Lokales

Ein Requiem für unzählige Menschenopfer

24 Jahre Krieg in Sri Lanka haben Hunderttausende entwurzelt und den Alltag zur Bewährungsprobe gemacht. In ihrem Vortrag im Alten Gemeindehaus Kirchheim haben Ranjith Henayaka-Lochbihler und Krishna Subramania über die schwierige Situation auf der Insel berichtet und einen Dialog angeregt.

DANIELA HAUSSMANN

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KIRCHHEIM Trauer tragen Ranjith Henayaka-Lochbihler und Krishna Subramania. Was die beiden schwarz gekleideten Aktivisten des International Network of Sri Lankan Diaspora (INSD) im Alten Gemeindehaus eröffnen, klingt fast wie ein Requiem auf das, was in ihrem Heimatland geschieht. Sie erzählen vom Krieg, der ihnen und ihren Landsleuten seit dem 24. Juli 1983 auf den Fersen ist. Allein 800 000 Binnenflüchtlinge wurden vom Norwegischen Flüchtlingsrat bis November 2006 gezählt. Hunderttausende haben das Land verlassen. Rund 200 davon haben unter der Teck eine neue Heimat gefunden. Mehr als 70 000 Opfer haben Menschenrechtsverletzungen, Stahlgewitter und Munitionshagel erlitten, wie die beiden Männer berichten. Mit ihrem von der Zukunftswerkstatt organisierten Vortrag wollen sie nicht allein auf die Situation in Sri Lanka aufmerksam machen, sondern auch unter anderen Exilanten einen Dialog anstoßen, der zur Auseinandersetzung auffordert und zum Engagement für eine friedliche Lösung des Konflikts.

Der Bürgerkrieg in Sri Lanka ist ein andauernder bewaffneter Konflikt zwischen tamilischen Separatisten, der Liberation Tigers Tamil Eelam (LTTE), auf der einen und dem srilankischen Militär, diversen singhalesischen paramilitärischen und tamilischen Anti-LTTE-Einheiten auf der anderen Seite. In den Jahren 2002 bis 2004 entspannte sich durch ein Waffenstillstandsabkommen nach rund 20 Jahren erstmals die Lage. Doch davon war in den vergangenen zwei Jahren in Sri Lanka, laut Subramania, nichts mehr zu spüren. Um die Situation zu verdeutlichen, blickt er auf die vergangene Woche zurück. Wie so oft sei der Krieg zwischen Regierungstruppen und tamilischen Rebellen in der Region Batticaloa an der Ostküste Sri Lankas eskaliert. In Folge massiver Luftangriffe und Artilleriefeuers der srilankischen Armee irren, nach Informationen von Subramania, circa 155 000 Entwurzelte auf der Insel umher. Das Leben sei für die Zivilbevölkerung angesichts von Fluchtbewegungen, Anschlägen und offenen Gefechten im Norden und Osten des Landes zu einer Bewährungsprobe geworden. Diesen Überlebenskampf nutze die Regierung in der Hauptstadt Colombo durch ein Wirtschaftsembargo aus. Indem sie unter anderem Lebensmittel und Medikamente nicht im ausreichenden Maße zur Verfügung stelle, so Krishna Subramania, versuche sie die Versorgungslinien der LTTE zu durchtrennen. Doch leidtragend sei in erster Linie die Zivilbevölkerung, die aufgerieben zwischen tamilischen Rebellen und srilankischer Armee zur Geißel einer Regierungsstrategie werde, die eine durch Hunger und Krankheit verzweifelte tamilische Minderheit in die Unterwerfung zwingen und separatistische Bewegungen niederschlagen wolle.

Den Hintergrund des Krieges bildet der Konflikt um die seit der Unabhängigkeit von 1948 stattfindende Ausgestaltung des Staates. In einem formal-demokratischen Prozess betrieben die beiden großen, den Interessen der Bevölkerungsmehrheit der Singhalesen verpflichteten Parteien eine die Tamilen konsequent diskriminierende Politik. Zunächst richtete sich diese gegen die während der britischen Kolonialzeit (1796 1948) zugewanderten Indien-Tamilen, die auf den Teeplantagen des zentralen Hochlandes arbeiteten. 1948/49 wurden dieser Gruppe die Bürger- und Wahlrechte entzogen. In einem weiteren Schritt kam es zwischen 1956 und 1983 zur Ausgrenzung der Sri-Lanka-Tamilen, die seit jeher zur einheimischen Bevölkerung zählen. Eine chauvinistische Nationalitätenpolitik, zu der auch die Zwangsumsiedlungen der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit in die Regionen der tamilischen Minderheit und die Einführung des Singhalesischen als Amtsprache zählte, sollte die Dominanz der singhalesischen Führungsschicht untermauern. Die weitere Forcierung dieser Singhalisierung ließ die LTTE aufgrund des erlittenen Unrechts zum Mittel des Widerstands greifen, wie Ranjith Henayaka-Lochbihler erklärt. Er selbst war in den 1970er-Jahren Teil dieses Widerstandes. Was er und damit INSD vorrangig erreichen möchten ist eine Fortführung der Friedensverhandlungen, den Aufbau eines föderalen Systems und die Einhaltung der Menschenrechte. Die in Kirchheim lebenden Flüchtlinge fordert er auf, nicht mit Geld die bewaffneten Organisationen zu unterstützen, sondern die Erfahrungen, die sie mit der westlichen Demokratie gemacht haben, weiterzugeben.