Lokales

Ein wenig Nostalgie und eine schwierige Zukunft

Seine Gründung verdankt er der damaligen Besatzungsmacht USA, heute steht er für eine selbstbewusste und autonome Interessenvertretung der Jugend. Der Kreisjugendring Esslingen (KJR) feierte seinen 60. Geburtstag und viele kamen ins alte Rathaus von Esslingen, um in Erinnerungen zu schwelgen oder sich Gedanken über die künftige Arbeit zu machen.

Gesa von Leesen

Esslingen. Der Vorsitzende des KJR Dieter Pahlke erinnerte an die Gründung der Organisation: 1948 forderten die US-Amerikaner, einen Kreisjugendausschuss „zur Umerziehung der Jugend“ ins Leben zu rufen. Schnell entwickelte sich der Ausschuss zu einem Ort, der Jugendlichen Gelegenheit gab, eigene Vorstellungen zu entwickeln und zu leben. 1950 bekam man im Heppächer in Esslingen das erste Jugendhaus, „einen Ort ohne Gängelung, eine Stätte der Debatten über Pazifismus und Antimilitarismus“. Der KJR knüpfte internationale Beziehungen nach Israel, Polen, Frankreich, prägte Generationen im offenbar legendären Sommerlager in Obersteinbach, entwickelte die offene Jugendarbeit weiter. „Heute ist er ein verlässlicher Partner für Landkreis und Kommunen“, sagte Pahlke, der Umgang miteinander sei derzeit sehr sachlich, „manchen eher zu harmonisch“. Aktuell stehe der KJR vor der schwierigen Aufgabe, im Rahmen der Ganztagsschule Betreuung zu organisieren. Daran knüpfte der Esslinger Sozialbürgermeister Markus Raab an. Er warnte davor, die offene Jugendarbeit finanziell auszubluten. Da der politische und damit auch der finanzielle Schwerpunkt derzeit auf der schulischen Betreuung liege, stünde es für manche nahe, Geld von der offenen Jugendarbeit in die schulische zu stecken. „Das wäre falsch.“ Jugendarbeit müsse vielfältig sein und dürfe nicht nur in staatlichen Institutionen stattfinden.

Der Festredner der Abends, der ehemalige Daimler-Manager Edzard Reuter, widmete sich der Frage „Keine Zeit für Geschichte?“. Dabei schlug der 80-Jährige einen kurvenreichen Bogen von der Finanzkrise bis zur sogenannten Generation „Doof“. Die digitale Revolution und die Globalisierung kämen „mit Grausamkeiten, einer Brutalität und Unmenschlichkeit daher, die wir nicht kennen und die wir – noch – nicht verstehen“. Viele blieben mit ihren Sorgen alleine, dazu kämen „Gurus aller Disziplinen“, die mit verharmlosenden und besserwisserischen Andeutungen letztlich nur zusätzliche Ratlosigkeit zurückließen.

Als Beispiel nannte Reuter die Finanzkrise, die „einer Dekade des schieren Wahnsinns“ entsprungen sei, nämlich dem nahezu religiösen Glauben, dass der Markt jegliches Problem der Welt lösen würde. Auch das Platzen der Internetblase änderte daran nichts: „Das goldene Zeitalter des Investmentbankings sollte ewig währen. Die Gier wandelte sich zum Ausweis moralischer Stärke.“ Durch den aktuellen Zusammenbruch dieses Systems sei das Vertrauen, das für die Lebensfähigkeit demokratischer Staaten notwendig ist, brüchig geworden. „Die neue Generation wird sich auch in politischer Hinsicht anders verhalten, als wir es gewohnt waren.“ Wie dieses Verhalten aussehen wird, sei die große Frage. Sicherlich gebe es auch die Generation „Doof“, die nur künstliche Erfahrungen am Bildschirm sammle, „nur für den Tag lebt und keine Ahnung und kein Interesse für Geschichte“ habe. Reuter forderte dazu auf, „nicht achselzuckend den Stab über sie zu brechen“. „Unsere Mühe, unser Einsatz, unser Verantwortungsbewusstsein ist gefragt. Wenn wir meinen, das lohne nicht, werden wir uns wundern.“

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