Lokales

Eine ganz besondere Fremdsprache

Pfarrer Thomas Adam, der im Sommer Neidlingen verlässt, wird zur Gehörlosenseelsorge beauftragt

Sabine Löffler-Adam und Thomas Adam, die sich in Neidlingen die evangelische Pfarrstelle teilen, werden den Ort im Sommer in Richtung Heubach bei Schwäbisch Gmünd verlassen. Wenn Thomas Adam am Sonntag zur Arbeit mit Gehörlosen beauftragt wird, geschieht dies daher schon im Blick auf seine neue Wirkungsstätte.

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PETER DIETRICH

Neidlingen. Weil eine wichtige Beteiligte erkrankt war, wurde der Gottesdienst zur Beauftragung Adams über Monate hinweg verschoben. Doch nun ist es so weit, Adams besondere Liebe zur neu entdeckten Fremdsprache wird endlich zu einem offiziellen Auftrag. Damit die Lichtverhältnisse beim Blick nach vorne besser sind, für Gehörlose ist dies besonders wichtig, wurde der Sonntagsgottesdienst am 15. Februar extra auf 14 Uhr verschoben. Bei der Feier wird ein Gebärdenchor mitwirken, das Ensemble unter Leitung von Heidemarie Mezger wurde von der Presse schon als der „seltsamste Kirchenchor in ganz Deutschland“ bezeichnet. Die Darbietung der sieben bis neun gehörlosen Frauen, schwärmt Adam, sei ein „ästhetischer Genuss“.

Adams Begeisterung für die Gebärdensprache begann vor ein paar Jahren mit einem Anruf. Das Gespräch mit Diakonin Karin Haag vom Landesgehörlosenpfarramt für Württemberg, das sich ergab, als diese eigentlich seine Frau sprechen wollte, weckte in ihm verschiedene Erinnerungen. Vor langer Zeit hatte er in Stuttgart-Musberg immer wieder ein gehörloses Ehepaar auf dem Balkon beim Gebärden beobachtet, auch hatte Adam den Kinofilm „Jenseits der Stille“ gesehen.

Bei einem Schnupperkurs für Pfarrer lernte Adam die Gebärdensprache näher kennen. „Ich bin da relativ schnell aufgefallen“ meint er. „Ich reagiere auf Bewegungen, kann mir diese schnell merken, besser als stehende Bilder.“ Das Vaterunser in Gebärdensprache, das bei diesem Wochenende einstudiert wurde, rührte ihn zu Tränen. Längst hat er es den Dritt- und Viertklässlern der Neidlinger Grundschule beigebracht. Als er es dort wieder abschaffen wollte, erlebte er, wie seine Schüler daran festhalten wollten. Beim Gottesdienst am Sonntag wird Adam nun über Teile des Gehörlosen-Vaterunsers predigen. Allerdings in Worten, er wird dabei parallel in Gebärdensprache übersetzt. Teile der Liturgie wird er jedoch selbst gebärden.

Der Begriff „Gebärdensprache“ ist nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick erscheint. Folgen beim lautbegleitenden Gebärden (LBG) die Gesten Wort für Wort der gesprochenen Sprache, handelt es sich bei der seit 2002 in Deutschland rechtlich anerkannten Deutschen Gebärdensprache (DGS) um eine eigene Sprache mit eigener Grammatik. Sie wird von etwa 200 000 Menschen beherrscht. „Hände und Mimik arbeiten zusammen“, erläutert Adam. Während seine Hände ein Buch formen, zeigt sein Gesicht, was von diesem Buch zu halten ist: Ist es spannend – oder, wie die leicht heraushängende Zunge zeigt, eher langweilig? Als dritte Möglichkeit kommt noch das deutsche Fingeralphabet dazu. Ein neuer Name wird zuerst buchstabiert, dann bekommt dieser eine Gebärde. Bei Adam ist es, das liegt nahe, die für einen kurzen Bart.

„Die Gebärdensprache ist sehr aussagekräftig“, betont Adam. Wenn er in einen Raum komme, in dem gebärdet werde, er aber den Zusammenhang nicht kenne, sei das Verstehen für ihn bislang trotzdem schwer. Geht es gerade um den Urlaub oder um einen Film? Manche sehr ähnlichen Bewegungen hätten eine völlig unterschiedliche Bedeutung. Lautstärke gebe es beim Gebärden ebenfalls: Wenn jemand „müssen“ mit dem Finger zeige, mache der Radius der Bewegung den kleineren oder größeren Nachdruck hinter dieser Forderung deutlich. „Man kann ästhetisch schön gebärden, aber auch ruppig“, nennt Adam eine weitere Unterscheidung.

Dass er sich selbst noch ganz am Anfang sieht, gibt er gerne zu – trotz Fortgeschrittenenkurs, Studienmaterial, verschiedenen Treffen und zahlreichen Gebärden als Bildschirmschoner. Er erzählt von einer Kollegin, die an der Vorbereitung für eine Predigt in Gebärdensprache vier Wochen lang arbeitet. Weil der Gebärdensprache an vielen Stellen das Vokabular fehle, sei es gerade bei abstrakten Dingen schwierig, nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen. Die Herausforderung sei, Sachen einfach zu sagen, aber nicht zu stark zu vereinfachen.

In bisher etwa jedem zweiten evangelischen Kirchenbezirk in Württemberg gibt es einen Bezirksbeauftragten für Gehörlosenseelsorge. Meist sind es Pfarrer oder Diakone, die Zusatzaufgabe übernehmen sie ehrenamtlich. An knapp 20 Orten in Württemberg gibt es evangelische Gehörlosengottesdienste, etwa in Göppingen und Stuttgart.

„Die Gehörlosengemeinde ist auch eine Sozialgemeinschaft, jeder Gehörlosenpfarrer zugleich Sozialarbeiter“, sagt Adam. Bei Letzterem könne es um einen Behördengang oder einen Arztbesuch gehen. Er hat sich bei seinen Pfarrkollegen im Bezirk umgehört: „Keiner meiner 25 Kollegen kennt einen Gehörlosen.“ Denn ältere Gehörlose lebten oft sehr zurückgezogen. Jüngere hingegen suchten sich überregional Kontakte, seien sehr mobil und auch mit dem Auto unterwegs – das Fahren sei ihnen keineswegs verboten.

Fahren sie etwas weiter weg, überschreiten auch sie, wie die Hörenden, so manche sprachliche Grenze. Da wird der Samstag womöglich nicht mehr mit einer Gebärde für Waschen oder Putzen dargestellt, sondern mit einer Kombination aus „Sonne“ und „Abend“. Auch die Gebärdensprache hat eben ihre Dialekte.

Der Gottesdienst, in dem Pfarrer Adam zur Arbeit mit Gehörlosen beauftragt wird, beginnt am 15. Februar um 14 Uhr in der evangelischen Kirche in Neidlingen.