Lokales

„Ein neuer Schulranzen – ein guter Anfang“

Kreisdiakonieverband startet Projekt in Kirchheim und Nürtingen für Erstklässler aus bedürftigen Familien

Verspielte Einhörner in rosa oder martialische Ritter auf blauem Hintergrund? – Der erste Ranzen beschäftigt ganze Familien und birgt neben Mäppchen und Heften die Hoffnung auf einen erfolgreichen Schulverlauf. „Ein neuer Schulranzen – ein guter Anfang“ ist deshalb ein neues Projekt des Kreisdiakonieverbandes überschrieben. Kindern, die am Existenzminimum leben, soll der Schulstart erleichtert werden.

Irene Strifler

Kirchheim. 207 Euro monatlich sieht das Arbeitslosengeld II (AlgII) für Kinder vor. Davon muss alles finanziert werden, vom neuen Schuhwerk über Essen und Freizeitvergnügen bis zum Schulbedarf. „Früher gab es für die Einschulung einen Sonderbedarfsposten“, erinnert sich Ingrid Riedl von der Diakonischen Bezirksstelle in Kirchheim. Von den genannten 207 Euro Rücklagen zu bilden, um die Erstausstattung für die Schule zu erstehen, ist kaum möglich. „Die Unterscheidung arm oder reich wird schon am ersten Schultag offenkundig“, macht Riedl die Konsequenzen klar. Aus ihrer Beratungspraxis kennt sie Familien, die die Stromrechnung nicht bezahlen, um Geld für den Schulranzen zu erübrigen. „Das darf in unserer reichen Gesellschaft nicht sein“, findet Eberhard Haussmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes. „Hier geht es auch um den Zugang zur Bildung“, betont Haussmann und fasst zusammen: „Ohne Bildung keine Integration“.

In den Diakonischen Bezirksstellen Kirchheim und Nürtingen hat man deshalb ein Modell erarbeitet, um Abhilfe zu schaffen. „Bedürftige Menschen mit Schulkindern können zu uns kommen. Unsere ehrenamtlichen Helfer überprüfen die Lage und sagen ihnen, was sie sich kaufen können“, erläutert Riedl. Um die Selbstständigkeit der Familien zu fördern und auch die einzelnen Läden nicht gegeneinander auszuspielen, dürfen die Familien ihre Einkäufe selbst tätigen und bekommen danach das Geld erstattet.

Mit 150 Euro beziffert Renate Maier-Scheffler von der Diakonischen Bezirksstelle Nürtingen die Summe, die für die schulische Erstausstattung veranschlagt wird. Wer Ranzen, Mäppchen und Turnbeutel erwirbt, dürfte dann nicht mehr viel übrig haben. Abgearbeitet werden muss aber auch die obligatorische schulinterne Einkaufsliste. Sie umfasst meist eine üppige Materialienliste vom Radiergummi über diverse Wasserfarbenpinsel und Hefte bis zur Schere. Oftmals sind sogar die gewünschten Markennamen vermerkt. – Auch das bereitet den Diakonie-Fachleuten Kummer, werden doch einkommensschwache Famlien unter Druck gesetzt. Langfristig wollen sie daher mit Schulen ins Gespräch kommen.

Zunächst jedoch werden sowohl Ehrenamtliche als auch Sponsoren gesucht, die das Ranzenprojekt unterstützen. Allein in Kirchheim und Umgebung gibt es 867 Kinder aus Familien, die AlgII beziehen. Etwa 60 werden im Herbst eingeschult. Im Bereich der Diakonischen Bezirksstellen Kirchheim und Nürtingen beläuft sich die Zahl der Erstklässler aus AlgII-Familien auf knapp 150. – Über 20 000 Euro sind für deren Erstausstattung nötig.

Eberhard Haussmann hofft nun auf große Spendenbereitschaft von Firmen oder Privatpersonen. „Wir haben mehr als nur den Schulranzen im Blick“, macht er klar, dass die Mitarbeiter der Diakonischen Bezirksstellen langfristig denken. Sie erhoffen sich Zugang zu Familien in Notlagen. „Viele Menschen strampeln sich unendlich ab, ehe sie Hilfe suchen“, weiß Ingrid Riedl aus ihrer alltäglichen Arbeit. Jetzt setzt sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern da­rauf, dass das Schulranzenprojekt dem einen oder anderen den entscheidenden Impuls gibt, die Bezirksstelle aufzusuchen. Dass Bedarf besteht, wissen die Fachleute. Gerade zwischen Ostern und Schuljahresbeginn kommt die Sprache oft auf die anstehende Neuanschaffung. Renate Maier-Scheffler hat anlässlich der jüngst eingeführten „Vesperkirche“ bereits viele Menschen kennengelernt, die Unterstützung für ihre ABC-Schützen brauchen. Auch ältere Schulkinder können Hilfe in Höhe von 40 Euro pro Schuljahr für Neuanschaffungen beantragen. Das Projekt läuft bis Ende September.

Wer wegen eines Schulranzens anfragen oder die Aktion finanziell unterstützen möchte, ist bei Ingrid Riedl in der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim an der richtigen Stelle. Die Telefonnummer lautet 0 70 21 / 92 09 20.

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