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Ein spektakulärer Raubmord führte zum Todesurteil

Am 25. November wird um 19 Uhr im Bürgerhaus im alten Farrenstall die Ortsgeschichte "Schlierbach. Heimat zwischen Teck und Fils" vorgestellt. Damit findet die Arbeit von Rosemarie Reichelt, Gabriele Mühlnickel-Heybach, Rolf Götz und Rainer Kilian ihren krönenden Abschluss, die die Geschichte Schlierbachs umfassend erforscht haben. Als "Appetitanreger" hier einige Einzelheiten aus dem Heimatbuch, das vom Göppinger Kreisarchivar Walter Ziegler im Auftrag der Gemeinde Schlierbach herausgegeben wird.

RAINER KILIAN

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SCHLIERBACH Das Buch, zu dem zahlreiche Schlierbacher Heimatforscher Einzelbeiträge beigesteuert haben, wird bis 6. Dezember zum Sonderpreis angeboten.

Das Dorf im 16. JahrhundertWas im Jahre 1535 im Dorf über die Geschichte Schlierbachs bekannt war, ist einem Bericht von Ober- und Untervogt des Amtes Göppingen zu entnehmen. Der Vogtbericht fasste das zusammen, was die Vögte nach Befragung der Einwohner "angezeigt" bekommen hatten: "Wissen nit anzuzögen, waher sie den Namen haben. Soll von Haintzen von Zilnhart erkaufft sein, sunst wissen sie nichts anzuzögen, haben auch kein Schilt noch Wappen. Unnd ligt sollich Dorff auch unnder der Eckh nit ferr von Kirchain." Nicht einmal ein Dreivierteljahrhundert nach dem Übergang Schlierbachs an Württemberg war im Ort mehr bekannt, dass Wolfgang von Zillenhart der Verkäufer gewesen war!

In alte Zeiten reichen sicherlich die Bezeichnungen "mitten", "oben", "unten" und "hinten" im Dorf zurück. Nach einer Beschreibung aus dem Jahre 1461 lag die "Nonnenwiese" "unten im Dorf bei dem Brunnen am Bach" und der "Rosengarten" "oben im Dorf". Noch heute bezeichnet man als "Oberdorf" den Bereich nördlich der Kirche in Richtung Ebersbach und Göppingen und als "Hinterdorf" den Bereich östlich der Kirche in Richtung Hattenhofen bis zum ehemaligen Rohrbrunnen einschließlich des "Seeweilers" und der "Suppengasse" (jetzt Wolfstraße). Der "Schnellhof" (früher "Schlegel") am östlichen Ende der Straße nach Hattenhofen findet sich nicht in den Quellen des 16. bis 18. Jahrhunderts. Als "Unterdorf" bezeichnet man den Bereich westlich der Kirche entlang der Straße nach Kirchheim bis zur Brücke über den Schlierbach. Das "Dörfle" gehört wohl erst zu einer späteren Erweiterung.

"Mitten im Dorf" befand sich die das Ortsbild beherrschende Pfarrkirche Sankt Georg. Östlich der Kirche an der heutigen Gaiserstraße lag der Widemhof ("bei der Kirche"), dessen Wohnhaus als Eckhaus zu beiden Seiten an die Gasse grenzte. 1579 wurde ein damals noch ungeteilter Klosterhof als "mitten im Dorf am Wolfgraben" gelegen bezeichnet. Der "Wolfgraben" (bereits 1535 genannt) begrenzte den nordöstlichen Teil des Dorfes. "Oben im Dorf", wo sich die Straße nach Göppingen und Ebersbach verzweigte, "in der Brienschneck", lag der Hof des reichsten Schlierbachers Martin Huber, der im Spitallagerbuch von 1589/1600 als "Fleckenbronnen-Lehen" bezeichnet wurde. "Oben im Dorf", an der Holzgasse, lag ein weiterer Spitalhof, der Ende des 16. Jahrhunderts bereits geteilt war. Hier in der Holzgasse stand auch das zur Kirchheimer Präsenz gehörige Haus. "Hinten im Dorf" befand sich der See, der 1537 als "Weyerlin" beziehungsweise "Fleckensee" bezeichnet wurde. An der "Seegasse" (heute Gaiserstraße), und zwar mitten und hinten im Dorf, lagen zwei Höfe des Spitals, von denen der eine am Ende des 16. Jahrhunderts bereits geteilt war. "Unten im Dorf" lagen der zum Kloster gehörige "Haslacher Hof" und das einst zum Kloster Sankt Peter gehörige "Harlehen", auf dessen Areal zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Zehntscheuer erbaut worden war.

Über die grundherrlichen Zinsen lassen sich etwa 40 Häuser in Schlierbach nachweisen. Nicht alle der 88 zur Türkenschatzung herangezogenen Schlierbacher Einwohner werden in eigenen Häusern gewohnt haben. Es ist deshalb anzunehmen, dass Mitte des 16. Jahrhunderts innerhalb des Etters etwa 50 Häuser standen. Die in der Regel zu bäuerlichen Hofstellen gehörigen Häuser reihten sich entlang der von Kirchheim nach Göppingen führenden "Landstraße" (1524 genannt) sowie der nach Hattenhofen und Roßwälden führenden Wege. Der "Etter", ein hölzerner Zaun, schützte vor wilden Tieren und Fremden.

Raubmord in KirchheimEin spektakulärer Mordfall wurde 1768 vor dem Kirchheimer Malefizgericht verhandelt. Bei dem Angeklagten handelte es sich um den 42-jährigen Bäcker David Hailemann aus Schlierbach. Er war verheiratet mit der Schlierbacherin Anna Maria, geborene Hummel, und hatte drei kleine Kinder. Nach Aussage des damaligen Schlierbacher Schultheißen Kayser genoss er nicht gerade den besten Ruf im Dorf.

Wollte man das Geld nicht stehlen, konnte dem durch Darlehen von begüterten Privatleuten abgeholfen werden. Auch Heilemann machte von dieser damals üblichen Geldbeschaffungsmaßnahme Gebrauch, indem er sich zwei Schuldverschreibungen über insgesamt 160 Gulden von der Dekanswitwe Regine Dorothea Laiblin ausstellen ließ. Die 59-jährige Witwe lebte in Kirchheim und war als eine sehr vermögende, aber auch sehr geizige Frau bekannt. So vergaß sie auch nicht, ihre Schuldner rechtzeitig zur Kasse zu bitten. Als Heilemann zum festgelegten Termin nicht zahlen konnte, kam es am 6. September 1768 um die Mittagszeit zu einem lautstarken Streit im Haus der Witwe in der Brandstraße. Nach Heilemanns Aussage sei die Witwe "wüst über ihn hergezogen und habe ihn an den Haaren gepackt, da sei es mit seiner Beherrschung zu Ende gewesen. Er habe sie daraufhin am Hals gepackt und gewürgt, sie sei ihm dann unter der Hand tot hingefallen".

Nach dem Obduktionsbericht des Stadtphysikus hatte die Frau aber noch einen Tritt in die Seite bekommen, der sie vielleicht erst tötete. Um einen natürlichen Tod vorzutäuschen, hatte der Mörder schließlich die Frau auf das Bett gelegt. Danach entdeckte er im Nebenzimmer ein Kästchen, dessen Inhalt er einsteckte. Nachdem er die Haustüre der Witwe abgeschlossen hatte, ging er nach Hause, als sei nichts geschehen. In Schlierbach aber packte er in Abwesenheit seiner Frau seine Sonntagskleidung und verschwand. Bei der Suche nach dem Mörder fiel schon bald der Verdacht auf Heilemann. Die Nachbarin der Ermordeten hatte den Streit zwischen Täter und Opfer gehört. Als es Heilemann nach seiner Flucht in Richtung Rheinland wieder in die Nähe des Tatortes zog, wurde er am 20. Oktober im "Bären" in Plochingen von einem Plochinger Bürger erkannt und angezeigt. Heilemann ließ sich nicht nur widerstandslos festnehmen, sondern war auch sofort geständig. Das Todesurteil gegen Heilemann bestätigte am 20. Dezember 1768 der Herzog, das am 30. Dezember mit dem Schwert vollzogen wurde.

Auswanderungen im 19. Jht.Missernten, Hunger, schlechte Wirtschaftslage und die zunehmende Verkleinerung des Grundbesitzes, die durch das württembergische Realteilungsrecht hervorgerufen wurde, brachten viele Menschen dazu, auszuwandern. 1804 wollte Wilhelm Kälberer zusammen mit den Familien Johann Georg Frasch, Johann Georg Huber, Johannes Kälberer und Johann Georg Übele nach Podolien und legte eine Note der kaiserlichen russischen Botschaft in München vor. Die Regierung genehmigte die Auswanderung und so zogen zehn Erwachsene und 13 Kinder nach Russland.

Der württembergische Staat sah seit 1849 in der Auswanderung ein Mittel, gezielt arme oder straffällig gewordene Landeskinder außer Landes zu schaffen und damit die Kosten für die Armenunterstützung einzusparen. Am 7. August 1852 erkundigte sich das Ministerium des Innern bei den Gemeinden, ob diese bereit wären, die Transportkosten zur Beförderung armer Staatsgenossen nach Amerika zu übernehmen. Auch Schlierbach übernahm die Kosten von 75 Gulden für einen Erwachsenen und 52 Gulden für ein Kind bis 12 Jahre neben Bekleidung und Transport nach Heilbronn. Zunächst sollten Friedrich Hildenbrand, der im Arbeitshaus Ludwigsburg untergebracht war, und Michael Rupp aus dem Kreisgefängnis Schwäbisch Hall auf diese Art und Weise auswandern. Dann entschloss sich der Gemeinderat, die Familien Johannes Eberle, Leonhard Frasch, Ludwig Ott, Anna Maria Weiler und Christiane Maier, insgesamt 22 Personen unter Übernahme der Kosten von 1650 Gulden zum Transport vorzuschlagen. Bei anderen Ortsarmen gab entweder die Kreisregierung in Ulm einen Reisekostenzuschuss oder die Gemeinde bezahlte die Schiffspassage im Wert von 125 Gulden.

Zwischen 1849 und 1853 wanderten 17 Erwachsene und 14 Kinder mehr oder weniger freiwillig nach Amerika aus. Allerdings wanderten auch vermögende Menschen aus, weil sie glaubten, in der Fremde bessere Möglichkeiten zu haben, wie 1851 der Bäcker Jakob Böhringer, der ein Startkapital von 2164 Gulden mit nach Nordamerika nahm. Auch den Kaufmann Leonhard Gottlieb Gaiser zog es 1854 nach Hamburg, wo er ein Vermögen erwirtschaftete. Seine Heimatgemeinde vergas er nicht, sondern hinterließ 1892 testamentarisch 50000 Mark für die Schule sowie die Versorgung der Armen und Kranken. Die Gemeinde legte dieses Geld in einer Stiftung an, aus der ein erheblicher Teil der Baukosten des Rat- und Schulhauses 1901 bestritten wurden.

Die Erfassung aller Auswanderer ist leider nicht möglich gewesen, da teilweise die Auswanderer nicht auf ihr Bürgerrecht in Schlierbach verzichtet haben und daher in den archivischen Quellen nicht auftauchten. Außerdem können für den Zeitraum von 1881 bis 1895 keine Angaben gemacht werden, da einschlägige Akten nicht erhalten sind. Insgesamt lassen sich von 1800 bis zum Ersten Weltkrieg 226 Bürgerinnen und Bürger Schlierbach nachweisen, die ihren Heimatort verließen.

Neubeginn nach 1945 Mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands ging am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende. Der Neckar bildete die Grenze zwischen der amerikanischen und französischen Besatzungszone. Für den Kreis Göppingen etablierte sich das Detachment G - 25, 1st Mil. Govt. Bn. (Sep.). Die Militärregierung veranlasste zunächst die Bildung von so genannten Beiräten, die Überprüfung der Bürgermeister und der Gemeindemitarbeiter.

Am 27. Mai 1945 wurde eine Liste der vorgeschlagenen Beiräte dem Bürgermeisteramt vorgelegt. Die Herren Jauss und Kugelmann hatten nach "Rücksprache mit maßgebenden Persönlichkeiten und nach Besprechungen auf dem Rathaus folgende acht Männer benannt, die nicht Mitglieder der NSDAP waren und das Vertrauen der Einwohnerschaft genießen:" Auwärter, Karl, Landwirt; Spindler, Wilhelm, Landwirt; Hohnecker, Christian, Landwirt; Weber, Otto, Mechaniker; Kälberer, Gottlob, Landwirt; Weiler, Christian, Schlosser; Schneider, Ernst, Müllermeister; Weiler, Ernst, Landwirt. Am 19. Juni legte der amtierende Bürgermeister Kälberer die Liste dem Landrat zur Genehmigung vor. Gottlob Kälberer war vom Landratsamt der Militärregierung in Göppingen im Einvernehmen mit den Beiratsmitgliedern zum kommissarischen Bürgermeister vorgeschlagen worden. Kälberer war seit 1943 als ehrenamtlicher Beigeordneter Vertreter des zum Kriegsdienst eingezogenen Bürgermeisters Veyhl, der sich noch in russischer Kriegsgefangenschaft befand.

Das Landratsamt empfahl die Amtsenthebung Veyhls, weil er wegen seiner politischen Zugehörigkeit zur NSDAP politisch schwer belastet sei. Gottlob Kälberer amtierte bis zum 5. Dezember 1945 als kommissarischer Bürgermeister, dann ernannte die Militärregierung in stets widerruflicher Weise Otto Weber zum kommissarischen Bürgermeister Schlierbachs. Eine der ersten Maßnahmen der Militärregierung war die "Säuberung der deutschen Straßen und Plätze von Nazi- und militaristischen" Namen. In der Gemeinde wurden daraufhin umgehend die Adolf-Hitler-Straße in Hauptstraße beziehungsweise in Kirchheimer Straße, die Hindenburgstraße in Göppinger Straße und die Wilhelm-Murr-Straße in Hattenhofer Straße umbenannt. Die geforderte politische Überprüfung der Gemeindebediensteten führte zur Sus-pendierung des langjährigen Gemeindepflegers Albert Buchele und des Gemeinde- und Schuldieners Gottlob Eberle. Die beiden Herren wurden schließlich als Mitläufer klassifiziert und konnten nach der Weihnachtsamnestie 1946 ihre Arbeit wieder aufnehmen. Im übrigen hatte es sich im Rahmen der Untersuchung herausgestellt, dass die beiden von einem Schlierbacher Bürger bei der Spruchkammer in Göppingen denunziert worden waren. Buchele war sein Verhalten bei der Verhaftung Schlierbacher Bürger im Jahr 1933 vorgeworfen worden.

Das Jahr 1946 begann mit den ersten demokratischen Wahlen seit 14 Jahren. In Schlierbach wurden zwei Wahlvorschläge eingereicht. Ein Vorschlag firmierte unter dem Namen "Demokratische Einheitsliste der Arbeiter, Bauern und Gewerbetreibenden", kurz "Einheit" genannt, der andere Wahlvorschlag lautete "Wählergruppe Neubauer". Am 27. Januar fand dann die erste Gemeinderatswahl nach dem Krieg statt. Schlierbach hatte 1.315 Einwohner, wahlberechtigt waren 752 Bürgerinnen und Bürger. Von den 7.841 abgegebenen gültigen Stimmen erhielt die Liste "Einheit" 1102 (1 Sitz), die Liste "Neubauer" 6739 (11 Sitze) Stimmen. Somit waren für zwei Jahre folgende Herren gewählt: Karl Boffenmaier (Liste Einheit), Karl Auwärter, Ernst Schneider, Gottfried Hummel, Gottlob Haller, Wilhelm Spindler, Jakob Gössler, Christian Weiler, Christian Hohnecker, Hermann Maurer, Ernst Weiler, Gotthilf Cantner (alle Liste Neubauer). Mit Ausnahme von Ernst Weiler fanden die Gemeinderäte die Bestätigung der Militärregierung. Am 5. März musste er binnen 48 Stunden sein Amt aufgeben und einen politischen Fragebogen vorlegen. Weiler erhob erfolgreich mit der Begründung Beschwerde, er wäre lediglich stellvertretender Blockhelfer in der NSV gewesen, jedoch kein Mitglied der NSDAP. Diese Maßnahme stand im Zusammenhang mit dem "Befreiungsgesetz", in dem die Amerikaner in ihrer Besatzungszone am 5. März 1946 angeordnet hatten, dass jede über 18 Jahre alte Person Selbstauskunft innerhalb von fünf Kategorien über ihre Rolle im Dritten Reich geben musste.