Lokales

Eine der ältesten Glocken im Land besticht durch "selten gehörte Klanglyrik"

LENNINGEN Das Glockenduo der Gutenberger Nikolauskirche wird am Sonntag, 22. Juli, mit seinem Geläute zum Kirchengemeindefest einladen. Ihr Schwingen eröffnet den

Anzeige

ERIKA HILLEGAART

musikalischen Gottesdienst zu Ehren des Dichterjubilars Paul Gerhardt, dem glaubensstarken Sänger des 17. Jahrhunderts. Eine Ausstellung im Altarraum zum Thema Taufe erinnert an das Geschenk des Glaubens mit Urkunden, Fotografien, Taufkleidern und Geschenken, Kerzen und alten Bibeln mit Familieneinträgen.

Die Taufe ist auch ein aktuelles Thema der Ökumene: Am 29. April dieses Jahres unterzeichneten hohe Würdenträger von elf Weltkirchen eine förmliche Erklärung der wechselseitigen Anerkennung der Taufe im Sinne des Nizäischen Glaubensbekenntnisses.

Die Gutenberger Taufglocke die kleinere der beiden Glocken, stammt aus der Zeit um 1300 ist die älteste Glocke im Lenninger Tal und im weiteren Umfeld. Sie wird bei diesem Kirchengemeindefest mit ihrem Klang in hellem Ton e an die Freude über die Täuflinge erinnern. Ihr Geläute soll als eine Melodie des Glaubens, des Vertrauens und der Geborgenheit die Gutenberger Kinder begleiten. Beide Glocken läuten seit Jahrhunderten in dem ehemaligen Städtchen nach der selbstbestimmten Läuteordnung. Wer an einem Sonntagmorgen Richtung Donntal wandert, hört zur Gottesdienstzeit das "mittelalterliche Zwiegeläute mit seinem eigenartigen Reiz", wie ein Kirchenrat den ehernen Gesang im Oberen Lenninger Tal einmal beschrieben hat. Christa Reichle, die Gutenberger Pfarramtssekretärin und Autorin eines kleinen Kirchenführers, erzählt, dass aus dem Talkessel hinauf nach Krebsstein die Glocken so frisch wie der beginnende Tag ertönen. "Das macht die stille Morgenstunde zu einem Lied", schwärmte ein Albwanderer.

Eine der ältesten GlockenNüchterner hat der Kunsthistoriker Dr. Hans Christ in seiner Beschreibung der "Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg 1896 1921" die Gutenberger Glocken archiviert: "Zwei Glocken eine kleinere, 13. Jahrhundert, am Halse romanische Majuskelumschrift; eine große von 1466." Die 700 Jahre alte Taufglocke stellt nach Dr. Christ einen interessanten Übergangstypus von den ältesten Formen dar. Der Sachverständige der Evangelischen Landeskirche Württemberg, Kirchenrat Schildke, beschrieb nach dem Einbau einer elektrischen Läuteanlage und einer neuen Turmuhr 1955 die Glocken umfassender. Unter anderem würdigt er ihr Geläute mit folgenden Worten: "Beide Glocken sind musikalisch hochwertige Instrumente. Die große Glocke fällt auf durch ihre ausgezeichnete Vibration. Ihr Schlagton klingt sechs Sekunden nach. Ein seltener Fall bei einer Glocke mit diesem Gewicht! Die Resonanz der Glocke, die über das Werturteil entscheidet, ist selten schön. Die kleinere Glocke zeichnet sich aus durch eine selten gehörte Lyrik ihrer Klanggebung."

Die große Glocke ist zwar unbezeichnet, stammt jedoch nach den Angaben des Deutschen Glockenatlas' von dem Reutlinger Glockengießer Hans Eger. Von ihm bezeichnete Glocken sind heute noch erhalten in der Stadtkirche Blaubeuren, im Ulmer Münster und im Münster Schwäbisch Gmünd. Aus dieser bedeutenden Glockengießerwerkstatt sind in Württemberg von Bebenhausen, Herrenberg bis Weissach zahlreiche unbezeichnete Glocken nachgewiesen. Die Buchstabentypen der Inschriften zwischen sogenannten Tatzenkreuzornamenten und Kordelstege kennzeichnen diese uniforme Gruppe.

Die größere Gutenberger Glocke hat Hans Eger 1466 mit folgender Inschrift gegossen: "s lukas marcus matheus iohannes ano do m cccc lxvi". Ihr Grundton ist auf a gestimmt. Sie stamme aus dem Kloster Schmiedelfeld bei Sulzbach am Kocher, benennen kirchliche Meldebögen von 1917 und 1940 die Herkunft dieser Glocke.

Von der kleineren Glocke gibt es keine Daten über Herkunft und Gussjahr. Ihre Schulterinschrift nennt zwischen Schnurstegen ebenfalls die vier Evangelisten. An der Flanke zeigt die Glocke zweimal das Relief eines Gekreuzigten ohne Kreuz im romanischen Stil. Die Fachliteratur berichtet, dass dieser Glockentypus eine ausgedehnte Verbreitung hat. Die anonymen Gießermeister seien nach mittelalterlichem Brauch und Sitte umhergezogen; die Spuren ihrer Wanderschaft können aufgrund origineller Buchstabenbildung zugeordnet werden, schreibt die Kunsthistorikerin Sigrid Thurm im Deutschen Glockenatlas.

Wann beide Glocken in Gutenbergs Vorgängerkirche gekommen sind, ist nicht bekannt. In einem Kirchenratsprotokoll von 1810 ist notiert "die kleine Glocke hat einen Sprung". Doch die Gutenberger hatten zu dieser Zeit große Sorgen mit einer schlechten Orgel, einer stets feuchten reparaturbedürftigen und zu kleinen Kirche mit altem Gestühl. Dazu kam aus Platzgründen die Verlegung des Kirchhofs in das heutige Friedhofsgelände. Der Bau eines Schulhauses wurde erforderlich "das steht ganz nah an der Kirche und hat von allen Seiten Luft", wie der damalige Pfarrer Carl August Brodbeck die Lage der Schule beschrieb. Die Anschaffung einer neuen Orgel von dem Orgelbauer Gruol aus Bissingen und der Kirchenneubau hatten Vorrang vor einer neuen Glocke. So läutete das mittelalterliche Glockenpaar am 15. Juli 1866 die feierliche Weihe der jetzigen Gutenberger Nikolauskirche des Esslinger Bauinspektors De Pay ein.

Wissenschaftler und PoetenGlockenspezialisten sind Wissenschaftler: sie wiegen, messen zählen, prüfen, vergleichen, ordnen zu und erforschen die Gießergeschichte. Vibration und Resonanz der Glocken und die Eigenschwingung der Türme, die Winkel der Schall-Lamellen verlangen physikalische Kenntnisse und die Tonanalyse fordert den Musiker heraus. Beim Gutenberger Glockenduo schwingen circa fünfzwanzig gemessene Teiltöne mit.

Glockenspezialisten sind auch Poeten, wenn sie von den Melodien der singenden Türme erzählen. Sie wetteifern mit den Dichtern. Ganz in der Nähe ersann Mörike solche Verse. "Ein Glockentonmeer wallet zu Füßen uns und hallet weit über Stadt und Land. . ." Die klangvolle Wertschätzung des Kirchenrates Schildke erinnert an die Zeiten ohne elektrische Läuteanlage: "Solche Glocken sollten eigentlich von Hand geläutet werden, was allerdings Läuter erfordert, die ihr Geschäft als Kunst ausüben wie das Spiel eines anderen hochwertigen Instruments. Im Übrigen läuten die Glocken in einem ausgewogenen, ebenmäßigem, betonten Rhythmus. Der Anschlag ist weich . . . die Abnahme der Läutemaschinen wird empfohlen." Im Hinblick auf eine mögliche dritte Glocke für die Gutenberger Nikolauskirche schreibt er in seinem Gutachten: "Es ist ernsthaft zu erwägen, ob man das mittelalterliche Zwiegeläute nicht besser belässt, wie es ist."

Die Spezialisten wissen um das Geheimnis der mitschwingenden Teiltöne. Der Grundton der Taufglocke wird mehrfach mit e, nur einmal mit c angegeben. Gute Glocken bewegen die Menschen. Das Klangbild, das an das menschliche Ohr dringt, ist entscheidend für die Schönheit eines Geläutes, selbst wenn physikalische Messungen unvollkommene Tonschwingungen anzeigen: "Von diesen sakralen Klangkörpern geht eine ganz besondere Magie aus, die die Menschen in vielen Kulturen ein Leben lang begleiten", sagt Claus Huber, der amtierende Glockenspezialist der evangelischen Landeskirche.

Glocken in KriegszeitenDas Schicksal der Glocken ist mit den Geschicken in Krieg und Frieden eng verknüpft. In Kriegszeiten schweigen viele Glocken, da sie zu Waffen oder Kanonen wurden. Das ist keine moderne Strategie der Metallbeschaffung, sondern wurde schon im 9. Jahrhundert europaweit praktiziert. So manche der ältesten Glocken im Kirchendistrikt Kirchheim sind Ende des 17. Jahrhunderts, also nach dem Dreißigjährigen Krieg, gegossen worden. Lange blieben die Glocken im ehemaligen kleinen Städtchen vor dem Albaufstieg verschont. Im Ersten Weltkrieg teilt der beauftragte Prüfer dem Evangelischen Konsistorium mit: "Es wird um die Befreiung beider Glocken von der Beschlagnahme nachgesucht wegen ihrer besonderen Tonschönheit."

Doch am 12. März 1942 schlug auch in Gutenberg die herbe Stunde. Die große Glocke musste zum Einschmelzen abgenommen werden. Dieses Schicksal ist ihr jedoch erspart geblieben. Der Ortspfarrer Werner Lutz reiste nach dem Krieg der Glocke hinterher. Er entdeckte sie unversehrt im Glockenlager des westfälischen Hüttenwerks in Lünen, sorgte für ihre Rückkehr nach Gutenberg und dafür, dass sie mit Schillers Wunsch "Friede sei ihr erst Geläute" wieder durchs Tal schallte.

So gilt bis heute, was der Volksmund sich früher von der großen Glocke erzählte. Auf ihrer Innenseite sei geschrieben gewesen "Anna Susanna, musst ewig dra hange, musst ewig dra bleiba, mußt Zeita vertreibe". Doch nur Reste von Kreidebuchstaben fand 1940 der zu Kriegsberichten verpflichtete Unterlenninger Pfarrer Immanuel Holzapfel.

Die Zeit gründlicher Erneuerungen des Gutenberger Glockenstuhls war mit der Generalüberprüfung im Sommer 1976 gekommen. Aufgrund des Situationsberichts des Spezialisten der Glockengießerei Barchert, Bad Friedrichshall, wurden der Glockenstuhl, die elektrischen Armaturen und die Schallläden erneuert. Der zuständige Fachmann hieß sinnigerweise K. Schell. Beide Glocken erhielten 1977 im Nördlinger Glockenschweißwerk Lachenmeyer eine Runderneuerung, da sie im Lauf der Zeit mehrfach nachgedreht worden waren. An den Kosten beteiligte sich die bürgerliche Gemeinde Lenningen, die sich laut einer Urkunde von 1893 dazu verpflichtet hat. Dieser alte Vertrag zwischen Kirche und Staat regelt in Lenningen bis heute in den verschiedenen Teilorten die Finanzierung von Kirchtürmen, Uhren und Glocken. Das Vertragsdokument erinnert an die Tradition, als der Tagesrhythmus der einfachen Leute noch durch den Glockenschlag geordnet war.

Am kommenden Sonntag um 10 Uhr werden sich die Gutenberger Gemeinde und ihre Gäste mit dem Glockenruf zum Kirchengemeindefest versammeln. Bei dem sommerlichen Treff mag so manche Geschichte von den säumigen Läutebuben erzählt werden, von Taufen und Erinnerungen an die Schulzeit ohne Pausenklingel, denn das Schulhaus steht so nah bei der Kirche mit ihrem Stunden-Glockenschlag. Diese Tradition besteht bis heute.