Lokales

Ein Zeichen setzen gegen Armut und Ungerechtigkeit

Mit Gottesdienst und Gemeindefest feierte die Brasilienhilfe der katholischen Kirchengemeinde Peter und Paul in Ötlingen gestern ihr 25-jähriges Bestehen. Seit einem Vierteljahrhundert setzt sich der Arbeitskreis für Straßenkinder, für Indianer und für bedürftige ältere Menschen ein. Unter dem Motto "Brücken bauen für eine bessere Welt" würdigten zahlreiche Beitragende die Arbeit der etwa 40 Ehrenamtlichen.

JULIA GÖRS

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KIRCHHEIM Durch ihr soziales Engagement leisten sie einen Beitrag zu mehr Friede und Gerechtigkeit in der Welt, wodurch Brücken entstehen, die Verbindungen schaffen zu neuen Werten, Denkweisen, Regionalitäten und Saisonalitäten, war da über die Wirkung der Arbeit der Gruppe zu hören. Oder: Sie erinnern, dass im christlichen Glauben die Benachteiligten eine wichtige Rolle spielen.

Mit seinem Engagement will der Brasilienkreis vor allem "Hilfe zur Selbsthilfe fördern". Er unterstützt bedürftige Kinder, Indianer und Alte in der Region um Rio de Janeiro. Für Ursula Essl, Organisatorin der Brasilienhilfe, steht fest: "Die Alten sind noch schlimmer dran als die Kinder". Mit Kindern habe man Mitleid, mit Alten nicht, lautet ihre einfache Begründung. Um die willkommene Hilfe anbieten zu können, ist der Brasilienarbeitskreis selbst "quasi ständig auf Betteltour", machte Ursula Essl gestern den Besuchern deutlich. Die Materialien, aus denen die Verkaufswaren hergestellt werden, sind nämlich fast ausschließlich gespendet.

Auf dem Kirchheimer Markt verkaufen die Ehrenamtlichen selbst gestrickte Socken und Pullover, Blumen-Kränze, genähte Taschen, selbst gebastelte Grußkarten und vieles mehr. Außerdem veranstaltet die Brasilienhilfe jedes Jahr einen Adventsbasar, auf dem heiß begehrte weihnachtliche Gestecke und Kränze angeboten werden. Auch beim jährlichen Christbaumverkauf ist der Andrang groß.

Letztes Jahr sammelte die Initiative mit dem Verkauf von selbst hergestellten Kleinigkeiten rund 7 000 Euro. Vor allem das Wetter ist aber oft ein Verkaufsrisiko: "Wenn die Leute unter ihrem Regenschirm durch die Stadt eilen, haben wir es schwer", erklärte Ursula Essl, warum die Beträge von Jahr zu Jahr deutlich schwanken können. Ein Ausschuss entscheidet jedes Jahr aufs Neue, ob die Initiative weiterhin das Land Brasilien fördern, oder sich in Zukunft auf ein anderes Land konzentrieren soll. Die Stetigkeit im langfristigen Fördern eines Landes, sei manchmal schwierig, räumt Ursula Essl ein, doch mit Brasilien bestehen eben schon lange gute Kontakte und gibt es viele gute Erfahrung.

"Die Brasilienhilfe ist ein Arbeitskreis der Ötlinger Teilgemeinde Peter und Paul. Sie nutzt die Strukturen der katholischen Kirche. Die Hilfsprojekte haben jedoch keine missionarische Ausrichtung. Das können wir schon bestimmen und mein Anliegen ist es einfach, dass die brasilianischen Kinder in die Schule gehen können", betont Ursula Essl. Entstanden ist die Brasilienhilfe aus dem Engagement von Kommunionkindern für arme und benachteiligte Menschen.

Vor 25 Jahren verkauften Kinder selbst gebastelte Werke an einem Stand. Eltern zeigten Interesse an der Idee und setzten sie fort. Mit "Wir treffen uns auch heute noch jeden Montagabend um 19 Uhr", sprach Ursula Essl zugleich auch eine offene Einladung an alle an einer Mitarbeit interessierten Besucher, die natürlich herzlich willkommen sind.

Der erste Kontakt nach Brasilien entstand damals ganz zufällig. Ursula Essl kam in ihrem eigenen Geschäft mit einer Kundin ins Gespräch. Diese vermittelte ihr die Adresse eines brasilianischen Kinderheims. Bis heute sind viele andere Projekte in Brasilien dazu gekommen. Das Organisatorische läuft über die katholische Kirche. "Unser Kassierer schickt das Geld immer in kleineren Portionen, damit nichts schief geht, über die Klöster zu den einzelnen Projekten", berichtete Ursula Essl und betonte, dass genau kontrolliert würde, ob das ganze Geld auch dort ankommt. Immer wieder würden auch Freunde vorbeigeschickt, die nachschauen, ob etwa das Geld tatsächlich in eine neue Küche investiert wurde.

Von den Engagierten im Brasilienkreis selbst war noch niemand vor Ort. Sie kennen die Armut nur aus Medienberichten, aus Briefen und von Fotos, die ihnen die Bedürftigen schicken. Auch Erzählungen sind für die Engagierten sehr wertvoll. Sehr interessant war daher nicht nur für sie auch der Vortrag der brasilianischen Schwester Liani am gestrigen Nachmittag.

Die katholische Schwester hatte ein Jahr lang in einem brasilianischen Kinderheim gearbeitet und machte die sozialen Probleme nochmals sehr deutlich. Viele Familien würden aus den ärmsten Regionen des Landes in die großen Städte ziehen, um dort Arbeit zu finden. Wenn dies nicht gelinge, stürzten Eltern oft in Drogenprobleme, Prostitution oder Kriminalität. Die meisten Kinder landeten dann irgendwann auf der Straße oder in einem Kinderheim. Über 250 Millionen Kinder erhielten keine ausreichende Nahrung, keine Schulbildung und hätten kein Zuhause.

Als einen Tropfen auf den heißen Stein bezeichnen die Engagierten ihre Arbeit angesichts der großen Probleme trotzdem nicht. Sie sind sich sicher, dass ihre Hilfe wichtig ist und ankommt. Ihnen ist klar, dass sie mit ihrem Tun nicht die Welt verändern können, aber sie wissen doch: "Wir können Zeichen setzen".