Lokales

Ein wenig Milde für die Drogendealer

Richter wollen Beschuldigte zur Aussage bewegen

Im Nürtinger Rauschgiftprozess vor dem Stuttgarter Landgericht hat gestern der letzte und wahrscheinlich wichtigste Zeuge die beiden 38- und 45-jährigen Brüder aus Nürtingen schwer beschuldigt. Der erst letzte Woche wegen Drogenhandels zu neun Jahren Haft Verurteilte sagte aus, dass er für das Brüderpaar in den Niederlanden harte Drogen eingekauft habe.

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BERND WINCKLER

Nürtingen/Stuttgart. Seit dem 22. September verhandelt die 18. Strafkammer gegen das Nürtinger Brüderpaar. Die beiden schweigen jedoch zu dem Vorwurf, in ihrer gemeinsamen Wohnung große Mengen hochwertiges Kokain, Marihuana und Amphetamin-Tabletten im Kilobereich erhalten, in Kleinportionen verpackt und dann weiter verkauft zu haben. Schon in der vergangenen Woche hatte ein Aussteiger aus der Szene im Zeugenstand schwere Anschuldigungen gegen die beiden erhoben, sich allerdings in Widersprüche verwickelt (wir berichteten).

Der gestern vernommene 26-jährige Zeuge galt in Drogenkreisen in und um Nürtingen und in Reutlingen als Haupttäter, beziehungsweise „Pate“ der Szene. Er hatte das auch in seinem Verfahren zugegeben, und damit eine Freiheitsstrafe von neun Jahren bekommen.

Allein im vergangenen Jahr, so der Zeuge gestern, habe er in „acht bis neun Fahrten“ aus der niederländischen Stadt Venlo jeweils zwei Kartons voll mit Rauschgift geholt, beziehungsweise holen lassen. In jedem Karton befanden sich mindestens zwei Kilo Marihuana und knapp ein Kilo Kokain. Ein Teil der Drogen wurde an einen Dealer in Oberboihingen, der Rest an ihn selbst und nach Nürtingen verteilt.

Er schilderte auch, dass der Kurier jeweils das gemietete Fahrzeug in Nürtingen auf einem Parkplatz abstellte, den Fahrzeugschlüssel dann auf einem Reifen deponierte – und nach einer Stunde wieder zurückkam. Inzwischen hatten nämlich die Rauschgift-Empfänger die Kartons aus dem Kofferraum geholt gehabt.

Nachdem aber einer der Kuriere im Oktober letzten Jahres in Amsterdam wieder Rauschgift einkaufen wollte, aber den Lieferanten nicht antraf, musste er mit leeren Händen zurück nach Nürtingen fahren. Unterwegs kontrollierte ihn die Polizei, die inzwischen einen Tipp aus der Szene erhalten hatte. Man fand jedoch in seinem Auto keine Drogen. Dennoch sei jetzt die Lage gefährlich geworden, sagt der Zeuge. Man habe einen anderen Kurier eingesetzt, der den Stoff nunmehr in Sportbeuteln transportierte.

Auch diesmal habe es sich hauptsächlich um Kokain gehandelt, welches teilweise an die Nürtinger Brüder ausgeliefert wurde. Vier Wochen später, im November 2008, wurde der Zeuge festgenommen. Die beiden Nürtinger verhaftete die Nürtinger Polizei allerdings erst am 26. März dieses Jahres. Ihr Prozess soll nun mit dem Abschluss der aufwendigen Beweisaufnahme am Donnerstag dieser Woche fortgesetzt werden. Ein Urteil könnte in der nächsten Woche verkündet werden. Den Brüdern drohen bis zu 15 Jahre Haft, es sei denn, sie legen noch vollständige Geständnisse ab. Dann würden die Richter ein wenig Milde walten lassen.