Lokales

Ein Schritt zur Hinschau-Gesellschaft

Der Mörder von Alexandra Noack hat auch Fotos vor dem Bonlandener Kindergarten gemacht, in den die Tochter von Ralf Berti gegangen ist. Auch an der Suche nach der vermissten Sechsjährigen hat Berti vor fünf Jahren teilgenommen. Ein Benefiz-Fußballspiel zu Gunsten der Alexandra-Sophia-Stiftung gab den letzten Anstoß, sich im Kinderschutz zu engagieren. Heute ist Berti Geschäftsführer der Kelly-Inseln, die bundesweit Aufsehen erregen.

ROLAND KURZ

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FILDERSTADT Kelly-Inseln, das sind der örtliche Bäcker, der Metzger, die Apotheke oder irgendein Laden mit dem Palmen-Aufkleber, der Kindern signalisiert: Hier kriege ich Unterstützung bei kleineren Malheurs und Hilfe in Notfällen. Den Namen Kelly-Insel hat die neunjährige Sina Berti mit erfunden das Wort ist abgeleitet von der Mini-Polizeikelle mit dem ermutigenden Aufdruck "Ich sage Halt".

Hundertprozentigen Schutz gegen Entführung oder Missbrauch bieten die Kelly-Inseln nicht, das weiß Ralf Berti. Aber sie leisten seiner Ansicht nach einen Beitrag von der "Wegschau-Gesellschaft" zur "Hinschau-Gesellschaft". "Die Menschen werden sensibilisiert und wo Kelly-Plakate hängen, tummeln sich weniger Pädophile", ist Berti überzeugt. In Denkendorf habe sich ein Mädchen an eine Kelly-Insel gewandt, nachdem sie von Unbekannten aufgefordert wurde, in ihren Transporter zu steigen. Wenn einmal etwas verhindert werden konnte, habe sich der Einsatz schon gelohnt, sagt Berti.

Eine Befragung, bei der 30 Polizeischüler in 180 Filderstädter Geschäften nachhakten, ist für Berti ein klares Indiz dafür, dass die Kelly-Inseln nicht nur Gewissen beruhigen, sondern eine echte Hilfe sind. Im ersten halben Jahr wurden die Rettungsinseln in 19 Fällen beansprucht. Mal ging es nur um den verpassten Schulbus, mal um die verlorene Fahrkarte, mal um aggressive Klassenkameraden.

Berti setzt seine ganze Freizeit für das Projekt ein. Die Hobbys des 34-Jährigen ruhen. Urlaub ist diesen Sommer nicht drin, weil sich momentan die Anfragen türmen und die Kommunen betreut werden wollen. Fernseh- und Radiosender geben sich im Sielminger Rathaus, wo die Stadt der Kelly-Insel ein Büro zur Verfügung gestellt hat, die Klinke. In der Talkshow von Johannes B. Kerner war Berti schon zu Gast, kürzlich besuchten Berti und Revierleiter Bantle den Tigerentenclub. Zum Glück tragen sowohl seine Familie als auch sein Arbeitgeber das Engagement mit. Die Firma Roto Frank will Berti für zwei Jahre freistellen. Das Gehalt sollen Firmen sponsern.

In absehbarer Zeit wird der Kreis Esslingen flächendeckend mit dem Kelly-Netzwerk überzogen sein. Von Filderstadt ausgehend sind die Kelly-Inseln in sechs Kommunen eingeführt, etliche andere bauen die Inselgruppe gerade auf. Auch in Böblingen arbeitet man am Projekt "Sicherer Landkreis". Bundesweit liegen 150 Anfragen für Kelly-Inseln vor, unter anderem will München Stadtteil für Stadtteil sicherer machen. Er habe aber keinen Ehrgeiz, dass die Kelly-Inseln schnellstmöglich bundesweit eingeführt werden, betont Berti. Es gehe darum, eine qualitativ gute Struktur aufzubauen. Er wolle Rückmeldung von der Basis. In jeder Gemeinde gibt es einen ehrenamtlichen Kelly-Berater mit Kelly-Ausweis, der Ansprechpartner für die Geschäftsleute ist. 50 Ehrenamtliche unterstützen inzwischen das Projekt.

Zur Qualität gehört, dass alle teilnehmenden Geschäfte polizeilich überprüft werden. Ralf Berti: "Ohne das Fundament Polizei macht das Projekt keinen Sinn." Sowohl der Filderstädter Revierleiter Michael Bant-le als auch Paul Mejzlik, Leiter der Kriminalprävention der Polizeidirektion Esslingen, stehen voll hinter dem Projekt Kelly-Insel. Die Deutsche Kriminalstiftung hat die Kelly-Insel kürzlich mit dem Förderpreis 2005 ausgezeichnet.

Den Bekanntheitsgrad steigern prominente Fürsprecher. Lothar Späth, dessen Sohn in Bonlanden wohnt, hat die Schirmherrschaft übernommen. Als Paten hat Berti den Leichtathleten Tobias Unger gewonnen und die Stuttgarter Schulamtspräsidentin Margret Ruep. Kelly-Inseln geben den Eltern wieder mehr Spielraum, glaubt Berti. Sie sorgen sich weniger, wenn ihre Kinder unterwegs sind. Bonlanden sei immer noch traumatisiert. Wenn ein Hubschrauber langsam über den Ort fliege, denken viele Menschen noch immer an die Suchaktion nach Alexandra.

INFOAuch in Kirchheim wird es das Projekt Kelly-Insel geben. Laut Ralf Berti steht es kurz vor der Umsetzung. Über 50 Interessenten haben sich bereits angemeldet. Die Kelly-Inseln in Kirchheim werden nach den den Sommerferien mit einer offiziellen Veranstaltung starten. Wie der Kirchheimer Revierführer, Polizeioberrat Thomas Pitzinger, sagte, wurde das Thema im Arbeitskreis "Kommunale Kriminalprävention" besprochen und beschlossen, Kelly-Inseln auch in der Teckstadt zu etablieren. Dabei wirken neben der Stradtverwaltung, Schulen, Polizei, Bürgerbüro, City-Ring Geschäfte und der BDS mit.