Lokales

Eine Frau mit unglaublich viel Taktgefühl

Die Kirchheimerin Vanessa Wünsch spielt sich beim Bundeswettbewerb in Lübeck in die Reihe der „Ersten Preisträger“

Kirchheim. Superstar Lena sorgt derzeit nicht nur in ganz Europa für Furore. Seit ihrem Erfolg in Oslo spricht die ganze Welt von der 19-jährigen Sängerin aus Hannover. Aktuelle Hochrechnungen beschäfti-

Anzeige

Wolf-dieter truppat

gen sich gerade vorwiegend mit der Frage, ob sie im kommenden Jahr ihren Titel verteidigen kann und eventuell noch damit, wann die frischgebackene Abiturientin ihre erste Million aus Plattenverkäufen, Werbeverträgen und dem Merchandising von Fan-Artikeln zusammen hat.

Vanessa ist „erst“ 18 Jahre alt, stammt aus Kirchheim und besucht derzeit noch das Schlossgymnasium. Wie ihre Zukunft aussehen wird, weiß sie noch nicht. Auf ein großartiges und vor allem sehr erfolgreiches Wochenende kann aber auch sie zurückblicken. In aller Stille verlangte die begabte Percussionistin sich und ihrem Instrument – mit ihren vier unterschiedlichen Schlägeln („Mallets“) wirbelnd – alles ab und erspielte sich in ihrer Altersklasse in der Kategorie „Mallets Solo“ einen begeisternden ersten Preis auf Bundesebene.

Das ist umso eindrucksvoller, wenn man weiß, dass die mehrfache Trägerin des Kirchheimer Musikpreises auch im vergangenen Jahr „Mit sehr gutem Erfolg“ beim Bundeswettbewerb mitgemischt hatte. Das Marimbafon hatte das Multitalent dabei freilich kurz beiseite gestellt, sich stattdessen gemeinsam mit Johann Riepe in der Kategorie „Duo Klavier und Violoncello“ zunächst erfolgreich im Regional- und Landeswettbewerb geschlagen und schließlich für das Finale qualifiziert. War sie in der Kategorie „Mallets Solo“ 2007 noch mit einem beachtenswerten dritten Preis ausgezeichnet worden, erspielte sich Vanessa Wünsch nun wunschgemäß – aber unfreiwillig in aller Stille – immerhin das durch das Urteil der Fachjury verbriefte Recht, sich als Deutschlands beste Marimba-Spielerin bezeichnen zu dürfen.

Lena hatte währenddessen im Sturm nicht nur ihr Publikum und flächendeckend die Boulevardblätter erobert, sondern auch seriöse Nachrichtenmagazine auf sich aufmerksam gemacht. Nachdem sie in Oslo erst kurz vor Schluss in das Geschehen eingegriffen hatte, dann aber das Feld spektakulär von hinten aufrollte, schaffte sie es mit ihrem Sieg und dank geradezu explodierender Internetpräsenz auch noch zum wichtigsten Tagesthema zu werden und damit alle Weltnachrichten hinter sich zu lassen.

Vanessa Wünsch musste in Lübeck beim 47. Bundeswettbewerb von „Jugend musiziert“ als erste starten, was immer eine große Hypothek darstellt. Schließlich wollen sich die Juroren anfangs noch Reserven nach oben freihalten. In der „Kategorie V – Mallets Solo“ folgte nach ihrem drei Einzelstücke umfassenden und insgesamt 17.30 Minuten währenden fulminanten Solovortrag noch die gesamte zehnköpfige Konkurrenz. Anders als Lena, die live miterleben konnte, wie die Länderpunkte sie immer weiter nach vorne spülten, musste Vanessa Wünsch einen ganzen Tag lang warten, bis sie endlich das alles entscheidende Ergebnis erfuhr.

Sie hatte es tatsächlich mit 24 der insgesamt möglichen 25 Punkte in die Kategorie „Erster Preis“ geschafft und damit ihre einzige Mitkonkurrentin hinter sich gelassen. Nur zwei der männlichen Mallet-Solisten konnten sich – mit nur einem aber nicht mehr entscheidenden Pünktchen „Vorsprung“ aber dem gleichen Rang – „vor“ sie schieben.

Der Aufwand, den Marimbafon-Virtuosen für ihren möglichen Erfolg schon im Vorfeld betreiben müssen, ist ungleich größer, als etwas bei Teilnehmern der Wettbewerbs-Kategorie „Gesang (Pop)“. Während Lena auch künftig immer und überall nur kurz zum Mikrofon greifen muss – oder sogar gleich a cappella losträllern kann, um ihren „Sattelite“ überzeugend durchstarten zu lassen, geht bei Vanessa Wünsch jedem Auftritt ein langwieriger Aufbau mit gewissenhaftem Soundcheck voraus.

Schon die Anreise zu einem konzertanten Auftritt ist immer auch eine logistische Meisterleistung. Ein Marimbafon packt man schließlich nicht mal eben so aus der Tasche, sondern ist locker eine Stunde lang damit beschäftigt, das große Instrument erst einmal auf- und später wieder abzubauen.

Ohne die intensive Mithilfe ihrer Eltern wäre Vanessa Wünsch auch in Lübeck nicht so gut über die Runden gekommen. Über Jahre erprobte Wettbewerbs-Routine konnte dafür sorgen, dass bei allem Respekt vor dem musikalischen Großereignis – mit immerhin 1 358 Wertungsspielen und 2 377 Teilnehmern und 450 Stunden Musik nonstop vor 150 Jurorinnen und Juroren – nicht auch noch unnötiger Stress durch Anfahrt und Aufbau dazukam. Die intensive Mithilfe der Eltern ist schon deshalb eigentlich selbstverständlich, weil sie ja schließlich auch nicht ganz unschuldig daran sind, dass ihre Tochter schon seit Jahren überaus erfolgreich musiziert.

Von klein auf war sie schon immer mit ihren musizierenden Eltern unterwegs gewesen und offensichtlich auf den Geschmack gekommen, das Thema frühkindliche Musikerziehung ernst zu nehmen. Die entscheidende Frage war freilich, ob sie auf den Spuren ihrer Klarinette spielenden Mutter Elke wandelt oder in die Fußstapfen von Vater Walter tritt, der immerhin schon vier Jahrzehnte bei der Kirchheimer Stadtkapelle als Percussionist den Takt vorgibt.

Während sich ihr Bruder Frank für den Kontrabass entschied, wählte Vanessa Wünsch einen goldenen Mittelweg. Im April 1999 begann sie an der Kirchheimer Musikschule mit dem Klavierspiel. Seit September 2000 ist sie dort aktiv und arbeitete sich über Anfänger- und Vorstufenorchester zur Jugendkapelle und zum Stammorchester hoch. Im November 2003 begann sie in der Stuttgarter Musikschule mit dem Schlagzeugunterricht und dem Schwerpunkt Marimbafon. Seit 2007 ist Vanessa Wünsch Mitglied des Kreisjugend-Blasorchesters Esslingen und seit Januar 2008 gehört sie dem Sinfonischen Jugend Blasorchester Baden-Württemberg an.