Lokales

Ein „Qualitätszeichen für die Stadtpolitik“

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Wahl OberbŸrgermeister, Bekanntgaabe der vorlŠufigen Endergebnisse, GratulationOBin Angelika Matt-Heidecker
Wahl OberbŸrgermeister, Bekanntgaabe der vorlŠufigen Endergebnisse, GratulationOBin Angelika Matt-Heidecker

Nur einer dürfte in der Familie Heidecker gestern den Tag ohne Anspannung bewältigt haben, aber dennoch mit einer großen Portion Verwunderung: Saitenwürstchen stehen schließlich nicht alle Tage auf dem Speisezettel von Vierbeiner Ludo. Entgegen Frauchens Gewohnheiten, den Tag nicht vor dem Abend zu loben, wurde dem schwarzen Riesenschnauzer schon vor Wahlausgang ein Festmahl mit seiner Leibspeise kredenzt. – Mit vollem Magen nahm er gelassen hin, dass die komplette Familie gegen 18  Uhr gen Rathaus aufbrach.

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Dort traf die bisherige und zukünftige Stadtchefin auf eine überschaubare Runde von Freunden und politischen Wegbegleitern. Sie alle nahmen nicht nur die wenig überraschende Wiederwahl der Oberbürgermeisterin mit lang anhaltendem Applaus zur Kenntnis, sondern bewerteten die Wahlbeteiligung in Höhe von 23,1 Prozent als durchaus beachtlich: „Offensichtlich hat sie ihren Job gut gemacht“, sah SPD-Fraktionschef Walter Aeugle die Arbeit der Oberbürgermeisterin nun offiziell durch Bürgervotum bestätigt und hatte auch gleich die Erklärung parat: „Angelika Matt-Heidecker ist nah bei den Menschen, das ist immer gut.“

Nah bei den Menschen war sie auch am Wahltag und am Wahl­abend. So zählte zu den ersten Gratulanten ihre 90-jährige Freundin, die alteingesessene Kirchheimerin Kläre Baur, seit vielen Jahrzehnten enge Vertraute der Familie Matt. „Ich bin sehr, sehr glücklich über diesen Wahlausgang“, meinte sie gerührt. Für die frischgebackene Oberbürgermeisterin hatte Kläre Baur nicht nur eine Rose dabei, sondern ließ es sich auch nicht nehmen, bei der anschließenden Party in der Stiftsscheuer die Wiederwahl standesgemäß zu feiern.

„Super!“ lautete der Kommentar des grünen Landtagsabgeordneten und Stadtrats Andreas Schwarz zum Wahlergebnis. Er beurteilte die Wahlbeteiligung als Ausdruck der Zufriedenheit mit der aktuellen Politik. „Wir freuen uns auf die nächs­ten acht Jahre“, zeigte er sich zuversichtlich, weiterhin im Ratsrund wichtige Dinge gemeinschaftlich auf die Spur bringen zu können.

Auch Ulrich Kübler von den Freien Wählern sah im Wahlergebnis eine Bestätigung für den bisherigen gemeinsam verfolgten Kurs im Ratsgremium. „Die Leute sind zufrieden“ meinte er, weswegen auch die nicht allzu üppige Wahlbeteiligung kein Schaden sei. Dass kein Gegenkandidat aufgetaucht ist, wertete er als Qualitätszeichen für die Stadtpolitik. Selbige vollziehe sich frei von Parteipolitik, betonte er gemäß dem Credo der Freien Wähler, die bekanntlich auf parteipolitische Unabhängigkeit pochen.

Dekanin Renate Kath hat weder einen Gegenkandidaten noch einen Wahl-„Kampf“ vermisst. „Es geht darum, in einer Stadt gemeinsam Verantwortung zu übernehmen“, unterstrich sie das übergeordnete Ziel und sah die Weichen dafür mit dem gestrigen Wahlergebnis gut gestellt. Diesem integrativen Ansatz wollte auch Dietmar Hoyler, Stadtrat der CDU-Fraktion, nicht widersprechen, denn auch er zeigte sich sehr zufrieden mit der Wiederwahl Angelika Matt-Heideckers: „Das passt schon so!“ lautete knapp, aber überzeugt, sein Kommentar.

Von derartiger Übereinstimmung war man vor acht Jahren meilenweit entfernt. Fast alle am gestrigen Wahlabend Anwesenden erinnerten sich lebhaft daran, wie die damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Matt-Heidecker den vermeintlichen Favoriten, CDU-Mann Helmut Riegger, im zweiten Wahlgang um gerade mal 168 Stimmen überrundet hatte. Damit hatte niemand gerechnet, und SPD-Stadtrat Andreas Kenner wusste zu berichten, dass seinerzeit keiner der Genossen eine Wahlparty auf dem Schirm gehabt hatte. Weil dem politischen Gegenüber die Feierlaune allerdings schlagartig vergangen war, konnten sie Sozialdemokraten seinerzeit die angekarrten Sektvorräte erben und mit den Wählern anstoßen.

Am gestrigen zweiten Adventssonntag war von Spannung nichts zu spüren, und vom Bürger auch nicht viel zu sehen. Ein Kuriosum hatte allerdings Wahlamtschef Jochen Schilling doch zu vermerken: Die Zahl der von Hand ins freie Feld eingetragenen Kandidaten – wählbar oder auch nicht – erreichte dreistellige Dimensionen. Allerdings ist Kirchheim meilenweit von Nürtinger Verhältnissen entfernt, auch wenn Bürgermeister Günter Riemer den Reigen derer, die von Hand vermerkt wurden, mit 48 Stimmen klar vor KiBü-Mann Albert Kahle (22 Stimmen) anführt. Nürtingens Bürgermeisterin Claudia Grau, die im Oktober wider Willen und ohne kandidiert zu haben mit Unterstützung der Internet-Gemeinde 32 Prozent erreicht hatte, erhielt auch gestern in Kirchheim eine Stimme. Ferner haben die Wähler ihr Herz entdeckt für Menschen, die möglicherweise nach neuen Aufgaben suchen: Auf den Wahlzetteln fanden sich Namen wie Daniela Katzenberger, Horst Schlämmer, Johannes Heesters oder Thomas Gottschalk. Aber auch anerkannten Politgrößen wie Lothar Späth, Horst Köhler oder Angela Merkel wollten einige das Schicksal der Stadt anvertrauen. – Alles Kandidaten, die nicht wirklich am Ruhm der Amtsinhaberin kratzen. Ebenso wenig wie die Stimme, die ihr Ehemann Gilbert Heidecker erhielt. Mit ihm und ihren Anhängern konnte sie daher getrost und unbeschwert feiern gehen. Und wer weiß, vielleicht fiel auch noch für Ludo ein mitternächtlicher Leckerbissen ab.