Lokales

Ein von allen Seiten akzeptierter Kompromiss

In wochenlanger, schweißtreibender Arbeit haben Mitglieder der drei Vereine Drachen- und Gleitschirmfliegerclub Weilheim, Turnverein Bissingen und Drachenfliegerclub Hohenneuffen einen neuen Startplatz für Gleitschirmflieger eingerichtet. Am 11. Oktober soll das Fluggelände "Neuffen Nord" östlich des Wanderparkplatzes in Betrieb genommen werden.

KREIS ESSLINGEN An der Schwäbischen Alb und im Großraum Stuttgart sind rund 4 000 Drachen- und Gleitschirmpiloten zu Hause. Obwohl das Relief der Alb hervorragende Bedingungen bietet, existieren dort nicht genügend Startplätze, um den Piloten ausreichend Trainings- und Flugmöglichkeiten bereitzustellen. Die wenigen zugelassenen Startplätze liegen meist ungünstig in Gebieten mit unzureichenden thermischen Eigenschaften oder geringem Höhenunterschied. Vor allem für Gleitschirmflieger besteht ein erheblicher Mangel. Deshalb legen viele Gleitschirmpiloten weite Wege zur Ausübung ihres Sportes zurück. Vorwiegend werden alpine Gelände, zum Beispiel im Allgäu, aufgesucht. Aufgrund fehlender Startplätze und steigender Nachfrage, insbesondere bei Nordwindlagen, kam es im Landkreis Esslingen immer häufiger zu illegalen Starts im Bereich des "Breitensteins" und seit dieser vermehrt kontrolliert wurde, auch im Naturschutzgebiet "Jusi", im Naturschutzgebiet "Teck", am "Reußenstein" oder im Naturschutzgebiet "Limburg".

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Neben dem für die Fliegerei idealen Relief ist die Schwäbische Alb gleichzeitig auch ein bedeutendes Zentrum für den Naturschutz. Insbesondere die Felsen oder die waldfreien Hänge mit ihren einzigartigen Wacholderheiden sind die charakteristischen Lebensräume für diese süddeutsche Region. Dabei handelt es sich um artenreiche Biotope mit seltenen, für den Naturschutz bedeutsamen Arten. Eine Genehmigung eines Startplatzes scheidet hier für die Naturschutzbehörde von vornherein aus. Das Landratsamt Esslingen hat, zusammen mit dem Deutschen Hängegleiterverband, nach einer Lösung für dieses Problem gesucht.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass ein absolutes Verbot einer Sportart genau das Gegenteil bewirkt. Es kommt zur illegalen Ausübung des Sports und dadurch zu immensen Schäden. Durch Lenkungsmaßnahmen können jedoch die Konflikte geringer gehalten werden. In Bereichen, in denen die negativen Auswirkungen nicht so bedeutsam sind, wird die Sportart erlaubt und dort, wo mit erheblichen Beeinträchtigungen zu rechnen ist, wird sie verboten. Dieses Vorgehen trifft auf eine hohe Akzeptanz bei den Sporttreibenden, wenn diese von Anfang an der Entscheidungsfindung beteiligt werden. Mit dieser Strategie wurden bereits in der Vergangenheit bei anderen Sportarten sehr gute Ergebnisse erzielt.

Durch Einbeziehung der Sporttreibenden in den Entscheidungsprozess und Vermittlung der Ziele des Natur- und Artenschutzes achten die Sporttreibenden über die soziale Kontrolle selbst auf die Einhaltung der Vorschriften. Eine solche Kontrolle wäre schon aus personellen Gründen von amtlicher Seite nicht leistbar. Unter diesem Aspekt konnte jetzt mit dem neuen Startplatz nach jahrelangen Verhandlungen und Diskussionen im Landkreis Esslingen ein von allen Seiten akzeptierter Kompromiss erzielt werden.

Durch intensiven Kontakt und kooperative Zusammenarbeit zwischen dem Hängegleiterverband (DHV) und der Naturschutzbehörde war es möglich, Gemeinden, Forstbehörde und private Naturschutzverbände von der Notwendigkeit eines zusätzlichen Startplatzes zu überzeugen und einen Startplatz zu finden, der allen Ansprüchen gerecht wird. Bedingung der Naturschutzbehörde für die Genehmigung des Startplatzes war unter anderem, dass alle drei im Landkreis Esslingen präsenten Vereine gemeinsam diesen Startplatz betreiben und damit allen organisierten Fliegern im Landkreis dieser Startplatz uneingeschränkt zur Verfügung steht. Dazu wurde ein Nutzungsvertrag abgeschlossen, in dem die Rechte und Pflichten gleichberechtigt auf die drei Vereine übertragen wurden. Damit wurden drei unabhängige Vereine zur engen Zusammenarbeit bei der Sportausübung und in der Pflege und Überwachung des Startplatzes motiviert. Diese Konstellation ist derzeit einmalig in Deutschland.

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