Lokales

Eine Chance geben

Nach den gewalttätigen Attacken Jugendlicher in U-Bahnhöfen und auf Straßen ist eine zum Teil heftige Diskussion um das richtige Strafmaß für solche Täter aufgeflammt. Worum geht es dabei? Geht es nur um härtere Strafen, die der Abschreckung dienen sollen, oder geht es auch darum, solchen Jugendlichen zu helfen, dass sie einsichtig werden und sich ihre Tat nicht wiederholt? Geht es also auch um Resozialisierung bei aller Empörung über deren Tat und bei allem Mitgefühl für die Opfer?

Ein Urteil ist heuzutage oft schnell gefällt: Bei dem ist "Hopfen und Malz" verloren, das hat doch keinen Zweck, sich um den zu bemühen!

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Wenn wir Gottes Barmherzigkeit in den Blick nehmen, kann es nur um eines gehen: Zum einen den Opfern jede Hilfe zukommen zu lassen und alles für den Schutz vor Gewalt zu tun, zum andern geht es aber auch um die Täter, die in Gottes Augen Menschen sind, die eine Chance bekommen sollen. Niemanden gibt Gott von vornherein verloren. Das hat Jesus in beeindruckenden Gleichnissen belegt, zum Beispiel im Gleichnis vom verlorenen Sohn oder im Gleichnis vom Feigenbaum, der, in einem Weinberg gepflanzt, schon seit Jahren keine Frucht mehr bringt und den Boden aussaugt, sodass er auch den Weinstöcken um ihn herum schadet. Einer fordert vom Weingärtner deshalb: Hau ihn um! Doch der Weingärtner tritt für den Baum ein. Er solle ihm noch eine Chance geben. Und er bietet sich an, den Boden um den Baum aufzugraben und ihn zu düngen, damit er wieder Frucht bringt.

Übertragen auf Menschen, die sich verfehlen und anderen Schaden zufügen, heißt das: im Leben dieser Menschen das "aufzugraben", was schief gelaufen ist, etwa eine fehl geschlagene Erziehung oder das Aufwachsen in schwierigen familiären und sozialen Verhältnissen, und dann den "Dünger" ranzutun, den diese Menschen dringend brauchen. Und das ist neben Bildungschancen, der Aussicht auf einen Arbeitsplatz und eine gelingende Integration vor allem der "Dünger" des Ernstnehmens, der Liebe und Barmherzigkeit.

Die Pop-Gruppe "Die Ärzte" hat einmal ein Lied über rechtsextreme Gewalttäter getextet: "Deine Gewalt ist wie ein stummer Schrei nach Liebe." Oft ist es so, dass Menschen, die keine Liebe erfahren, selber lieblos und gewalttätig werden. Also ist das beste Mittel, solchen Menschen zu helfen, die Vermittlung von Ernst- und Angenommensein.

Damit wir uns richtig verstehen: Es muss alles getan werden, um Menschen vor Gewalt zu schützen, auch durch Strafen gegen die Täter. Aber ein bedeutender Beitrag zu diesem Schutz und die wichtigste Prävention ist, dass junge Menschen in einem Umfeld aufwachsen können, in dem sie sich angenommen und geliebt fühlen und dass Täter, die dies in ihrem Leben kaum erfahren haben und die deshalb gewalttätig geworden sind, dies doch noch erfahren können. Schon vor Jahren hat Justizminister Goll Internate für jugendliche Straftäter angeregt, wo sie persönlich betreut und ernst genommen werden, sich aber auch an klare Regeln des Zusammenlebens halten müssen. Beides ist wichtig Annahme und das Lernen von Pflichten!

Ein französischer Abbe hat einmal der Cousine von Charles de Foucauld, der damals ein Lotterleben führte, den Rat gegeben: "Wenn man eine Seele bekehren will, muss man sie nicht ermahnen. Das beste Mittel ist nicht, ihr Vorhaltungen zu machen, sondern ihr zu zeigen, dass man sie liebt." Reinhold Jochim Pastoralreferent der katholischen Kirchengemeinde Sankt Ulrich