an der Markthalle verantwortlich und hatte die Außenwand der "Sammelschule" in der Stuttgarter Heusteigstraße mitgestaltet. Gref war zunächst Mitglied im Künstlerbund, bevor er 1923 zur Stuttgarter Sezessionsgruppe übertrat. Am 17. September 1957 starb Franz Heinrich Gref.

Rektor Müllers Interesse an dem Gebäude kam erst nach seiner Pensionierung so richtig zum Zuge. Vorher musste es zu oft hinter den Interessen der ihm anvertrauten Schüler zurückstehen. Seit nunmehr drei Jahren steht Horst Müller jedoch in einem stetigen Briefwechsel mit der Kirchheimer Stadtverwaltung, dem Landesdenkmalamt und der Familie des Sohnes von Franz Heinrich Gref.

Nachdem das hundertjährige Bestehen des Gebäudes immer näher rückt und Horst Müller sich darüber im Klaren ist, dass man eine Vorlaufzeit von "mindestens einem Jahrfünft" einkalkulieren sollte, tat er sich im vergangenen Jahr mit dem Kirchheimer Wolfgang Znaimer zusammen, bestieg gemeinsam mit dem 70-Jährigen ein Gerüst, das gerade die Fassade der Alleenschule zierte und hämmerte ein Stück der nachträglich über der Fensterebene, auf der die Sgraffitos angebracht sind, eingezogenen Backsteinwand heraus.

Anders als die beiden Privatmänner hatte vorher schon ein Trupp von der Stadt beauftragter Fachleute dasselbe versucht, ohne fündig zu werden. Wolfgang Znaimers und Horst Müllers Suche jedoch wurde von Erfolg gekrönt, und seither weiß man, dass die Bilder noch vorhanden und mit hoher Wahrscheinlichkeit gut erhalten sind.

Dies geht zumindest aus dem Gutachten eines Restaurators hervor, der sich der Sache im Mai dieses Jahres angenommen hatte: "Die vier Felder sind mit Backsteinen zugemauert worden. Der bemalte Putz ist an den untersuchten Stellen in einem sehr guten Zustand und tragfähig, sodass die Malerei freigelegt werden kann."

Sollte es tatsächlich so weit kommen, wird es wohl ein Aha-Erlebnis für alle Beteiligten geben, denn Horst Müller hat trotz intensiver Suche bis jetzt niemanden finden können, der sich noch an die Wandmalereien an der ehemaligen Realschule, später Schlossgymnasium, erinnern konnte. Wie immer steht vor der Realisierung eines solchen Projekts eine Anzahl Hindernisse im Weg, die aber nicht unüberwindbar sein dürften.

Zunächst müsste die Restaurierung der Gref-Sgraffitos in die für 2006 vorgesehene Rundum-Sanierung der Gebäudefassade integriert werden. Außerdem muss sich das Landesdenkmalamt kooperativ zeigen, denn ohne das Plazet dieser Behörde kann an dem geschützten Jugendstilbau nirgends Hand angelegt werden.

Doch auch hier zeigt sich der unermüdlich für sein Ziel einstehende ehemalige Schulleiter Horst Müller optimistisch, wie aus einem seiner Schreiben an die Kirchheimer Stadtverwaltung hervorgeht: "In Anbetracht der Einmaligkeit und Schönheit der Schule wird sicher ein Weg gefunden, dieses auch kunsthistorisch wertvolle Jugendstilgebäude wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen."