Lokales

"Ein zentrales Problem unserer Gesellschaft"

Der Kreisjugendring KJR Esslingen macht seine Hausaufgaben: Mit den "Leitlinien zur Integration" von jugendlichen Migranten, einer Fachtagung und Fortbildung der Hauptamtlichen geht der KJR dieses "zentrale Problem unserer Gesellschaft" gezielt an.

RICHARD UMSTADT

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Nicht erst seit den Vorgängen in der Berlin-Neuköllner Rütli-Schule ist die Integration ausländischer Jugendlicher für den Kreisjugendring ein Thema. "Das ist bei uns schon länger am Kochen", sagte KJR-Geschäftsführer Kurt Spätling bei der gestrigen Pressekonferenz in Wendlingen. Die Entwicklungen in einzelnen Jugendhäusern bereiten ihm Sorgen. "Es gibt etwa im Wendlinger Jugendhaus einen besonders hohen Anteil an jugendlichen Migranten aus der Haupt- und Förderschule. Für den Jugendhausbetrieb selbst ist das kein Problem. Allerdings bleiben die anderen Jugendlichen weg." Ähnliches gilt für das Weilheimer Jugendhaus. In der Limburgstadt fordern zudem ausländische Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren einen eigenen Treff ohne Hauptamtlichen.

Waren noch vor Jahren die Jugendhauspädagogen froh, in ihren Einrichtungen auch ausländische Jungs und Mädchen anzutreffen, so sehen sie dies heute differenzierter. "Jugendliche Migranten in Jugendhäusern sind nicht automatisch ein Zeichen von Integration", meinte Kurt Spätling, der die Gefahr von Parallelstrukturen sehr wohl sieht. Im KJR wird deshalb über eine einheitliche Verständigung "auf deutsch" in den Jugendhäusern im Kreis diskutiert.

Hat der KJR in der Vergangenheit auf diesem Gebiet einiges versäumt, so ist er jetzt dabei, seine Hausaufgaben zu machen. "Wir müssen soziale Arbeit wieder politisch begreifen und uns mehr einmischen", wehrt sich der KJR-Geschäftsführer gegen die den Jugendhäusern zugedachte Rolle, "soziale Pflästerchen zu kleben", wo eine gesellschaftliche Operation vonnöten wäre.

Um konkrete Schritte geht es Kurt Spätling in den "Leitlinien zur Integration" jugendlicher Migranten. "Die Jugendhäuser müssen sich mehr als bisher dieses Themas annehmen." Seit etwa einem Jahr werden die Leitlinien von einer Gruppe innerhalb des Kreisjugendrings erarbeitet und im Kollegium sowie im Vorstand diskutiert. Die KJR-Mitgliederversammlung wird sie am 16. Mai verabschieden.

Bis dahin sind die "Leitlinien zur Integration" noch nicht spruchreif. Doch so viel konnte Kurt Spätling gestern bereits preisgeben: Das Papier, das jährlich fortgeschrieben werden soll, fordert von den Jugendhäusern im Kreis Esslingen nachprüfbare, integrative Angebote. Dazu können Kinderferienprogramme zählen, Veranstaltungen wie Straßenfußballturniere für Toleranz, gemeinsame Film- und Videoangebote, aber auch die Vorstellung der Jugendhausarbeit bei den ausländischen Eltern gehört in diesen Bereich. "Unsere Einrichtungen haben sich lokalpolitisch zu engagieren und einzugreifen, etwa mit der Frage, was wird in den Kommunen tatsächlich für Integration getan?" Integrative Jugendarbeit erfordere Netzwerke und könne ohne Kooperation mit Kommunen, Schulen, Organisationen und Verbänden nicht erfolgreich sein. Dabei sah sich Spätling durch die Empfehlung der Zukunftskommission des Landes Baden-Württemberg aus dem Jahr 2000 bestätigt, die für interkulturelle, lokale Zentren in den Kommunen plädiert. "Integration ist nicht nur eine Aufgabe des Kreisjugendrings Esslingen, sondern unserer gesamten Gesellschaft."

Dies wird besonders deutlich an der großen Zahl vor allem von Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund, die in einem Berufsvorbereitungsjahr oder einem ähnlichen Programm ihre "Warteschleifen" ziehen und auf Grund ihrer geringen Sprach- und Sozialkompetenz kaum Chancen haben, auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt unterzukommen. "Es besteht die Gefahr, dass ein Viertel unserer Jugendlichen wegbricht", befürchtete Kurt Spätling. Gerade mal eine handvoll Schüler einer Hauptschulklasse mit hohem Ausländeranteil erhalten Lehrverträge. Hier sieht der KJR-Geschäftsführer auch die Kommunen gefordert, "doch das geht nicht zum Nulltarif." Wichtig dabei ist neben einem positiven Sozialverhalten die Beherrschung der deutschen Spache zu fördern. "Die Perspektivlosen in die Bildungsgesellschaft integrieren", lautet die Devise.

Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Integration im Zusammenhang mit der Jugendhilfe will der Fachtag "Integration als gesellschaftliche Aufgabe die Möglichkeiten der offenen Jugendarbeit" am 27. April ermöglichen. Er wird vom Kreisjugendring und der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten veranstaltet. Anregungen aus den vier Workshops des Fachtags sollen in die "Leitlinien zur Integration" einfließen, wie KJR-Bildungsreferentin Sabine Dieterle erklärte.

Von Oktober 2006 bis Mai 2007 bietet der Kreisjugendring unter dem Titel "Pädagogisches Handeln in der Einwanderungsgesellschaft" eine berufsbegleitende Weiterbildung für Mitarbeiter aus Jugendhilfe, Jugendarbeit und Schule aus dem Kreis Esslingen an. Dabei geht es Sabine Dieterle zufolge darum, die in der Weiterbildung gewonnenen Erkenntnisse sogleich in der Praxis umzusetzen und zu überprüfen.

Vernetzung begrüßt

Kirchheims Sozialamtsleiter Roland Böhringer begrüßte auf Anfrage unserer Zeitung die in den KJR-Leitlinien geforderte Vernetzung der Jugendhäuser mit der Gemeinwesenarbeit. Bereits seit 1999 gibt es in der Teckstadt den Teilsozialplan "Menschen mit Migrationshintergrund", der ähnlich wie die KJR-Leitlinien als Richtschnur angesehen wird und dessen Kernstück der Integrationsausschuss mit seinen Arbeitsgruppen ist. Die Arbeit im Aussiedlerbereich bezeichnete er als recht gelungen. Gut sei auch die Zusammenarbeit mit den ausländischen Vereinen. Der Sozialamtsleiter sah die Integrationsarbeit als dauerhaften Prozess. "Wir versuchen Lösungen anzubieten, um der Gefahr von Parallelstrukturen zu begegnen", sagte Böhringer. Bereits vor über 30 Jahren erkannten ehrenamtlich Engagierte in Kirchheim den Zusammenhang zwischen ungenügenden Deutschkenntnissen und geringen Chancen in Schule und Arbeit und boten eine Sprach- und Hausaufgabenhilfe an. Sie ist aktueller denn je.