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Eindeutige Konsequenz: "Nie wieder"

Im Gedenken an den schweren Luftangriff, der Dettingen genau 60 Jahre zuvor getroffen hatte, versammelten sich am Mittwochabend zahlreiche Gemeindemitglieder zu einem Gottesdienst in der Sankt-Georgs-Kirche. Die Kir-che war damals ebenfalls zerstört worden.

ANDREAS VOLZDETTINGEN "Wir denken an diesem Abend 60 Jahre zurück, an den schlimmen, zerstörenden Angriff auf Dettingen", sagte Pfarrer Dr. Heiko Krimmer zu Beginn des Gedenkgottesdiensts. Im Blick auf die vergangenen 60 Friedensjahre fügte er hinzu: "Wir danken an diesem Abend auch, dass sich so etwas in unserem Land nicht mehr ereignet hat." Die Zukunft schloss er ebenfalls mit ein: "Wir bitten, dass es Frieden bleibt."

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In seiner Predigt führte Krimmer zunächst in wenigen Worten "Schrecken und Not" vor Augen, die am Abend jenes 20. April 1945 "den ganzen Ort erfasst haben". Während der Kirchturm "wie eine Fackel brannte", habe ein Großteil der Bevölkerung schnell das Nötigste zusammengepackt, sei aus dem Ort geflohen und habe außerhalb auf den Wiesen übernachtet "in einer doch ziemlich kalten Nacht".

In den Mittelpunkt seiner Gedenkpredigt stellte Pfarrer Krimmer den gerechten Gott. Gottesrecht sei gegeben, "damit wir recht leben können, dass Leben gelingt. Die zehn Gebote sollen Leben ermöglichen und das Leben schützen." Der Nationalsozialismus habe aber das grundsätzliche "Lebensrecht für jeden Menschen" missachtet und Teilen der Bevölkerung dieses Recht abgesprochen. "Sie wurden umgebracht", prangerte Dr. Krimmer in aller Deutlichkeit das grausame Unrecht an, das Mitmenschen in Deutschland angetan wurde weil sie Juden waren, weil sie behindert waren oder weil sie eine andere Meinung hatten.

"Da ist das Gottesrecht zutiefst verletzt worden. Die Schrecken des Krieges waren die Folge." Krimmer betonte, dass nicht etwa ein Rachegott, ein zorniger oder strafender Gott dafür verantwortlich zu machen sei, sondern allein der selbst gewählte Weg, der immer in den Untergang führe. Dettingen habe das am 20. April 1945 buchstäblich erlebt: "Das kommt wie eine Lawine, da werden auch Unschuldige mit hineingezogen." Der Pfarrer erinnerte an ein vierjähriges Mädchen oder auch an die sechs Toten an der Schulstraße, die zur Familie Rall gehörten.

"Wo war denn da Gott?" Dr. Krimmer gab in seiner Predigt folgende Antwort auf die selbst gestellte Frage: "Die Toten sind geborgen in seiner Barmherzigkeit. Es war viel schwerer weiterzuleben." Die an Gott gerichtete Warum-Frage der Überlebenden, die nach der Ursache für Leid, Unglück und Tod forschten, muss Pfarrer Krimmer zufolge ganz anders lauten: "Warum hast du uns nicht vernichtet, warum bist du gnädig und barmherzig?"

Weil die Ereignisse bereits 60 Jahre zurückliegen, haben viele "nur noch schwache Erinnerungen" oder gar keine. Dass kaum junge Leute zum Gedenkgottesdienst kamen, könne man ihnen nicht einmal zum Vorwurf machen, meinte der Pfarrer: "Für sie ist es keine Wirklichkeit gewesen Gott sei Lob und Dank." Die Konsequenz aus den damaligen Ereignissen müsse aber ein eindeutiges "Nie wieder" sein.

Zu diesem Schluss kam auch Bürgermeister Rainer Haußmann, der gegen Ende des Gottesdiensts als Vertreter der weltlichen Gemeinde eine kurze Gedenkansprache hielt: "Wir müssen die Erinnerung aufrechterhalten und die Lehren daraus an künftige Generationen weitergeben." Der Krieg sei schon lange verloren und schon fast zu Ende gewesen "da wurde unser Ort getroffen". 23 Tote, 69 vollkommen zerstörte Wohnhäuser, 80 obdachlose Familien: Das sind nur ein paar wenige der nackten Zahlen, die das Ausmaß des Luftangriffs auf Dettingen vom 20. April 1945 darstellen.

"Bei allem Leid und Schmerz" wollte aber auch der Bürgermeister im Blick auf die Nachkriegszeit den Dank nicht vergessen "denen, die unsere Volkswirtschaft vorangebracht und unseren Wohlstand mit eigener Hand geschaffen haben." Außerdem sei es gelungen, unmittelbar nach dem Krieg knapp 600 Neubürger in Dettingen aufzunehmen, "die zu Hause alles verloren hatten". Rainer Haußmann sieht im Neuanfang und Wiederaufbau ein Beispiel für "Gemeinschaftssinn und Bürgerengagement in seiner höchsten Form".

INFOAuf Seite 20 der heutigen Teckbotenausgabe befindet sich die gekürzte Fassung eines Augenzeugenberichts zum 20. April 1945. Er stammt von Anna Eisemann, die zwischen 1944 und 1947 als Gemeindeschwester in Dettingen tätig war.1995 hat die Gemeinde Dettingen eine Denkschrift zum Luftangriff veröffentlicht, die im Rathaus erhältlich ist.