Lokales

Ein Tag, an dem ziemlich viel schief lief

Das Unglück ereignete sich auf einer Baustelle in einer Nürtinger Kreisgemeinde. Die noch mit blauer Folie verpackte Palette mit Steinen, die der Kran transportierte, kippte von der Gabel und stürzte aus einer Höhe von gut vier Metern in die Tiefe. Ein Mitarbeiter wurde von der Last getroffen und so schwer verletzt, dass er kurze Zeit später starb.

NÜRTINGEN Vor dem Nürtinger Amtsgericht musste sich jetzt der Betriebsleiter und Polier, 35 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Gegen den Kranführer, der den Kran mittels Fernbedienung lenkte, wird in einem gesonderten Verfahren verhandelt. Der Mann hatte an jenem frühen Nachmittag bereits zwei Paletten mit Steinen vom Lastwagen über eine Garage gehoben und innerhalb der Baustelle abgesetzt, als die dritte Ladung in Kipplage kam und abstürzte. Er hatte die Palette nicht, wie vorgeschrieben, mit einer Kette befestigt. Hätte er die Kette um die Steine gelegt, hätte die schwere Last nicht abstürzen können.

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Bei der Firma, die den Auftrag zur Errichtung des Wohnhauses erhalten hatte, handelt es sich um einen Familienbetrieb. Der Kranführer war ein Verwandter des angeklagten Betriebsleiters, der tödlich verunglückte Mann sein Stiefvater. Es hat die Familie schwer getroffen, sagte der Angeklagte vor Gericht. Seine Frau macht die Buchführung, er hat als Betriebsleiter und Polier die Verantwortung auf der Baustelle. Er muss dafür sorgen, dass die Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Noch nie war es auf einer Baustelle, auf der er zu bestimmen hatte, zu einem Unfall gekommen.

Nach eigenem Bekunden hatte er an dem fatalen Tag dem Kranführer gesagt: Abladen wie immer. Das schien ihm zu genügen, schließlich konnte der Kranführer auf sieben Jahre Erfahrung im Umgang mit dem Kran zurückblicken. Letztlich könne er, meinte der Betriebsleiter entschuldigend, nicht jederzeit an jedem Platz auf der Baustelle sein.

Zu keinem Zeitpunkt der Verhandlung wurde das Fehlverhalten des Kranführers bestritten. Er hatte nicht, wie vorgeschrieben, die Kette um die Palette mit Steinen gelegt, bevor er die Fracht mittels Fernbedienung nach oben zog. Aber auch so hätte nach dem Urteil des Betriebsleiters nichts passieren dürfen. Für ihn gab es für das Unglück nur eine Erklärung: dass der Kranführer die Palette mit Steinen ruckartig bewegt habe.

Richterin Sabine Lieberei: An dem Tag ist überhaupt einiges schief gelaufen. Die Antwort des Betriebsleiters: Wenn etwas passiert, ist immer etwas schief gelaufen. Im Augenblick des Unglücks habe er zuerst einen lauten Schrei, vermutlich vom Kranführer, und dann einen Mordsschlag gehört. Nicht nur war die Kette nicht umgelegt gewesen, der Mann, den die zentnerschwere Last tödlich traf, hätte sich auch nicht unterhalb der durch die Luft schwebenden Palette mit Steinen befinden dürfen.

Für den Gutachter, einen Bauingenieur aus Stuttgart, war an jenem Nachmittag eine ganze Menge schief gelaufen. Seine Vorwürfe an den Betriebsleiter mündeten in vier Hauptpunkte: dass die Zinken des Hebegeräts nicht symmetrisch unter die Palette geschoben worden waren (sonst hätte die Palette nicht in Schräglage geraten können), dass die Kette nicht um die Palette gelegt worden war, dass die vorgeschriebene jährliche Unterweisung des Kranführers nicht erfolgt sei und dass der Betriebsleiter nicht dafür gesorgt habe, dass sich niemand unter dem Kran bewegte.

Bedenkt man den gewaltigen Stoß von Unterlagen, die der Gutachter vor sich ausgebreitet hatte und aus denen er zitierte, musste man fast davon ausgehen, dass es für jede Bewegung auf einer Baustelle eine Sicherheitsvorschrift gibt.

Der als Zeuge zur Verhandlung bestellte Kranführer machte hinsichtlich des Unfallhergangs von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch, erinnerte sich jedoch, dass die tödliche Fracht auf der Palette seitlich rechts von der Gabel gekippt war. Laut Gutachter hätte er schon auf dem Lastwagen die Kette um die Palette mit Bausteinen legen müssen. Der Zeuge ("Mir ist noch nie ein Unfall passiert!") beteuerte, wie üblich die Gabel mit dem Fuß unter die Palette geschoben und dann, als alles sicher schien, die Fracht per Fernbedienung angehoben zu haben. Wie es zu dem Unglück habe kommen können, sei ihm ein Rätsel. Nein, an eine jährlich vorgenommene Schulung könne er sich nicht erinnern. Der Bauleiter selbst konnte keine Liste mit unterschriftlicher Bestätigung einer Schulung vorlegen.

Dieses Manko blieb denn auch als Vorwurf bei der Urteilsfindung. Richterin Sabine Lieberei stellte das Verfahren im Einvernehmen mit dem Staatsanwalt vorläufig ein, allerdings mit der Maßgabe einer Geldbuße von 5000 Euro. Die Summe soll je zur Hälfte an zwei gemeinnützige Einrichtungen gehen, nämlich an den Förderkreis krebskranker Kinder in Stuttgart und an die Tübinger Elterninitiative herzkranker Kinder e. V. Ist das Geld überwiesen, wird aus der vorläufigen eine endgültige Einstellung des Verfahrens. Als Zuhörer nahmen eine ganze Reihe von Männern vom Bau teil. Sie verließen den Gerichtssaal mit nachdenklichen Gesichtern. Einer davon traf eine Feststellung ganz außerhalb jeder Theorie. Wenn man auf dem Bau, meinte er, jede Sicherheitsvorschrift einhalten würde, könnte nie im Leben ein Haus fertig gestellt werden.

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