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"Eine der großen baden-württembergischen Persönlichkeiten"

LENNINGEN Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung haben Familie, Freunde und Weggefährten

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ANDREAS VOLZ

gestern in Oberlenningen den Papierfabrikanten Dr. Klaus Heinrich Scheufelen zu Grabe getragen. Beim Trauergottesdienst in der Kirche Sankt Martin würdigte Ministerpräsident Günther Oettinger den Verstorbenen als einen "Grandseigneur" und "eine der großen baden-württembergischen Persönlichkeiten". Er selbst habe ihn vor 30 Jahren bei Arbeitssitzungen der CDU kennengelernt: "Wir Jüngeren waren immer auf die Nachsitzungen gespannt, wenn er aus seiner Zeit in Amerika erzählte oder über seine Begegnungen als wichtiger Ratgeber für Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Rainer Barzel und Helmut Kohl."

Klaus Heinrich Scheufelen habe Politik gemacht, ohne Macht zu übernehmen: "Sein Rat war gefragt in Bonn, in Stuttgart und in seinem Heimatkreis." Seine Heimatgemeinde Lenningen habe er städtebaulich und sozial geprägt, denn: "Herz und Verstand, beides war ihm zu eigen. Er wusste, dass Eigentum nicht zu allem berechtigt, sondern verpflichtet auch zu sozialem Handeln."

Als Fabrikant habe Klaus Scheufelen die Welt der Papierherstellung maßgeblich und bis heute beeinflusst, weil er Wissenschaft und Forschung zeitlebens verbunden geblieben sei und dabei technische Pionierleistungen erbracht habe. Wie alle Redner vor und nach ihm, erinnerte auch der baden-württembergische Ministerpräsident in diesem Zusammenhang an das schwer entflammbare "Mondpapier" sowie an das besonders haltbare Papier für den Vatikan. Zum Vatikan-Papier erzählte Oettinger folgende Anekdote: "Der Papst fragte: , Wie lange hält das Papier?' Klaus Scheufelen antwortete: ,500 Jahre.' Das Geschäft war gemacht."

Zur praktischen und zupackenden Art des Unternehmers Klaus H. Scheufelen wusste auch Dieter Maier, der Vorsitzende des Verwaltungsrats der Papierfabrik, in seinem Nachruf eine aufschlussreiche Geschichte: Als man in den 50er-Jahren nicht mehr zuverlässig mit Kohlelieferungen aus dem Saarland rechnen konnte, habe Klaus Scheufelen kurzerhand eine Kohlegrube bei Bochum gekauft. Für Dieter Maier ist das ein Beispiel dafür, was ein unabhängiger Unternehmer tun kann: "Die Familientradition der Unabhängigkeit hat Klaus Scheufelen stets als Chance für Innovationen und als Möglichkeit für zügige Entscheidungen begriffen." Als Repräsentant der dritten Generation sei es für ihn eine große Freude gewesen, dass sein Enkelsohn Axel nunmehr in fünfter Generation für das Unternehmen tätig sei und die Familientradition damit ungebrochen fortführe.

Den Unternehmer wie den Politiker Klaus Scheufelen würdigte auch Professor Dr. Kurt Lauk, als Vorsitzender des CDU-Wirtschaftsrats einer seiner Nachfolger: "1963 hat Klaus Scheufelen mit führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft den Wirtschaftsrat gegründet und war dessen erster Vorsitzender." Er habe die Unternehmer stets in die Pflicht genommen, sich für Staat und Gesellschaft zu engagieren. Seine Orientierung habe er in der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards gefunden.

Als einzigartiges Beispiel für Klaus Scheufelens Wirken in seiner Heimatgemeinde nannte Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht "seine Vision und seine Initiative zum Entstehen unseres Ortsteils Hochwang und zum Bau der Hochwangsteige. Sein Ziel war es, die Vertriebenen und Flüchtlinge als Mitbürger in die neue Heimat einzugliedern." Grundsätzlich habe Klaus H. Scheufelen auch in seinem Wirken als Kreispolitiker als einer der ersten die Themen erkannt, die dann auf die politische Tagesordnung kamen.

Der Betriebsratsvorsitzende Karl-Heinz Wellmann würdigte den Verstorbenen als einen Unternehmer, der die Papierfabrik 60 Jahre lang geprägt habe und bis ins hohe Alter "fast zu jeder Tages- und Nachtzeit" im Betrieb unterwegs gewesen sei.

Von dieser Sorge um den Betrieb berichtete auch Oberlenningens Pfarrer Karl-Heinz Graf. Bei einem seiner vielen Besuche in den letzten Wochen habe der 94-Jährige zu ihm gesagt: "Was mich bekümmert, ist das Auf und Ab der Firma. Da hängen so viele Arbeitsplätze und Menschenschicksale dran." In mehreren "Bildern aus dem Familienalbum" blickte Pfarrer Graf auf das erfüllte Leben des Unternehmers zurück, der am 30. Oktober 1913 als "Nachzüglerkind" von Adolf und Paula Scheufelen geboren und kurz darauf in der Martinskirche in Oberlenningen getauft worden war. 1927 wurde er dort konfirmiert, und nun sei es sein Wunsch gewesen, dass auch die Trauerfeier in Sankt Martin abgehalten werde.

Weitere "Bilder" zeigten Klaus Scheufelen in Darmstadt an der Technischen Hochschule als Student bei Professor Walter Brecht, dem Bruder Bert Brechts, sowie im Mai 1939 in der dortigen Pauluskirche, als er seine Frau Rita heiratete. Im Jahr 1942 stand Klaus Scheufelen erstmals an der Seite des Raketentechnikers Wernher von Braun, dem er nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA folgen sollte, bis zur Rückkehr 1950.

Private "Bilder" zeigten 1943 die Geburt des Sohnes Ulrich und 1950 die Geburt der Tochter Eva Maria. Damit kam Pfarrer Graf aber auch auf das "traurigste Bild im Album" zu sprechen, auf den tödlichen Reitunfall der Tochter im September 1966 "das Schlimmste, was Eltern passieren kann". Dem Tod habe Klaus Heinrich Scheufelen nun aber in der christlichen Hoffnung entgegensehen können, mit seinen verstorbenen Angehörigen wieder vereint zu sein.