Lokales

Eine Art "Patenschaft", die zur tiefen Freundschaft wurde

KIRCHHEIM Ein Mädchen mit schwarzen Haaren hat sich weit über den Tisch gebeugt. Sorgsam bringt es

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DANIELA HAUSSMANN

mit einem Stift Zeichen zu Papier. Bilder einer Schrift, die es sich zwar merken, aber noch nicht richtig verstehen kann. Seine Beine finden den Boden nicht. Der Stuhl ist viel zu hoch für das kleine Kind. Erinnerungen an eine Zeit in einem fremden Land, das zur Heimat geworden ist. Gedächtnisbilder, deren Kraft in einer Geschichte liegt, die den Lebensweg von Hudda Chukri beschreibt.

Es ist die Biografie einer Frau, die bereits in ihrer Heimat zur Entwurzelten wurde. Die als Kind den Krieg im Libanon erlebte und mit ihren Eltern auf der Flucht vor seinen gewaltsamen Schergen im Land umherirrte. Die Chukris waren zu Binnenflüchtlingen geworden, zu Vertriebenen einer Politik und eines Alltags, der das Leben zur Bewährungsprobe macht.

Die heute 27-Jährige erinnert sich noch gut an jene wechselvollen Jahre ihrer Kindheit, die sie in der weiteren Folge im Alter von sechs Jahren nach Deutschland führten. Einem Land, dessen Sprache sie nicht verstand und dessen Kultur sie nicht kannte. "Es war nicht schön, in einem Heim zu wohnen, in einem Raum zu sein mit vielen anderen Menschen, die man nicht kennt, mit anderen Kindern, die einen an den Haaren ziehen und die man nicht versteht, weil sie teilweise auch aus anderen Ländern kommen", blickt die junge Frau auf die Anfänge der Familie in der Bundesrepublik zurück. "Ich war damals ein schüchternes und ruhiges Kind." Sie vermisste das eigene Zuhause, die vielen Tanten, die sie im Libanon hatte zurücklassen müssen und die Teil ihrer Identität waren.

"Diese Kinder galten damals als nicht förderungsbedürftig", beschreibt Brigitte Kneher, die Hudda in Kirchheim kennenlernte, den Status jener politischer Migranten. Nur Kinder aus sogenannten Anwerbungsgebieten, wie der Türkei oder Italien, hatten diesen Förderstatus. Für Flüchtlingskinder aus anderen Gebieten bestand keine Schulpflicht.

Rückblickend empfindet es die junge Frau mit dem herzlichen Lachen und den tiefen Augen als großes Glück, nach Kirchheim gekommen zu sein: "Es gab viele Familien, die aktiv waren, die sich in der Hausaufgabenhilfe engagierten und mit deren Kindern man spielen konnte."

Brigitte Kneher, die sich seit 1973 in der Hausaufgabenhilfe einbrachte, ist eine von 45 Mitarbeitern gewesen, die damals rund 150 Kindern mit Migrationshintergrund geholfen haben, und das nicht allein beim Erlernen der deutschen Sprache. Sie gab diesen Kindern jene Aufmerksamkeit, die sie brauchten, nicht allein um zu lernen, sondern auch um Vertrauen zu fassen.

In der Schule konnte Hudda zwar problemlos Texte lesen, doch schreiben konnte sie die Wörter nicht. Erst als sie mit sieben Jahren zu Brigitte Kneher kam, lernte sie, vermittelt über die Bildsprache, Wörter in deutsch zu schreiben. Sie bekam jene Aufmerksamkeit, die der schulische Alltag nicht bot, bekam ein Gefühl der Akzeptanz, das sie unter den einheimischen Kindern wegen ihrer schwarzen Haaren und ihrer dunkleren Haut nicht immer fand. "Kinder sind nicht unbedingt nett zu einem, wenn man anders ist", erklärt Hudda, während sie sich über den Schal streicht. "Oft habe ich mich mit mir selbst beschäftigt. Über vieles hat man hinweggesehen und ich habe zahlreiche Leute kennengelernt, die nett waren und die mich unterstützt haben, auch in meinem Bestreben, Mode-Designerin zu werden." Jahre, in denen Hudda lernte, trotz Widerständen, ihren Weg zu gehen und in denen sie mehr und mehr Selbstbewusstsein entwickelte und sich unter anderem als Schulsprecherin zu Wort meldete.

In all den Jahren war Brigitte Kneher, die selbst als Deutsche während des Zweiten Weltkrieges aus Palästina flüchten musste, mehr als nur eine Lehrerin. "Dinge, die ich mit meinen Eltern nicht besprechen konnte, habe ich mir hier von der Seele reden können", beschreibt die Designerin die mit den Jahren immer tiefere und innigere Beziehung. "Meine Großmutter ist im Libanon, meine ganzen näheren Verwandten sind dort." Brigitte Kneher wurde für sie zu einer Bezugsperson und für die Familie zu einer Stütze. Sie setzte sich dafür ein, dass die Chukris mit ihren sechs Kindern eine größere Wohnung bekamen und half Huddas Brüdern, eine Lehrstelle zu finden.

"Wir kennen uns seit 20 Jahren und auch meine Eltern haben das sehr geschätzt, was Frau Kneher für mich und meine Geschwister getan hat", erklärt die 27-Jährige, deren Leben in Deutschland über zwei Jahrzehnte hinweg immer festere Wurzeln bekommen hat. Ihre 48 Jahre ältere Freundin besucht sie regelmäßig, bespricht Probleme mit ihr, lädt sie zu ihren Modeschauen ein. Jahrzehnte, in denen nicht nur Hudda sich zunehmend in Kirchheim einlebte, sondern in denen auch Brigitte Kneher eine unheimliche Bereicherung erfuhr, die aus der steten Begleitung, den Einblicken in Huddas Sorgen und Nöte, aber auch in ihre Erfolge entstanden ist. Ein Verhältnis, das sie zu etlichen ihrer ehemaligen Schüler pflegt und ein Beispiel, von dem die Stadt Kirchheim hofft, dass es Anstoß für zahlreiche Familienpartnerschaften sein wird, die für Migrantenfamilien Chancen und Möglichkeiten im Miteinander eröffnen sollen. (Näheres in nebenstehendem Artikel).