Lokales

Ein Zollinger-Dach macht der alten Halle alle Ehre

STUTTGART/DETTINGEN Wer als Pilot den Dettinger Segelflugplatz ansteuert oder als Wanderer und Radfahrer vom Guckenrain in Richtung Bissingen unterwegs ist, kennt sie, die graublaue Flugzeughalle der Dettinger Segelflieger mit dem charakteristischen runden Dach. Ihm

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RICHARD UMSTADT gilt nicht nur das Interesse des Vereins es tropft nämlich durch die inzwischen alte, löchrige Dachpappe. Mit der 1934 erstellten Lamellenkonstruktion beschäftigten sich auch auf Anregung ihres Professors Matthias Franz sechs Studenten des Masterstudiengangs Packaging Design and Marketing der Hochschule der Medien in Stuttgart im Sommersemester.

Das Ergebnis der sechsmonatigen Projektarbeit kann sich sehen lassen: Aktuell liegt für jedermann käuflich eine Werkbox vor, die neben einer Werkstudie über den Rauten-Lamellenbau und dessen interessante Historie auch Mini-Holzlamellen mit Bauanleitung sowie ein Kartonmodell der Flughalle Teck im Prägedruck zum Selbstbau im Maßstab 1:200 enthält.

Die Idee dazu kommt nicht von ungefähr: Matthias Franz aus Nabern ist begeisterter Pilot und Mitglied im Dettinger Flugsportverein. Der Druckermeister und Packaging Design Professor kam angesichts des undichten Hangardaches auf den Gedanken, die Öffentlichkeit für die in Deutschland inzwischen recht seltene Lamellenkonstruktion des Architekten und Städtebauers Friedrich Zollinger zu sensibilisieren und machte aus der lieben Not des Vereins mit dem alten Hallendach ein Lehrstück für seine Master-Studenten. Denn sowohl bei der von Zollinger und später auch von Junkers entwickelten Lamellenbauweise als auch in der Verpackungstechnik kommt es auf einen geringen Materialeinsatz und eine ausreichende Stabilität an. Dies sollten die sechs Studentinnen und Studenten in dem Projekt erfahren.

Während es bei den berühmten "Wellblech"-Flugzeugen von Junkers Gewichtskraft und Auftrieb und bei Zollingers Hallenbauten Wind- und Schneelast sind, denen die Konstruktion standhalten muss, sind es bei den Verpackungen dynamische und statische Belastungen aus dem Logistikprozess, erklärt der fliegende Professor aus Nabern. Hinzu kommt noch das sinnliche Erlebnis Verpackung, dem ebenfalls Rechnung getragen werden müsse man denke zum Beispiel an Kosmetikverpackungen. Mit Material und Darstellung sollten sich seine Studenten inhaltlich auseinandersetzen und sich dabei nicht scheuen, auch "über den Tellerrand" zu blicken.

Ausgehend von der 1934 von der Stuttgarter Firma Gustav Epple errichteten Flugzeughalle "Teck" untersuchten die angehenden Master of Packaging Design and Marketing die drei wesentlichen Konstruktionsprinzipien der Rauten-Lamellenbauformen für weitspannende, stützenlose Tragwerke. Am Beispiel des Dettinger Hangars stellten sie die Holzlamellenbauweise des Zollbausyndikats dar.

Die weiteren Entwicklungen der Bauweise durch Professor Hugo Junkers im Stahlbau und Professor Luigi Nervi im Stahlbetonbau in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts werden im zweiten Teil der Studie beschrieben. Sie schließt mit einem Überblick über den aktuellen Einsatz von Rauten-Lamellenkonstruktionen bei Hallenbauwerken.

Historie des LamellenbausDie Notwendigkeit kostengünstig zu bauen, führte in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts zur Entwicklung neuer Bautechniken und Konstruktionsprinzipe. Deren gemeinsame Grundlage war die Einführung einer fabrikmäßigen Massenherstellung der Bauteile auf der Basis typisierter Konstruktionen. Beim Siedlungsbau und bei der Erstellung von Lager und Hallen wurden die Dächer häufig als Spitz-, Tonnen- oder Rundbogenkonstruktion in Lamellenbauweise ausgeführt. Heute sind infolge der Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges nur noch wenige dieser Bauwerke mit Rauten-Lamellendächern erhalten.

Die Zollinger-Lamellenkonstruktion wurde ursprünglich im Hausbau angewendet, später auch für öffentliche Gebäude wie Kirchen und Schulen sowie für industrielle Hallenbauten und Flugzeughangars. 1910 ließ sich Friedrich Zollinger das von ihm ersonnene "Schüttbetonverfahren" und das freitragende Lamellendach unter dem Begriff "Zollbauweise" patentieren. Beide Verfahren setzte er als Stadtbaurat von Merseburg in die Tat um und ließ so preiswert Siedlungen für die Arbeiterfamilien der Leuna-Werke errichten.

Seit Mitte der 20er-Jahre wurden von einigen Anbietern Stahl-Fertighaussysteme entwickelt und angeboten. Dabei wurden die Vorteile des Stahls, wie hohe Festigkeit und Maßgenauigkeit, bei der Herstellung großer Fertigteilelemente genutzt. Einer der vielseitigsten Ingenieure und Entwickler dieser Zeit war Hugo Junkers. Seine Erfahrungen im Flugzeugbau kamen ihm bei der Konstruktion der Hallen zu Hilfe. Dabei entwickelte er das Patent von Friedrich Zollinger aus dem Jahre 1906 weiter, wobei er allerdings Holz durch Stahlblech ersetzte. Diese Bauweise wurde für Hallen in der ganzen Welt eingesetzt. Zu nennen ist hier die Bahnhofsvorhalle in Sao Paulo, die Hotelhalle "Goldener Beutel", Dessau sowie Großgaragen in Belfast und New York. Vor allem aber waren es die typisierten Flugzeughallen, die Junkers auf den Markt brachte und die in über 27 Ländern errichtet wurden. Die Hallen erreichten Spannweiten bis zu 74 Metern.

Von Junkers zu NerviAuf dem Flugplatz Oberschleißheim bei München befinden sich fünf Flugzeughallen, die 1933 nach der Junkerschen Bauweise entstanden sind. Im zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurden sie 1945 von der US-Army instandgesetzt und erhielten dabei ihr heutiges Aussehen.

Einige Jahre nachdem die Konstruktionen aus Stahl bereits an vielen Orten zusammengeschraubt wurden, setzte die Entwicklung von Rauten-Lamellenkonstruktionen aus Stahlbeton ein. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist der italienische Ingenieur und Bauunternehmer Pier Luigi Nervi. In Orvieto wurden 1936 die ersten beiden Flugzeughangars mit einem Gewölbe aus sich diagonal kreuzenden Betonträgern gebaut. Die Weiterentwicklung dieses Hallentyps war der "Orbetello-Typ", der aus vorgefertigten Stahlbetonteilen bestand. Von 1939 bis 1941 wurden nach diesem Prinzip sechs Hallen verwirklicht. Bezogen auf das Material war Nervis Bauweise wirtschaftlich, die Schalung und die Verlegung der Bewehrungen waren jedoch sehr lohnaufwendig und somit heutzutage undenkbar.

Die nahezu originalgetreue Rekonstruktion eines Rauten-Lamellendaches, das ursprünglich nach Zollinger-Bauweise erstellt wurde, ist das Dach der 1989 gebauten Markthalle in Ostfildern/Nellingen. Als Beispiel für eine technisch weiterentwickelte Knotenverbindung kann die Tragflächenkonstruktion der Rostocker Messehalle angesehen werden. Bei der Messehalle in Straubing kam eine neue Knotenverbindung und die Entwicklung einer neuen Stabgeometrie zur Anwendung. Eine ausgefallene Rautenkonstruktion ist der Japanische Pavillon, der zur Expo 2000 in Hannover erbaut wurde. Er beruht zwar nicht auf der Zollinger Bauweise, das Flächentragwerk des Pavillons ist jedoch rautenartig aufgebaut. Das Besondere dieser Konstruktion ist der verwendete Baustoff: Die "Lamellen" sind aus Altpapier hergestellte Pappröhren.

Papier ist auch das Material, aus dem sich jeder Bastler die alte Dettinger Fliegerhalle aus den von den Studenten fein säuberlich ausgearbeiteten Modellbaubögen der Werkbox nachbauen kann zur Veranschaulichung des Rauten-Lamellen-Konstruktionsprinzips und zum Erhalt des alten Fliegerhangars am Guckenrain.

INFODie Werkbox ist im Verlag Roland Schöllkopf in Kirchheim erschienen und kann im Buchhandel, im Reformhaus Lässing, Marktstraße 45, Kirchheim, oder direkt bei der Hochschule der Medien in 70569 Stuttgart, Nobelstraße 10, Telefon 0711/89232197, bestellt werden. ISBN 3-927189-11-1 und ISBN 978-3-927189-11-9, Preis 29,80 Euro.