Lokales

Eine Gesellschaft des langen Lebens

Staatsrätin Dr. Claudia Hübner: Mehr 60- als unter 20-Jährige im Land

Demografisch gesehen ist es nicht fünf vor zwölf, sondern 30 nach zwölf. Deutlich führte Staatsrätin Prof. Dr. Claudia Hübner dem Esslinger Kreistag in seiner jüngsten Sitzung in Owen vor Augen, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft nicht nur über den demografischen Wandel reden, sondern die damit verbundenen Probleme auch lösen muss.

richard umstadt

Owen. Die Zahlen, die die für den demografischen Wandel und Se­nioren im Staatsministerium zuständige Staatsrätin Dr. Hübner nannte, sprechen eine deutliche Sprache. In Baden-Württemberg gibt es seit 2000 erstmals mehr 60-Jährige als junge Leute unter 20. Dies ist auch im Landkreis Esslingen nicht anders. Hier sind die über 60-Jährigen gegenüber den unter 20-Jährigen ebenfalls in der Mehrheit. Das Durchschnittsalter der Menschen im Kreis bewegt sich mit 41,9 Jahren etwa im Landesdurchschitt von 41,7 Jahren. Sinkt die Einwohnerzahl des Musterländles bis 2025 um eine Million Einwohner, so ist der Bevölkerungsrückgang im Landkreis Esslingen etwas schwächer ausgeprägt. Er verliert bis 2025 dennoch 2 300 Einwohner, „in etwa die Einwohnerzahl von Kohlberg“, so der Vergleich der Staatsrätin.

Rein statistisch gesehen, würden 2,1 Kinder pro Familie dafür sorgen, dass die Deutschen nicht aussterben. „Davon sind wir weit entfernt“, bedauerte Dr. Hübner. „Wir sind das Land mit der höchsten gewollten Kinderlosigkeit.“ Ursächlich dafür seien Existenzängste. „Wir müssen den jungen Menschen mehr Sicherheit vermitteln und ihnen zeigen, dass Kinder kein Störfaktor, sondern eine Bereicherung sind.“

Dass die Seniorenpolitik in Zukunft einen viel größeren Stellenwert haben muss, geht allein aus den Zahlen hervor: Bis 2025 wird die Gruppe der über 80-Jährigen im Kreis um 75 Prozent auf fast 38 000 anwachsen. Dies habe nicht nur Konsequenzen für den ambulanten und stationären Bereich. Die Erschließung der Potenziale älterer Arbeitnehmer, die Schaffung flexibler Kinderbetreuungseinrichtungen, neue Wohnformen und die stete Verbesserung der Qualität des Bildungssystems seien weitere Beispiele für künftige Handlungsfelder. Beim gemeinsamen „Wachsen in eine Gesellschaft des langen Lebens“ wies Dr. Claudia Hübner den Kommunen eine wichtige Rolle zu und plädierte für mehr „interkommunale Zusammenarbeit“ und Einkaufsmöglichkeiten im Ort statt auf der grünen Wiese.

Um für die nächste Generation attraktiv zu sein, will die Staatsrätin „Wissen und Können fördern und fordern“, Kinder sollen willkommen geheißen werden und Ältere müssen dazugehören – „ein Miteinander der Generationen muss selbstverständlich werden“.

Etwas enttäuscht von dem Referat waren Solveig Hummel, SPD, die sich „mehr Futter“ gewünscht hätte, und Wolfgang Latendorf, Grüne, der ausreichende Maßnahmen der Politik vermisste. Bernhard Richter, Freie Wähler, bemängelte, dass das Land Themen anstoße, dann aber „kein Geld in die Hand nehme“. „Die sozialen Sicherungssysteme zu organisieren, ist Sache der Politik“, sagte Richter. Außerdem kritisierte der Kreisrat der Freien Wähler den Zickzackkurs des Landes im Bildungsbereich und beim Thema Ganztagsschule. „Geben Sie uns mehr Lehrerstunden, dann ist den Lehrern, Schülern und Eltern schon sehr viel geholfen“, meinte Bernhard Richter. Die Staatsrätin versprach, die Kritik an den Kabinettstisch mitzunehmen und an Kultusminister Rau weiterzuleiten.

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