Lokales

"Eine ganz normale Nachbarschaft"

24 Erwachsene mit Behinderung im Alter von 25 bis 50 Jahren leben im Wohnheim der Kirchheimer Lebenshilfe in der Saarstraße. Vor zehn Jahren wurde das Wohnprojekt mit Begegnungsstätte eröffnet, und seit dieser Zeit unterstützen die Anwohner ihre gehandicapten Nachbarn auf vielfältige Weise.

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FRANK HOFFMANN

KIRCHHEIM "Im Grunde ist es eine ganz normale Nachbarschaft", erzählt Gerhard Thrun, Geschäftsführer der Kirchheimer Lebenshilfe. Man feiert gemeinsame Feste, trifft sich sonntags zum Kaffee und ist im Alltag füreinander da. Tatsächlich ist das gutnachbarschaftliche Miteinander in der Kirchheimer Saarstraße alles andere als selbstverständlich. Noch immer begegnen viele behinderten Menschen im Alltag mit großer Scheu und Unsicherheit, manche sogar leider mit kaum verhohlener Ablehnung. Vor diesem Hintergrund ist das Zusammenleben von Wohnheimbewohnern, Mitarbeitern und Nachbarn in der Saarstraße ein vorbildliches Beispiel für die gelungene Integration behinderter Menschen in ihr Wohnumfeld. "In meiner gesamten beruflichen Praxis", sagt Gerhard Thrun, "habe ich ansonsten nie eine solche Aufgeschlossenheit erlebt." Der pädagogische Leiter des Wohnheims war es denn auch, der die tatkräftigen Nachbarn in den Gebäuden Saarstraße 67 bis 107 für den Ehrenamtspreis "Starke Helfer" vorgeschlagen hat. Der Preis steht dieses Jahr unter dem Motto "Netzwerk Nachbarschaft".

Die Kontakte zwischen der Lebenshilfe und den künftigen Nachbarn wurden bereits in der Bauphase geknüpft, erinnert sich Thrun, und schon vor der Fertigstellung des Wohnheims war die erste Kooperations- und Integrationsidee geboren: das Cafe Paradiesle. Das Konzept wurde gemeinsam mit den Nachbarn entwickelt, und mit der Eröffnung des Wohnheims vor zehn Jahren startete auch der Cafe-Betrieb. Allsonntäglich öffnet das gemütliche Kaffeehaus ein gemeinsames Projekt des Aktionskreises Behinderte (AKB) in Kirchheim und der Lebenshilfe seither seine Pforten. "Das Cafe Paradiesle ist ein Angebot von und für Menschen mit und ohne Behinderung", bescheibt Gerhard Thrun das Konzept, das seit zehn Jahren auf großes Interesse stößt. Drei Familien aus der Nachbarschaft gehören zum festen Stamm des ehrenamtlichen Teams, hinzu kommen etliche, die mit Kuchenspenden zum Gelingen des gemütlichen Nachmittags beitragen. Jeweils drei bis vier behinderte und ebenso viele nicht behinderte Menschen organisieren in wechselnder Besetzung den Kaffeebetrieb. Gerade auch Eltern von Kindern mit Behinderung schätzen die entspannte Atmosphäre im Paradiesle, erzählt Thrun, und die Nachbarn sorgen mit persönlichen Einladungen dafür, dass auch immer wieder neue Gäste den Weg in das etwas andere Cafe in die Saarstraße finden.

Ebenfalls seit zehn Jahren organisieren die Anwohner zusammen mit den Wohnheimbewohnern und den Mitarbeitern der Lebenshilfe regelmäßig Feste. Neben dem Nikolaustreffen hat vor allem das Nachbarschaftsfest inzwischen seinen festen Platz im Jahresprogramm. Auch hier gilt wie bei allen gemeinsamen Projekten in der Saarstraße: Die Wohnheimbewohner sind von Anfang an bei der Planung, Organisation und Durchführung mit von der Partie. Das Ergebnis der vereinten Bemühungen ist jedes Jahr ein abwechslungsreiches Programm mit Spielen, Vorführungen, Disco und gemütlichem Plausch bei Speis und Trank. Selbstverständlich sind die Nachbarn auch zu den Veranstaltungen des Wohnheims wie Sommerfest oder Tanz in den Mai eingeladen.

Besonders dankbar ist Gerhard Thrun für die nachbarschaftliche Mitarbeit im Heimbeirat des Wohnheims. Vier gewählte Vertreterinnen und Vertreter der Wohngruppe bilden den

Beirat, der sich einmal pro Monat trifft und sich um die kleinen und großen Probleme im Wohnheim-Alltag kümmert, Stellungnahmen zur Hausordnung und Regelungen abgibt und Ausflüge und Feste plant. Eine Nachbarin hat sich bereit erklärt, an den Sitzungen teilzunehmen und das vierköpfige Team zu unterstützen. Sie übernimmt organisatorische Arbeiten, hilft, Stellungnahmen zu formulieren oder bereitet mit den gewählten Heimvertretern die einmal jährlich stattfindende Vollversammlung vor. "Gerade weil sie von außen kommt, ist diese Hilfe überaus wertvoll", freut sich Lebenshilfe-Geschäftsführer Thrun.

Und dann gibt es natürlich noch den Alltag: Das Hallo am Morgen, das kurze Gespräch am Gartenzaun auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, die Einladung zum Abendessen und zum gemeinsamen Ausflug oder Wohnheimbewohner, die mit Jugendlichen aus der Nachbarschaft Musik-CDs und Videos tauschen "eine ganz normale Nachbarschaft eben". Gerade auch diese alltäglichen Begegnungen zeigen: In der Kirchheimer Saarstraße ist die Integration behinderter Menschen ins Alltagsleben weit mehr als nur ein Lippenbekenntnis.