Lokales

"Ein neues Rohr im alten Rohr"

Ein Teil des Kirchheimer Kanalisationsnetzes steht zurzeit mächtig unter Dampf: Per Inliner-Verfahren werden bis Ende der Woche rund tausend Meter Abwasserkanal am Stadion und im Industriegebiet Bohnau saniert. Die Kosten für diese Maßnahme belaufen sich auf 165 000 Euro.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Drei Fahrzeuge, drei Leute, und es dampft aus einem Rohr": So beschrieb Bürgermeister Günter Riemer gestern am Stadion, was von der umfangreichen Kanalsanierung überhaupt zu sehen ist. Wo immer sich das Inliner-Verfahren anwenden lasse, handle es sich um einen Wechsel "von sichtbarer Bautätigkeit hin zu einer verfahrenstechnischen Angelegenheit". Wenn die Gesamtkosten auf den einzelnen sanierten Meter umgerechnet werden, koste dieser lediglich 165 Euro, wohingegen der Neubau eines Kanals mit 600 Euro pro Meter zu Buche schlüge. Günter Riemer sprach deshalb von "Werterhaltung zu einem sehr, sehr günstigen Preis".

Anzeige

Diesen Preis werden letztlich die Einwohner Kirchheims zu zahlen haben, da Investitionen in das Kanalnetz über die Abwassergebühr zu finanzieren sind. Zur Sanierung der gesamten Kanalisation ist Kirchheim wie alle Kommunen in Baden-Württemberg durch die Eigenkontrollverordnung von 1989 verpflichtet. "Bis 2012 müssen wir alle Schäden der Schadensklassen eins und zwei beseitigt haben", sagt Bürgermeister Riemer über die Kanalsanierung als einen Teil dessen, was Kirchheim zum Gewässerschutz als Ganzes beitrage. Das Ergebnis dieser Maßnahmen fasst er in wenigen Worten zusammen: "Wir haben einen dichten Kanal, aus dem kein Abwasser ausläuft und in den kein Fremdwasser eindringt. Das ist effizienter Gewässerschutz."

Das Inliner-Verfahren selbst erläuterte gestern Bauleiter Nicolaus Dick von der Stuttgarter Niederlassung des Rohrsanierungsunternehmens Insituform: "Im Vorfeld müssen wir mit einem Fräsroboter den runden Zustand im Rohr wiederherstellen. Danach inversieren wir einen kunstharzgetränkten Synthesefaserschlauch." Dieser werde wie ein umgekehrter Socken mit Druckluft oder mit Wasserdruck in den Kanal "eingekrempelt". Anschließend wird das Material mittels heißen Dampfs oder heißen Wassers gehärtet: "Wir haben dann ein neues Rohr im alten Rohr, und zwar muffenlos von Schacht bis Schacht."

Abschließend kommt noch einmal der Fräsroboter zum Einsatz. Mit einer Kamera spürt er die Seitenanschlüsse auf und öffnet sie wieder: "Im Nachgang werden die gesamten Hausanschlussleitungen im Roboterverfahren mit Epoxidharz an den Kanal angeschlossen, sodass keine Öffnung mehr zwischen Inliner und Hausanschluss besteht." Nicolaus Dick zufolge liegt die Lebensdauer eines Kanals, der mit dieser Methode saniert wurde, bei 50 Jahren. "Das Verfahren ist aber noch gar nicht so alt, das gibt es erst seit zirka 30 Jahren", ergänzt der Bauleiter. Deshalb lasse sich noch nichts Abschließendes dazu sagen. Dick vermutet, dass der Inliner vielleicht sogar hundert Jahre halten könnte.

Peter Heinz, Geschäftsführer des zuständigen Planungsbüros Hettler und Partner aus Stuttgart, verwies gestern darauf, dass diese Methode der Kanalsanierung sorgfältige Planung benötige. Einen halben Tag lang dürfe kaum Abwasser anfallen. Also sollten in dem entsprechenden Zeitraum keine heftigen Gewitter anstehen. Außerdem würden die Anwohner über Faltblätter informiert und darum gebeten, in dieser Zeit Abwasser nach Möglichkeit zu vermeiden und auf den Gebrauch von Spül- und Waschmaschinen zu verzichten.

Die Vorgehensweise selbst vergleicht Peter Heinz mit der modernen Chirurgie: Bei einer Kniespiegelung werde heute ebenfalls mittels Sonde operiert, sodass der Eingriff in den Körper minimal ausfällt. Bei der Kanalsanierung lasse sich mit der Inliner-Methode wesentlich schneller und mit geringeren Kosten arbeiten. Zur Veranschaulichung verwies Peter Heinz auf die relativ kurze Zeit von zwei Wochen, in der jetzt einer von insgesamt 180 Kanalkilometern in Kirchheim saniert werde: "Wenn man da aufgraben müsste, würde das mehrere Monate dauern und entsprechende Unannehmlichkeiten mit sich bringen."

Sein Kollege Horst Unger, der für die Bauüberwachung zuständig ist, schildert Fälle, in denen doch aufgegraben werden muss: "Wenn der Untergrund nachgibt und der Kanal zusammenzustürzen droht, dann geht es nicht anders. Aber sonst wird viel über die Robotertechnik abgedeckt." In der Innenstadt sei beispielsweise eher damit zu rechnen, dass aufwendigere Grabungsarbeiten zur Kanalsanierung notwendig werden.

Allerdings betonte Bürgermeister Riemer gestern, dass die Kanäle gänzlich unabhängig von ihrem Alter oder von ihren Materialien sanierungsbedürftig sein können. Der Zustand der Abwasserkanäle hänge von der Dauer und der Art ihrer Benutzung ab, von der jeweiligen Sorgfalt bei ihrer Erstellung oder auch von nachträglichen Arbeiten. Vor allem, wenn später ein neues Gebiet an einen bestehenden Kanal angeschlossen werde, sei dieser der zusätzlichen Wassermenge oftmals nicht mehr gewachsen. Auch in diesem Fall hilft nur noch das Aufgraben.