Lokales

„Eine der gesundesten Gegenden“

Band 32 der Schriftenreihe befasst sich mit Häusern, Bevölkerung, Gesundheit, Stadträtinnen und Autobau

Nach vier Jahren Pause haben die Stadt Kirchheim, das Stadtarchiv und GO Druck Media Verlag gestern im Kirchheimer Rathaus einen neuen Band der Schriftenreihe des Stadtarchivs vorgestellt. Trotz aller Tradition fällt Band 32 durch zwei wesentliche Neuerungen auf: Es ist der erste Band, für den Kirchheims neuer Stadtarchivar Roland Deigendesch verantwortlich ist. Außerdem hat sich das Format geändert.

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Andreas Volz

Kirchheim. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker sprach bei der gestrigen Vorstellung von einer „erfolgreichen Reihe, die in vielen Kirchheimer Haushalten vollzählig in den Regalen steht“. Die vierjährige Pause hatte sich dadurch ergeben, dass 2006 ein anderes gemeinsames Werk herauskam: die Kirchheimer Stadtgeschichte. Sie ist zwar nicht Teil der Schriftenreihe, dafür aber demselben Thema verpflichtet. Für die Oberbürgermeisterin geht es um „die Aufbereitung und die Weitergabe der Geschichte an die nachfolgende Generation“, damit auch diese eine Möglichkeit zur eigenen Standortbestimmung habe.

Auch Stadtarchivar Roland Deigendesch schätzt die Schriftenreihe als eine „gut eingeführte und sehr solide“ stadtgeschichtliche Reihe, um die Kirchheim häufig beneidet werde. Band 32 biete wieder „einen bunten Strauß an Beiträgen“. Durch das neue Format, das ein bisschen größer als bisher daherkommt, sei die Schriftenreihe jetzt „luftiger“ gestaltet und biete auch mehr Raum für eine umfangreichere Bebilderung.

Verleger Ulrich Gottlieb meinte gestern, dass auch schon Band 31 über die „Thietpoldispurch“ viele Farbbilder aufgewiesen und sich außerdem sehr gut verkauft habe. Für den neuen Band wünschte er sich ebenfalls großes Leserinteresse – auch wenn sich manche Sammler der Schriftenreihe jetzt bei der Regalhöhe umstellen müssten. Vor allem aber ging Ulrich Gottlieb auf die Geschichte und das Geschichtsbewusstsein im Hause GO Druck Media Verlag ein: „Mein Großvater hatte ein Faible für die Geschichte seiner Heimat.“ So habe Dr. Max Gottlieb nicht nur ein umfassendes Pressearchiv im eigenen Haus aufgebaut, sondern auch nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich dazu beigetragen, dem Kirchheimer Stadtarchiv im Freihof eine neue Heimat zu geben. Auch die Reihe „Beiträge zur Heimatkunde“, die Max Gottlieb in den 1960er-Jahren wiederbelebt habe, werde dieses Jahr mit Band 70 fortgesetzt.

Zurück zum aktuellen Band 32 der Schriftenreihe: Thematisch beginnt er mit einem persönlichen Beitrag von Johanna Wiest-Reiss zur Geschichte des Kirchheimer Schlossviertels. Ausgehend vom elterlichen und großelterlichen Wohn- und Geschäftshaus, hat sie die Namen zahlreicher Bewohner des Viertels über die Jahrhunderte hinweg aufgezählt. Für ihr elterliches Haus in der Marktstraße allein hat sie über einen Zeitraum von 430 Jahren hinweg 22 Besitzer lückenlos nachgewiesen. Unter anderem stellte sie fest, dass sich an der Grundstückseinteilung so gut wie nichts geändert hat und dass die Häuser im Schlossviertel nach dem Stadtbrand von 1690 fast genau gleich wieder aufgebaut wurden wie zuvor. „Ich habe die Arbeit eigentlich privat für mich gemacht“, sagte die Autorin gestern. Umso schöner sei es jetzt für sie, den Beitrag in der Schriftenreihe zu finden.

Im Band folgt eine Arbeit von Timo Lang, die aus einer Staatsexamensarbeit an der Universität Tübingen hervorgegangen ist und folgenden Titel trägt: „Bevölkerungsentwicklung der Regionen Kirchheim unter Teck und Nürtingen im 17. und 18. Jahrhundert“. Die „idealtypischen“ Daten aus dem ehemaligen Oberamt Kirch­heim, die er ausgewertet hat, lassen Rückschlüsse für die Entwicklung in ganz Südwestdeutschland zu, erklärte Timo Lang gestern im Rathaus. Stadtarchivar Deigendesch ergänzte, dass es nicht Krieg und Seuchen sind, die die Bevölkerungsentwicklung nachhaltig beeinflussen, sondern die Geburtenrate. In Württemberg sei die Quellenlage diesbezüglich beinahe einmalig, weltweit. Ein Forscherteam aus Cambridge befasse sich deshalb intensiv mit den württembergischen Bevölkerungszahlen der vergangenen Jahrhunderte.

Ergänzend dazu folgt ein Beitrag von Roland Deigendesch, der eine medizinische Doktorarbeit aus dem Jahr 1839 vorstellt. Es handelt sich um eine Art Oberamtsbeschreibung aus medizinischer Sicht, die der Arzt Carl Gottlieb Gaupp verfasst hat. Auszugsweise ist diese „Medizinische Topographie der Stadt Kirch­heim unter Teck“ im neuen Schriftenreihenband wiedergegeben. Stadtarchivar Deigendesch will die Schriftenreihe dadurch auch für die Quellenarbeit an Schulen nutzbar machen. Unter anderem zitierte er gestern den etwas verklausulierten Satz: „Die topische Beschaffenheit von Kirchheim hat eigentlich nichts der Entstehung von Krankheiten Günstiges.“ Etwas einfacher formulierte es Carl Gottlieb Gaupp schließlich auch noch und erklärte „unsere Gegend für eine der gesundesten des Landes“.

Auf die „Medizinische Topographie“ folgt der eigentliche Schwerpunkt des neuen Schriftenreihenbands: der „erste Ertrag der Frauengeschichtswerkstatt“, wie Stadtarchivar Roland Deigendesch gestern erklärte. Stadträtin Birgit Müller erläuterte stellvertretend für das siebenköpfige Autorinnenteam, worum es in diesem Beitrag geht: „Wir sind recht schnell auf die Geschichte der Kirchheimer Gemeinderätinnen als Thema gekommen. Auch 90 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts ist die Präsenz von Frauen in kommunalen Gremien noch sehr gering.“ In Einzelbeiträgen befassen sich die Autorinnen mit der historischen Entwicklung bis hin zum Frauenwahlrecht, mit der Geschichte der Frauen im Kirchheimer Gemeinderat von 1919 bis 2004 sowie mit Einzelporträts der Stadträtinnen Frieda Keppler, Martha Siegl, Lore Maier und Hannelore Bodamer. Es folgen Interviews mit Sybille Köber und Ursula Schenk sowie Listen mit allen Kirchheimer Gemeinderätinnen sowie mit allen Frauen, die jemals für den Kirchheimer Gemeinderat kandidiert haben.

Diesem Thema war im Sommer bereits eine Serie im Teckboten gewidmet. Ähnliches gilt auch für das Abschlussthema, das Ende Dezember 2006 bereits im Teckboten vorgestellt worden war: Das Leben und Wirken des Ingenieurs Willibald Gatter, der in den 1920er- und 1930er-Jahren in Böhmisch-Reichstadt eine Automobilfabrik betrieben hatte. Es ging ihm darum, kleine und leichte Autos zu bauen, die in etwa den Kraftstoffverbrauch eines Motorrades hatten. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte er es in Kirchheim erneut. Aber eine Serienproduktion war nicht mehr möglich: Die Zeichen der Zeit verlangten im Wirtschaftswunder-Deutschland nach großen und schwe­ren Automodellen. Aus heutiger Sicht war Willibald Gatter, der 1973 in Kirchheim gestorben ist, seiner Zeit voraus. Geschrieben hat den Beitrag übrigens der Enkel des Automobilbauers, Peer Gatter.

Der neue Band der Schriftenreihe des Stadtarchivs ist ab nächster Woche im Buchhandel erhältlich.