Lokales

Ein Plädoyer für den Klimaschutz

KIRCHHEIM "Ruhe" Mit einem donnerndem Machtwort verschafft SPD-Chef Martin Mendler seinem Fraktionsvorsitzenden im Kirchheimer Stadtparlament, Walter Aeugle, gestern Vormittag im gut besuchten

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NICOLE MOHN

Spitalkeller erst einmal Gehör. Viele Gäste sind gekommen, um mit den Kirchheimer Sozialdemokraten wenn auch spät das neue Jahr zu begrüßen. Die Prominenz allerdings glänzt mit Abwesenheit.

Einzig die Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer mischt sich gestern unter die Gäste. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ruft die Pflicht sie ehrt ein paar Meter weiter in der Stadthalle verdiente Sportler Kirchheims. Bundestagsabgeordneter Rainer Arnold laboriert an einer Bänderzerrung.

Die bestimmte, kurze Order an die Genossen ist Mendlers einziger (offizieller) Auftritt an diesem Morgen. Die politische Bühne überlässt er in diesem Jahr Aeugle: "Ich hab's die letzten fünf Jahre gemacht, jetzt ist er mal dran", sagt der stellvertretende Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Stuttgarter Landtag im Gespräch. Aeugle begibt sich in seinen Begrüßungsworten auf die Suche nach dem Glück. Und das, man höre und staune, ist vor allem in Dänemark zu Hause. Deutschlands kleiner Nachbar hat offenbar, woran es hierzulande fehlt: Hohe soziale Gleichheit, eine relativ ausgeglichene Einkommensverteilung und ein stabiles Vertrauen in das eigene Umfeld ebenso wie in Staat, Justiz und Polizei. Ganz anders Deutschland, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehe, so der SPD-Stadtrat.

Er sieht dafür verschiedene Gründe. Ob es aktuell die Entlassungen bei NOKIA und BMW trotz Rekordgewinnen sind oder die exorbitanten Managergehälter auf der einen und die steigende Zahl der "prekären Beschäftigungsverhältnisse" auf der anderen Seite. "Immer mehr Menschen brauchen zwei Jobs, um ihren Lebensunterhalt zu sichern", sieht Aeugle in Deutschland schon amerikanische Verhältnisse anbrechen. Er ist froh, dass sich seine Partei wieder "etwas neu justiert" und energischer versuche, gegenzusteuern. Etwa mit der Forderung nach Mindestlöhnen.

Unweigerlich kommt er auf das Topthema der jüngsten Tage und Wochen zu sprechen: die Jugendkriminalität. Es müsse endlich geklärt werden, was mit der Integration schief gelaufen sei, dass Jugendliche mit ausländischer Herkunft auch in der dritten Generation beim Thema Gewaltkriminalität weit überproportional vertreten seien, fordert Aeugle. Es sei nicht der deutsche oder türkische Personalausweis, der junge Menschen kriminell werden lasse, sondern vielmehr die Lebensumstände, in denen sie aufwachsen, ist er überzeugt. So sei auch in einem reichen Land wie Baden-Württemberg jedes sechste Kind von Armut betroffen. Über 100 000 Jugendliche verließen pro Jahr die Schule ohne Abschluss und damit ohne Chance auf eine Ausbildung und eine berufliche Perspektive. "Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn daraus Gewalt entsteht", erklärte er. Die beste Prävention sei nicht, Kinder und Jugendliche möglichst früh einzusperren, sondern vielmehr die Bildung und Ausbildung sowie Vermittlung von Lebensperspektiven, wandte er sich gegen die ungleichen Bildungschancen im Land.

Ohne Umschweife auf den Punkt zu kommen, dafür ist Dr. Brigitte Dahlbender bekannt. Die Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) macht gestern dabei auch nicht vor ihrem Gastgeber halt: "In der Landes-SPD ist es sehr still geworden, was die Umweltpolitik anbelangt", sagt sie und fordert Engagement ein. Zu tun gebe es aus der Sicht der energischen Naturschützerin einiges. 20 Jahre nach dem Brundtland-Bericht und 15 Jahre nach Rio stehe die Welt mit dem Klimawandel und dem Verlust der Artenvielfalt vor Umweltproblemen von globalem Ausmaß. "Der Glaube an unbegrenztes Wachstum und die Verleugnungsstrategien gegenüber den Konsequenzen waren stärker", sagt die Biologin. Das habe dazu geführt, dass sich nichts geändert hat.

Ändern muss sich etwas, will man das Ausmaß der Klimaerwärmung eindämmen, daran ließ die engagierte Rednerin keinen Zweifel. Die Fakten sind ihrer Ansicht nach nicht mehr zu leugnen: "80 Prozent der Fischbestände unserer Weltmeere sind gefährdet. In den vergangenen 15 Jahren stieg der Verlust an tropischen Urwäldern dramatisch an, weltweit sind in diesem Zeitraum 120 Millionen Hektar Waldfläche verloren gegangen."

Es sei ein großer Irrtum zu glauben, die Lösung der globalen Umweltprobleme Klimawandel, Wassermangel und Verlust der Biodiversität könne allein durch die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie ohne Verzicht, ohne Änderung der Lebensstile, ohne ein Umdenken in der Wirtschaftsweise erreicht werden. Dahlbender fordert deshalb energisch die Energiewende. Dafür sieht sie jedoch weder auf EU-, noch auf Bundes- und Landesebene entscheidende Ansätze. Die Ankündigungen blieben weit hinter dem Notwendigen zurück. Kritik übte sie an der Landesregierung, die sich aus der Investition von erneuerbarer Energie zurückgezogen habe und stattdessen erneut auf die Risikotechnologie Atomkraft setze. Für Dahlbender genau das falsche Signal: "Fragen wir die Landesregierung, was ist denn teurer: Die Finanzierung der Energiewende Baden-Württembergs, die Reparaturen von immer mehr Sturmschäden und Überschwemmungen oder die Investition in immer teurer Schutzmaßnahmen?", so die BUND-Chefin provokant.

Trotz allem ist sie optimistisch, sieht Chancen für die Umwelt und die Wirtschaft gleichermaßen gerade am Standort Baden-Württemberg. Ohne Verwerfungen allerdings wird diese Entwicklung allerdings nicht abgehen, mahnt sie zum Schluss. "Wir brauchen eine ernsthafte und entschlossene Politik, die den nötigen Rahmen schafft und ehrgeizige Ziele umsetzt die begriffen hat, dass unsere Zukunft in ressourcenarmen Konsum und Lebensstilen liegt. Alles andere ist eine Sackgasse", erklärt sie.