Lokales

Ein Wirt mit Leib und Seele

WEILHEIM 26. Dezember 1915. Als Kind ärgerte sich Ernst Ulmer über sein Geburtsdatum, denn nicht selten ging "sein besonderer Tag" im allgemeinen Festtagstrubel unter.

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ANKE KIRSAMMER

Das sieht der Weilheimer kurz vor seinem 90. Geburtstag weitaus gelassener. "Drehen kann man daran sowieso nicht."

Ernst Ulmer war seiner Zeit voraus: Die heute von Arbeitnehmern geforderte Flexibilität war für ihn selbstverständlich, ohne Probleme wechselte er von einem Beruf in den anderen. Als Sohn des Weilheimer "Mesmer-Bäck" aufgewachsen, schien der Lebensweg von Ernst Ulmer vorgezeichnet. In Kirchheim ging der dritte Spross der Familie in die Bäckerlehre, später stand er in Nürtingen in der Backstube. Doch auf Grund einer Mehlstauballergie musste er 1951 umsatteln und verdingte sich fortan als Lkw-Fahrer. Den Führerschein hatte er als Soldat während des Krieges gemacht.

Viel mehr lag Ernst Ulmer aber der Umgang mit Menschen, deshalb klemmte er sich hinters Lenkrad von Linien- und Reisebussen. "Ich bin viel nach Österreich und Italien gekommen", erzählt der Weilheimer. Mehrtägige Trips, allen voran nach Venedig, nutzte auch seine Frau Marianne gerne zum Tapetenwechsel. "Sonst sind wir ja nicht in den Urlaub gekommen", sagt sie lachend.

1962 schließlich erfüllte sich Ernst Ulmer seinen Traum und baute die ehemalige Backstube an der Oberen Mühlstraße in eine gemütliche Gastwirtschaft um. 18 Jahre lang stand er hinterm Tresen, seine aus Thüringen stammende Ehefrau tischte zünftige Vesper und typisch schwäbische Gerichte auf. Die Spezialität der beiden: knusprige Brathühnchen, die in den siebziger Jahren zu festlichen Anlässen einen Höhenflug erlebten.

"Mein Vater war Wirt mit Leib und Seele", sagt Tochter Ursula Wagner rückblickend. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie Anfang der achtziger Jahre die "Winzerstube" übernommen. Ernst Ulmer blieb dadurch mehr Zeit, sich um sein Hobby das Gärtnern zu kümmern.

Auch wenn er mit dem Schlingen von Brezeln und dem Formen von Brötchen schon lange nichts mehr am Hut hat: Den Jubilar kennen alteingesessene Weilheimer besser unter dem vom Vater geerbten "Hausnamen" Mesmer-Bäck.

Der Zusatz "Mesmer" geht im Übrigen nicht auf ein weiteres Amt zurück, das der Betagte in seinem vielfältigen Berufsleben bekleidete. Vielmehr hatte ein Vorfahre der Familie in der Weilheimer Kirche als Mesner gedient.