Lokales

Ein Tragwerk, das noch nicht trägt

Stiftungsrat entscheidet sich gegen Doppelspitze – Peter Dannenhauer ist beurlaubt

Zum 1. Juli vergangenen Jahres hatten sich Wächterheim und Paulinenpflege zur Stiftung Tragwerk zusammengeschlossen. Bislang ist das Werk aber nicht so zum Tragen gekommen, wie es sich die Verantwortlichen erhofft hatten. Inzwischen hat sich der Stiftungsrat zu einem klaren Schnitt entschlossen und sich von einem der beiden Vorstandsmitglieder getrennt – und zwar vom Geschäftsführer des Wächterheims, Peter Dannenhauer.

Andreas Volz

Kirchheim. Seit der Fusion von Wächterheim und Paulinenpflege gibt es einen gemeinsamen Stiftungsrat, dem 13 Personen angehören. Vorsitzende dieses ehrenamtlichen Gremiums sind Dekanin Renate Kath und Peter Treuherz. Die Dekanin kam zu dieser Aufgabe, weil sie bereits in der „Ex-Paulinenpflege“ einen vergleichbaren Posten innehatte. Bei Peter Treuherz verhält es sich genauso: Er war zuvor über lange Jahre hinweg der Stiftungsvorsitzende im „Ex-Wächterheim“.

In einem Pressegespräch zur aktuellen Situation der Stiftung Tragwerk setzte Renate Kath gestern bewusst das Wort „Ex“ vor die Namen der beiden traditionellen Kirchheimer Einrichtungen. Schließlich soll es trotz der bisherigen Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen dabei bleiben, dass Wächterheim und Paulinenpflege eine gemeinsame Zukunft haben – und das unter dem gemeinsamen Namen „Tragwerk“.

Im Stiftungsrat funktioniert die Kooperation auf höchster Ebene hervorragend, wie Renate Kath betont. Nominell ist sie die Erste Vorsitzende des Gremiums. Peter Treuherz ist der Zweite Vorsitzende, wobei beide aus diesen Bezeichnungen keine Rangordnung ableiten.

Bei der hauptamtlichen Leitung war eine ähnliche Doppelspitze vorgesehen: Peter Dannenhauer, seit Juli 2006 als Nachfolger Frieder Schlipphaks Geschäftsführer des Wächterheims, war nach der Fusion Vorstandsmitglied der neuen Jugendhilfe- und Altenhilfeeinrichtung Stiftung Tragwerk geworden. Sein Kollege Manfred Sigel, seit vielen Jahren Gesamtleiter der Paulinenpflege, war das andere Vorstandsmitglied und zugleich Vorstandsvorsitzender.

Genau diese Doppelspitze in der hauptamtlichen Leitung hat sich nun aber von Anfang an „nicht bewährt“, wie Renate Kath gestern ausführte. Was genau unter dieser mangelnden Bewährung zu verstehen ist, darüber sagte sie zwar nichts, sprach aber von „unterschiedlichen Systemen und Verfahrensfragen“, wie sie seit Jahrzehnten in beiden Einzeleinrichtungen vorherrschten und zur Gewohnheit geworden waren – und wie sie nicht nur bei der Leitung der beiden Häuser, sondern auch bei den Mitarbeitern verinnerlicht sind.

In diesem Zusammenhang erinnerte die Dekanin an Jonathan Swifts satirischen Reisebericht „Gullivers Reisen“, wo es die Streitfrage gibt, ob ein Ei an der spitzen oder an der stumpfen Seite aufgeschlagen werden soll. Wenn sich solche Systeme erst einmal gefestigt hätten, sei es nur schwer, davon wieder abzukommen und sich auf Neues einzulassen. „Veränderungen lösen Ängste aus“, meinte Renate Kath und stellte fest, dass es bei vielen strittigen Verfahrensfragen innerhalb der neuen Stiftung Tragwerk um Dinge gegangen sei, die es eigentlich gar nicht wert seien, sich daran aufzuhalten. Insgesamt aber lasse sich das Problem der unterschiedlichen Systeme auf den Punkt bringen, dass beide Einrichtungen jeweils ihren eigenen Weg gesucht hätten zwischen pädagogischer Verantwortung einerseits und finanzieller Verantwortung andererseits.

Eins ist der Dekanin besonders wichtig: „Die Mitarbeiter in beiden Einrichtungen haben schon vor der Fusion gute Arbeit geleistet, und sie sollen auch weiterhin für die Stiftung Tragwerk gute Arbeit leisten.“ Ziel des Stiftungsrats sei es, beide „Ex-Einrichtungen“ unter dem neuen Dach zu erhalten und auch „in den nächsten zehn bis fünfzig Jahren“ die Arbeitsplätze für die Mitarbeiter zu bewahren. Die Fusion zum 1. Juli sei möglicherweise zu früh gekommen, räumt Renate Kath zwischen den Zeilen ein. Aber es habe sich um den spätestmöglichen Zeitpunkt gehandelt, um den Mitarbeitern des Wächterheims noch das volle Weihnachtsgeld zu sichern, das sonst nach der entsprechenden Notlagenregelung halbiert worden wäre.

Der Plan für die Zukunft sieht vor, im Sommer einen gemeinsamen Leitbildprozess auf den Weg zu bringen, wobei es auch generell um Bilder gehe: um die Bilder, die die Mitarbeiter von ihrer eigenen bisherigen Einrichtung und von der jeweils anderen haben. Auch dabei erinnert Renate Kath an Swifts Romanhelden Gulliver, der ebenfalls die unterschiedlichsten Perspektiven erlebt, indem er in seinem ersten Abenteuer ein Riese unter Zwergen ist, im zweiten dagegen umgekehrt als Zwerg unter Riesen lebt.

Über die Personalentscheidung, die der Stiftungsrat kurz vor Weihnachten gefällt hatte, seien die Mitarbeiter übrigens frühzeitig informiert worden – zunächst schriftlich, Anfang Januar dann mündlich während einer Mitarbeiterversammlung. Überhaupt hätten die Stiftungsratsmitglieder – vor allem die beiden Vorsitzenden – in den vergangenen Wochen und Monaten viele intensive Gespräche mit Mitarbeitern geführt.

Die Entscheidung, die Doppelspitze aufzugeben und einem der beiden Vorstandsmitglieder zum Jahresende zu kündigen, sei dem Stiftungsrat alles andere als leichtgefallen. Der Stiftungsrat habe sich aber über eine lange Zeit hinweg ausführlich mit der Thematik auseinandergesetzt, bevor er sich zu dieser denkbar harten Lösung durchgerungen hat. Ausdrücklich betont die Vorsitzende Renate Kath, dass es nicht um Fragen nach persönlicher Schuld oder persönlichen Fähigkeiten gegangen sei. Zum Wohl der gesamten Einrichtung und Organisation sei allerdings eine Entscheidung nötig gewesen, so schmerzlich sie letztlich ausgefallen sein mag. Eine einvernehmliche Lösung „im Guten“ war wohl nicht mehr möglich.

Peter Dannenhauer selbst sieht das Wohl der Gesamteinrichtung Tragwerk im Vordergrund. „Ich habe kein Interesse daran, jetzt nachzukarten“, sagte er gestern auf telefonische Nachfrage. Auch wenn er inzwischen beurlaubt ist, hat er sich nichts vorzuwerfen – schon gar nicht, dass er irgendetwas „ausgefressen“ habe. Er bedauert, dass die Lösung mit dem zweiköpfigen Vorstand nicht funktioniert hat. Aber trotz allem ist er voll und ganz davon überzeugt, dass die Fusion der einzig richtige Weg für beide Einrichtungen war und dass ein partnerschaftliches Zusammenwachsen immer noch möglich sei.

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