Lokales

Ein "Segen" für Schüler, denen Wörter zur Qual werden

20 Fehler im Diktat, Probleme, eine Mathe-Textaufgabe zu entziffern, und der Spott der Klassenkameraden für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) wird die Schule oft zur Qual. Hilfe bietet die Kirchheimer Freihof-Grundschule: Sie hat eine spezielle Klasse für Kinder mit LRS eingerichtet.

BIANCA LÜTZ

Anzeige

KIRCHHEIM Seit diesem Schuljahr unterichtet Christel Rott an der Freihof-Grundschule zehn Drittklässler mit massiven Lese- und Schreibproblemen. "Manche konnten zu Beginn des Jahres nicht einmal das Wort ,Oma' lesen", berichtet die Grundschullehrerin, die zusätzlich an einer Pädagogisch-Therapeutischen Einrichtung ausgebildet wurde. Mit Hilfe des so genannten "Kieler Leseaufbaus", einer systematischen Unterrichtsmethode bei LRS, haben die Jungen und Mädchen jedoch mittlerweile schon riesige Erfolge erzielt: "Alle Kinder können lesen", meldet Christel Rott den aktuellen Zwischenstand. Während einige Schüler noch stockend und mit Schwierigkeiten Texte erfassen, entwickeln sich andere zu richtigen Leseratten : "Ich habe schon vier Kwiatkowski-Bücher und einen Harry-Potter-Band gelesen", erzählt einer der Schüler von seinen Fortschritten.

Zu Beginn des Unterrichts galt es zunächst, die Kinder von Selbstzweifeln und Unsicherheit zu befreien, die aus den Misserfolgen der ersten zwei Schuljahre resultierten. "Es ist ganz wesentlich, die Persönlichkeit wieder aufzubauen", weiß Schulamtsdirektor Dr. Hans-Dieter Pix. Viele leseschwache Kinder würden in der Schule regelrecht stigmatisiert.

Und damit nicht genug. Auch zu Hause "kracht" es bei LRS-Kindern oft gewaltig. "Wir hatten richtige Kämpfe ums Lesen", berichtet Birgitt Schmierer, deren Tochter die LRS-Klasse besucht. Auch Gabi Baamann erinnert sich mit Schrecken an die Zeit, bevor ihr Sohn in die Klasse der Freihof-Grundschule kam: "Er war aggressiv, konnte gar nicht lesen und wollte schließlich nicht mehr in die Schule gehen."

All die Mühen und Anstrengungen der Eltern, ihren Kindern durch stundenlanges Üben in der Freizeit, durch Zusatzunterricht oder Therapien das Lesen beizubringen, sorgten meist nur für umso mehr Frust und Verzweiflung. Das Angebot der Freihof-Grundschule empfand Birgitt Schmierer daher als "Segen".

In der LRS-Klasse lernen die Kinder Lesen und Schreiben mit allen Sinnen und vielfältigen Methoden: Sie stellen etwa gemeinsam Sätze aus Wörtern zusammen, die auf Kieselsteine geschrieben sind und bekommen anhand von Gebärdensprache beigebracht, Lautabfolgen zu erfassen und aufzuschreiben wobei sie so gut wie keine Fehler machen. Um Strukturierung zu erlernen, sprechen die Kinder Wörter rhythmisch nach, während sie im Takt dazu gehen und die Arme schwingen.

Diese Art zu lernen kommt den Mädchen und Jungen der LRS-Klasse sichtlich entgegen: Sie beteiligen sich rege am Unterricht, meistern Konzentrationsübungen, lesen gerne und flüssig Sätze vor und fühlen sich zum ersten Mal aufgehoben in einer Gruppe, in der alle das gleiche Problem haben. Der Wechsel in die LRS-Gruppe ist einigen Kindern und Eltern dennoch zunächst nicht leicht gefallen: Die Schüler mussten ihre gewohnten Klassen verlassen, einige "reisen" täglich aus anderen Gemeinden an. Neben der Anfahrt aus Oberlenningen empfindet es Birgitt Schmierer zudem als Nachteil, dass ihre Tochter durch den Schulwechsel keine Freunde mehr am Ort hat.

Angesichts des Erfolgs und vor allem des Bedarfs soll im nächsten Schuljahr eine zweite LRS-Klasse an der Freihof-Grundschule eingerichtet werden. "Wir haben schon neun Anfragen", verdeutlicht Karin Bogen-Dittrich, Mitinitiatorin der LRS-Klasse und im Amt für Schule und Bildung zuständig für den Bereich Schulschwierigkeiten, die große Nachfrage. Willi Kamphausen, Leiter der Freihof-Grundschule, setzt sich nach Kräften für den Spezial-Unterricht ein. Geplant ist nun, eine Gruppe einzurichten, in der Zweit- und Drittklässler gemeinsam unterrichtet werden. Flexibel zeigt sich die Schule darüber hinaus, wenn Problemfälle dringend Hilfe benötigen: "Man kann auch während des Schuljahres einsteigen", sagt Willi Kamphausen. Mit einer Quereinsteigerin in der aktuellen LRS-Klasse habe es bislang nur gute Erfahrungen gegeben.

Handlungsbedarf in Bezug auf LRS gibt es aus Sicht von Hans-Dieter Pix und Karin Bogen-Dittrich zudem bei der rechtzeitigen Diagnose. Probleme müssten schon durch Tests im Kindergartenalter erkannt werden, nicht erst in der Grundschule. "Sonst verschwenden wir wertvolle Jahre", so Pix. Oftmals wird die Schwäche zudem als langsame Entwicklung missverstanden oder als "Dummheit" abgetan. Mit einem Mangel an Intelligenz hat die so genannte "Legasthenie" jedoch nichts zu tun. Viele der LRS-Kinder sind hochintelligent. So hat Claudia Platzer etwa die Erfahrung gemacht, dass ihre Tochter trotz LRS und schlechterer Schulnoten viele Dinge "schneller kapiert als ihre große Schwester". Ursachen für LRS sind laut Karin Bogen-Dittrich Teilleistungsschwächen von Motorik und Wahrnehmung sowie ein schlechtes Sprach-Rhythmusgefühl.